Berlin ab 50…

… und jünger

Ungestellte Fragen

TagebuchIch bin ein Tagebuchschreiber. Damit angefangen habe ich am 11. August 1980 und die erste Eintragung beginnt mit dem Satz: „Ich habe mich zum Führen eines Tagebuchs entschlossen“.

Diesen Entschluss habe ich, zumindest was dessen stetige Ausführung angeht, nicht immer konsequent verfolgt. Manchmal gibt es monatelange Lücken im Tagebuch, und im Jahr 1987 ist überhaupt keine Eintragung erfolgt.
Anfangs schrieb ich auf losen Blättern, Notiz- und Programmzetteln oder Hotelbriefbögen, was mir gerade in die Hände fiel. Damals war ich beruflich viel unterwegs und ich nutzte die Wartezeiten auf Flughäfen oder Bahnhöfen, auch die Passagen selbst, für meine Notizen und Beobachtungen. Entsprechend schlecht ist die Handschrift, denn nicht immer gab es eine Unterlage oder gar einen Tisch, auch geraten Flugzeuge in Turbulenzen und Züge haben die Eigenschaft zu schlingern.
Später kaufte ich Notizbücher oder Kladden und bemühte mich, deutlicher zu schreiben, nach Möglichkeit mit einem Füllfederhalter. Der nämlich entschleunigt die Handschrift im GeTagebuch (2)gensatz zu Kugelschreibern, die irgendwie zur Eile treiben. Folge davon war, dass ich meine Arbeit am Tagebuch mehr an den Schreibtisch verlagerte und unterwegs kaum noch Notizen machte. Neuerdings führe ich mein Tagebuch am Computer. Ein Zeichen der Zeit und nicht ungefährlich, denn der Versuchung zu widerstehen, die Eintragungen später „anzupassen“ und damit Spuren zu verwischen, dürfte nicht ganz einfach sein.

Manchmal hatte ich Zweifel daran, das Tagebuch überhaupt weiter zu führen, angesichts der Belanglosigkeit meiner Protokolle. Andere Tagebücher brennen förmlich vor Spannung, oft, weil sich der Schreiber in lebensbedrohlicher Lage befand, verfolgt wurde und sich gar vor Deportation fürchten musste. Solche Eintragungen finden sich in meinen Tagebüchern nicht. Glücklicherweise.
Sollten sie überhaupt einmal von jemandem gelesen werden oder gar dessen Interesse finden? Ich bin mir nicht sicher.
Die Notizen enthalten nicht mehr als meine momentanen Gedanken, auch Befindlichkeiten und Empfindlichkeiten, Reiseeindrücke, beruflichen Frust und ganz banale Gegebenheiten des Alltags. Nichts besonderes also, nichts, was jemanden interessieren könnte.

Kürzlich nun erschien in der Sonntagsausgabe des „Tagesspiegel“ ein Bericht über das Deutsche Tagebucharchiv in Emmendingen. Die Existenz und die Geschichte dieses Archivs waren mir längst bekannt: Man sammelt dort Tagebücher, oft aus Nachlässen, wertet sie systematisch aus, zum Beispiel nach politischen Ereignissen oder Zeitströmungen.
Das Interessante sind die Erfahrungen, die man in Emmendingen beim Lesen der Tagebücher macht. Sie münden oft in geradezu philosophische Einsichten.

So berichtet die Initiatorin des Archivs, Frau von Troschke, über die Gründe, die Menschen bewegen, ein Tagebuch zu führen. Oft begännen die Aufzeichnungen mit einem einschneidenden Ereignis: Kriegserklärung, Pubertät, Geburt eines Kindes, mit einer neuen Liebe. „Die meisten schreiben, wenn sie unglücklich sind“, sagt sie.
Auf meine Anfänge passt das ziemlich gut. Damals war ich Ende 30, die großen Ziele waren erreicht: Das Studium, eine eigene Familie und dazu noch ein Arbeitsplatz, der meinen Träumen von einem beruflichen Werdegang weitgehend entsprach. Was sollte jetzt kommen? Ginge es immer so weiter mit dem großen Glück, oder sollte ich noch einmal etwas ganz Neues beginnen – doch wozu? Man könnte es eine erste Lebenskrise nennen. So jedenfalls mein Eindruck heute, wenn ich die damaligen Eintragungen wieder lese.

„Die Tagebücher sind allesamt klüger als ihre Verfasser“, sagt Frau von Troschke. Am Ende sei es gar nicht das einzelne Wesen, das interessiere, sondern seine Bedingungen. Ausgerechnet mit seinem Persönlichsten bliebe der Mensch als Teil der Zeitgeschichte in Erinnerung.

Tagebuch (1)Solche und noch andere kluge Erkenntnisse der Emmendinger veranlassen mich, noch einmal grundlegend darüber nachzudenken, was mit meinen Tagebüchern eines Tages geschehen soll. Soviel habe ich gelernt: So banal mir ihre Inhalte heute erscheinen mögen, später einmal würden sie einem Leser vielleicht Fragen beantworten, die heute noch gar nicht existieren und von denen ich, wie alle anderen Tagebuchschreiber, nicht die geringste Vorstellung habe.
Der Gedanke allerdings, dass sie nach meinem Tod von Angehörigen, Freunden oder Zeitgenossen gelesen werden, ist mir nicht angenehm. Die sollen ihr Bild, dass sie sich von mir gemacht haben, getrost behalten. Da denke ich dann schon eher an die Generation der Enkel oder – besser noch – Urenkel, die sicherlich unbefangener damit umgehen würde. Oder ich vermache meine Tagebücher gleich dem Emmendinger Archiv. Dort werden sie in anonymisierter Form veröffentlicht, denn, wie gesagt, auf das einzelne Individuum kommt es nicht an, nur auf die Beantwortung von Fragen, die noch gar nicht gestellt sind.

Näheres erfahren Sie auf den Internetseiten des Deutschen Tagebucharchivs in Emmendingen: www.tagebucharchiv.de

Ferdinand

Fotos (c) Ferdinand

Ein Kommentar

  1. Thomas

    Ja, so ist es wohl: Wohl jeder fängt einmal in seinem Leben an, Tagebuch zu schreiben. Ich natürlich auch. Aber ich habe sehr schnell aufgegeben – zu banal erschien es mir, was ich aufzuschreiben gedacht. Zudem: Irgendwann kam ich mir merkwürdig vor, mich ständig selbst zu spiegeln. Warum – das weiß ich auch nicht so genau.
    Zumal: Es ist wohl tatsächlich das Unglücklich-Sein, dass einem zum Schreiben bringt. Wohl weil man – oder ich mich – scheut, sich im Unglück zu offenbaren. Eigentlich schlimm, nicht wahr?
    Ein Tagebuch bzw. eigentlich zwei haben mich unter denen, die ich gelesen habe, ungemein beeindruckt: Die von Christa Wolf: „Ein Tag im Jahr (über die Zeit 1960 bis 2000) und das letzte kleine Bändchen „Ein Tag im Jahr 2001 bis 2011“.
    Ich kann sie nur empfehlen. Auch wenn es das eigene Tagebuch-Schreiben schwerer macht – der Beitrag von Ferdinand zeigt sehr gut, warum das so ist. „Mutig“, dass er weiter macht und sogar über eine Übergabe an das Tagebuch-Archiv nachdenkt.
    Thomas

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