Berlin ab 50…

… und jünger

Familienforschung Teil 3: Europa erinnert sich

Die Europeana1914-1918, so las ich in der Zeitung, sei eine Initiative der Universität Oxford zur Aufarbeitung der Ereignisse des Ersten Weltkriegs zum hundertjährigen Jahrestag des Kriegsausbruchs im Jahr 1914. Menschen in Europa, eigentlich in der ganzen Welt, seien dazu aufgefordert, Dokumente, Tagebücher, Briefe, militärische Auszeichnungen und alles, was sich über diese Tragödie des Zwanzigsten Jahrhunderts in ihrem Privatbesitz befindet, einer internationalen Datenbank zur Verfügung zu stellen. In den europäischen Großstädten stünden Historiker zur Verfügung, um diese Urkunden und Relikte zu beurteilen und bei deren Deutung zu helfen. Auch in Berlin sei für wenige Tage eine entsprechende Anlaufstelle in der Staatsbibliothek am Kemperplatz eingerichtet worden.

In der schon erwTeil_3 (1)ähnten Pappschachtel mit den Familienfotos hatte sich auch ein Bild meines Großonkels gefunden, das ihn als Rekruten, zusammen mit seinen Kameraden, beim Jahreswechsel 1914 / 15 in einem Ausbildungslager in Posen zeigt, so jedenfalls steht es auf einem Schild, das die jungen Männer, flankiert von Ausbildungsoffizieren, lächelnd in die Kamera halten. Die Rekruten im Drillich, die Offiziere in ihren gut sitzenden, dekorierten Uniformen und in lässiger Haltung mit übergeworfenen Mänteln. Man ist siegesbewusst.

Ein zweites FoTeil_3 (2)to zeigt ihn dann im selben Drillich, nur jetzt mit den aufgenähten Großbuchstaben PG – prisonnier de guerre. In Französische Kriegsgefangenschaft sei er geraten, das hatte er später erzählt, und in den Steinbrüchen bei Cherbourg habe er arbeiten müssen. Einige Ansichtskarten mit Stadtansichten von Cherbourg und von Steinbrüchen, in denen mit schweren Hebewerkzeugen hantiert wird, belegen das. Andere Postkarten, aus dem zerstörten Reims, lassen vermuten, dass er bis zu seiner Gefangennahme in diesem Frontabschnitt eingesetzt worden war.

In der Staatsbibliothek herrschte großer Andrang. Ein weiträumiges Areal in der Eingangshalle war mit Kordeln abgeteilt worden und an Tischen mit Bildschirmen, großflächigen Scannern und an fotografischen Reproduktionsständen mit starken Lampen wurde konzentriert gearbeitet. Am Anmeldeschalter allerdings freundliches Bedauern. Man sei für die nächsten vier Stunden bereits voll ausgelastet und danach würde man auch schon schließen. Die Aktion habe ein unerwartetes Echo gefunden. Ein Trost: Wenn ich mit dem Computer umgehen könne und nicht die Hilfe eines Historikers bräuchte, könne ich meine Fotos selbst scannen und zusammen mit einem erläuternden Text eingeben. Der Beitrag würde dann von Fachleuten geprüft, und, falls für geeignet befunden, in die Datenbank aufgenommen werden. Das könne aber wegen der Fülle der Beiträge Wochen oder gar Monate dauern. Immerhin.

Ich schaue mir das geschäftige Treiben an. Die meisten „Lieferanten“ historischer Relikte sind bereits in fortgeschrittenem Alter. Über allem liegt Ernsthaftigkeit. Stellwände geben Zusatzinformationen zu der Aktion. Ich lese, mache mir Notizen und schreibe die eine oder andere Internetadresse ab. So seien die Verlustlisten des Ersten Weltkriegs neuerdings online gestellt, und ich betrachte die historischen Fotos, die Menschen zeigen, wie sie die täglich aktualisierten Listen an den Wänden der Regierungsgebäude studieren mit Tausenden, ach was, am Ende mit Millionen von Namen, um nach ihren Angehörigen zu suchen.

Zum Glück hatte Albrecht, so hieß mein Großonkel, den Krieg unversehrt überstanden und sich später eine Existenz in Berlin aufgebaut. Nur den Nachweis seiner Militärdienstzeit und seiner Kriegsgefangenschaft hatte er niemals erbringen können, was seine Altersrente niedriger ausfallen ließ.
Jetzt aber konnte ich es schwarz auf weiß im Internet lesen: Infanterieregiment 170, III. Battaillon, 11. Kompagnie – Albrecht W., vermisst am 5. Juli 1915 und später, in einer Eintragung vom Dezember 1915 – in Gefangenschaft.

Monate, nachdem ich die Fotos gescannt und einen Text dazu in ein Online-Formular eingegeben hatte, kam die Bestätigung von der Europeana, dass mein Beitrag aufgenommen worden sei. Manchmal besuche ich meinen Großonkel jetzt im Internet.

Ferdinand
Interessant nicht nur für Historiker: www.europeana1914-1918.eu

Fotos (c) Ferdinand

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