Berlin ab 50…

… und jünger

Großer Spaß mit kleiner (Modellbahn)Welt

„Könnte ich bitte kurz Ihren Mann sprechen?“ fragt der Anrufer am Telefon. „Das ist derzeit schwer machbar, er ist bei der Eisenbahn“, antwortet meine Frau bedauernd. Darauf der Anrufer: „Ach, ich wusste gar nicht, dass Ihr Mann bei der Eisenbahn arbeitet.“

Und schon war es da, das Missverständnis: Ich arbeite nicht bei der großen Eisenbahn, wie der Anrufer verIMG_4525mutete. Ich werkele an meiner kleinen Bahn, der Modelleisenbahn im eigens dafür eingerichteten Kellerraum. Wenn ich gedanklich in die fantasievoll gestaltete Landschaft im Maßstab H0 eingetaucht bin, dann lass ich mich nur ungern stören. Dort schalte ich ab – und gleichzeitig die Regler für den Zugbetrieb ein.
Mein privater Eisenbahnverkehr läuft seit 1997 auf mehr als vier Quadratmetern durch eine Mittelgebirgslandschaft, die der Schwäbischen Alb nachempfunden ist. Die Güter- und Personenzüge verschwinden in Tunnels, halten vor dem Bahnhof, fahren über Brücken und suchen sich ihren Weg durch die wirr erscheinenden Gleisanlagen. Weichen klacken, Signale klicken und Lokomotiven bleiben wie von Geisterhand stehen.

Damit es niIMG_4507cht zu einfach ist, habe ich die Zeit zurückgedreht und die Szenerie in die 1920er Jahre versetzt. Die altertümlichen Waggons werden von Dampflokomotiven gezogen. Pferdefuhrwerke, Figuren mit Handwagen und -karren und Fahrzeuge aus der Anfangszeit des Automobils beherrschen das Stadtbild, das Dorf und die Siedlung im Wald. Es gibt keine Fernsehantennen und Satellitenschüsseln auf den Dächern. Weder Windräder, noch Mobilfunktürme stehen in der Landschaft herum. Es wirkt alles recht stimmig auf den Betrachter, wenn man als gewissenhafter Gestalter die Zeitläufte beachtet. Das ist eine der Herausforderungen.

Ich habe großen Spaß am Verwirklichen dieses dreidimensionalen Still-Lebens, das eigentlich nie fertig wird. Auf Fotos und in Berichten aus alter Zeit suche und finde ich immer wieder neue Anregungen. Kleine, oft witzige Szenen, im wirklichen Leben beobachtet und vonIMG_4532 mir en miniature nachgestellt, ergeben ein buntes Gesamtbild. Historische Straßenlaternen und altmodische Bahnlampen leuchten in der Dunkelheit, wenn auch in den Häusern das Licht angeht.

Und warum das alles? Dass der Modelleisenbahnbau heute zu meinen Hobbys zählt, das habe ich meinem Vater und meinem Onkel zu verdanken. Ich war noch keine fünf Jahre alt, da überraschten sie mich zu Weihnachten mit einer elektrischen Modelleisenbahn. Das war Mitte der 1950er Jahre nicht nur für mich noch etwas Besonderes. Während meiner Schulzeit wurde die Bahnplatte von Jahr zu Jahr vervollständigt, vor Weihnachten auf- und vor Ostern abgebaut. Vor meinem Abitur verschwanden fahrende und stehende Modelle für viele Jahre in großen Kartons, die auf dem Dachboden verstaut wurden.

Aber kaum war mein Sohn drei Jahre alt, kramte ich die alten Utensilien wieder hervor und begeisterte ihn erfolgreich für die Eisenbahn im Maßstab 1:87. Bis zu seiner Jugendzeit bauten wir die Anlage stetig aus, bis sie schließlich in den Keller umziehen musste: Der Platz in der IMG_4508Wohnung reichte einfach nicht mehr aus. Dort sorgte die Modellbahn lange Zeit für den nötigen Ausgleich zu meinem Arbeitsstress, vor allem in den Wintermonaten, wenn die Abende lang sind, und ich einmal auf ganz andere Gedanken kommen wollte. Und es half tatsächlich. Die Fingerfertigkeit beim Basteln, die Geduld beim Suchen eines Kurzschlusses, wenn die Elektrik mal wieder spinnt und nicht so will, wie ich will, und das möglichst exakte Nachbauen von Natur und Landschaft im Modell, das alles lässt einen den Alltag schnell vergessen.

Das Berufsleben liegt nun hinter mir. Die freie Zeit für die Bahn im Kleinen ist jetzt reichlich vorhanden. Die Liste der unerfüllten Wünsche, angeregt durch die exzellenten Internet-Auftritte der Modelbahnhersteller, wird aber einfach nicht kürzer. Jedes Jahr gibt es originalgetreue, elektronisch raffinierte Neuheiten auf dem Modellbaumarkt, die noch vortrefflich in die private Bahnlandschaft passen würden. Der Strom an neuen Ideen reißt einfach nicht ab.
Der Gang zur beschaulichen Miniwelt hinter der Kellertür, nach Knorringen wie der Ort auf meiner Modellbahnanlage heißt, verspricht jedes Mal Abwechslung und anregenden Zeitvertreib – solange ich nicht am Telefon verlangt werde.

Angekoppelt: Haben Sie auch ein oder mehrere Hobbys, mit denen Sie gern Ihre freie Zeit verbringen? Empfinden Sie Ähnliches beim Sammeln von Briefmarken, Schlüsselanhängern, alten Langspielplatten oder Figürchen aus Überraschungseiern? Was geht Ihnen so durch den Kopf, wenn Sie in der Garage Ihren Oldtimer polieren, im Keller einen alten Küchenschrank restaurieren oder für die Enkelin das zigste Puppenkleid nähen oder häkeln? Schreiben Sie uns Ihre Gedanken und Gefühle.

Lothar Beckmann

alle Fotos (c) LB

Ein Kommentar

  1. Thomas

    Ohne Fotos wäre die Geschichte nur halb so schön – sie machen Lust auf mehr! Das ist wohl wirklich eine „Modell“Welt oder besser eine „Traumwelt“. Wie schön, wenn sie sich selbst bauen kann!
    Thomas

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