Berlin ab 50…

… und jünger

Familienforschung Teil 1: Der Anfang

Teil_1 (0)k  Eigentlich hatte es damit begonnen, dass mir vor einigen Jahren die Pappschachtel mit den Familienfotos wieder in die Hände fiel. Fast drei Jahrzehnte lang hatte sie in der Sockelschublade eines Schranks überdauert und im Lauf der Zeit war sie immer weiter nach hinten gewandert, um weiteren Dingen Platz zu machen.
Natürlich kannte ich ihren Inhalt. Schon als Kind hatte ich die alten Schwarzweißfotos aus längst vergangenen Zeiten in den Händen gehabt und mir die abgebildeten Personen in ihrer altmodischen Kleidung angeschaut. Sie alle schienen mir sehr sehr alt zu sein, und am Leben waren sie sowieso schon lange nicht mehr. Die Geschichten, die meine Mutter mir beim gemeinsamen Betrachten zum soundsovielten Mal erzählte, interessierten mich damals kaum.
Als sie dann überraschend gestorben war, nahm ich aus ihrer kleinen Wohnung nur wenige Erinnerungsstücke mit, unter anderem die besagte Schachtel. Mehrere Umzüge hatten ihre Habseligkeiten ohnehin ziemlich zusammenschrumpfen lassen.

Heute, inzwischen selbst im Seniorenalter, hüte ich die Schachtel wie einenTeil_1 (1)k Schatz . Die auf den Fotos abgebildeten Personen kommen mir jetzt viel weniger alt vor, oft sogar noch jugendlich, und das waren sie zur Zeit der Aufnahmen auch: Meine Großmutter als junge Braut, mein Vater als draufgängerischer, bebrillter Autofahrer und meine Tanten im Charlestonkleid.
Mein Großvater war Schrankenwärter in Westpreußen und betrieb zur Eigenversorgung zusätzlich einen kleinen Bauernhof in einem Dorf von 300 Seelen. Heute würde man ihn als Nebenerwerbslandwirt bezeichnen und er könnte wahrscheinlich steuerliche Vorteile geltend machen. Dass er sich vor fast 100 Jahren um Steuerformulare gekümmert hat ist allerdings Teil_1 (2)höchst unwahrscheinlich und dass seine fünf Töchter Charleston tanzten und seine drei Söhne Auto fuhren noch viel unwahrscheinlicher.

Wie erklären sich nun deren Fotos im modischen Outfit und am Luxusauto? Ganz einfach: Schon die Fotografen jener Zeit boten ihren Kunden vielfältige Möglichkeiten der Selbstdarstellung und hielten die dazu erforderlichen Accessoires gleich bereit. Das Geschäft mit der Eitelkeit floriert nicht erst heute.
Nach der Aufnahme zogen die Mädchen die schicken Kleider wieder aus, banden sich eine Schürze um und tauschten das flotte Stirnband mit dem Kopftuch. Die Hühner mussten gefüttert und die Ziegen gemolken werden. Darauf achtete die Großmutter. Für den Moment einer Fotoaufnahme war man in die Scheinwelt der Metropole Berlin und ihrer Tanzpaläste geschlüpft und täuschte mit dem Foto ganze nachfolgende Generationen: „Schau, wie hübsch Grete in ihrem feschen Kleid aussieht, wo sie wohl hingegangen sein mag und mit wem?“. Pustekuchen – alles nur fake.
Doch es waren die selbenTräume, die wir auch jetzt noch träumen, nur, dass sie heutzutage leichter in Erfüllung gehen. Den Lauf der Weltgeschichte in und nach den „Goldenen Zwanziger Jahren“ kennt man ja.

Für mich jedenfalls wurden diese alten Familienfotos samt der Urkunden und Papiere zu einer Herausforderung, und je länger ich mich damit beschäftige, um so tiefer zieht mich ein Sog in die längst vergangene Welt meiner Vorfahren.
Anhand gleichen Fotopapiers und der Randbeschneidung kann ich inzwischen ganze Fotoserien wieder zusammen führen, aus denen sich bestimmte Ereignisse, wie die Vorstellung der Verlobten bei den Schwiegereltern, Hochzeiten, Taufen oder Silvesterfeiern rekonstruieren lassen.
Scannt man die Fotos, so werden beim Vergrößern auf dem Bildschirm bisher unentdeckte Details sichtbar. Plötzlich kann man den Personen tiefer in die strahlenden oder traurigen Augen schauen und an den Bartspitzen erkennen, ob einer zu Kaiser und Vaterland stand oder eher zu den Sozialisten, und welches Abzeichen mancher am Revers trug.
Ein Mensch hinterlässt nicht viel, wenn er einmal von der Welt gegangen ist, und oft bleibt nur ein Karton mit alten Fotos, Urkunden und Notizen zurück. Doch sie öffnen einen Blick in die Vergangenheit, und dabei kann Erstaunliches zu Tage treten.
Was es im Einzelnen zu entdecken gab, will ich in den nächsten Folgen berichten, zumindest einen Teil davon.

Ferdinand

Fotos  (c) Ferdinand

2 Kommentare

  1. Thomas und Thea

    Jeder würde sich wohl eine solche „Wunderschachtel“ wünschen. Zumindest dann, wenn die eigene Erinnerung nur kurz reicht. Deshalb ist es eine schöne Idee, dass Sie uns daran teilhaben lassen. Wir sind gespannt ….
    Thomas und Thea

  2. Seit 20 Jahren hat mich dieses Hobby nun gefasst und ich bei jedem Besuch von Verwandten hoffe ich auf so eine „Zauberkiste“ 🙂 Viel Spaß beim Weiterstöbern!

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