Berlin ab 50…

… und jünger

Familienforschung Teil 4: Das schwangere Hausmädchen

Gisela war die Tochter eines ledigen Hausmädchens, worüber sie ihr Leben lang nicht gesprochen hat. Von der Mutter freigegeben, war sie von einem kinderlosen Ehepaar aufgenommen worden, das später überraschend selbst noch zweimal Nachwuchs bekam. So wuchs sie also mit Bruder und Schwester auf und hatte ihren Platz in einer Familie gefunden.

Ihrem leiblichen Vater begegnete sie nur einmal, als sie längst schon erwachsen war. Die Beiden hatten sich nichts zu sagen. Doch auch zu ihrer Mutter hatte sie keinen Kontakt mehr.
„Im November 1910 erschien vor dem Beamten des Standesamtes Berlin 3 die Hebamme Frieda Schade und zeigte an, dass von derTeil_4 (4) ledigen Karoline Bartel, Hausmädchen, wohnhaft in Berlin-Friedenau, am 15. November 1910 ein Mädchen geboren worden sei und dass das Kind den Vornamen Gisela erhalten habe“. So steht es in Giselas Geburtsurkunde. Weiterhin wird darin bescheinigt, dass die Geburt in der Kurfürstenstraße 33 stattgefunden hat.

Die junge Karoline war um das Jahr 1907 aus Barby an der Elbe nach Berlin gekommen. Ihre Eltern betrieben in der Kleinstadt eine Bäckerei und was sie veranlasst hatte, ihre Tochter als Hausmädchen nach Berlin zu schicken, bleibt ungewiss. In Berlin jedenfalls hatte Karoline einen verheirateten Mann kennengelernt und war schwanger geworden.
Das Haus in der Kurfürstenstraße, in dem sie ihre Tochter zur Welt brachte, existiert noch heute. Seine Stuckverzierungen hat es allerdings längst eingebüßt. Irgendwann in der Nachkriegszeit hatte man ihm einen Glattputz verpasst und es zweifarbig angestrichen in blassgelb und rot. Im Erdgeschoss befinden sich ein paar Ladengeschäfte mit wechselnden Mietern, und vor der Tür flanieren abends die Damen vom Straßenstrich.

Nun gut – eine Adresse wie jede andere, was soll es daran schon geben? Teil_4 (3)Bei einem Blick in das Berliner Adressbuch der damaligen Zeit lässt eine Eintragung allerdings stutzen. In dem Haus befand sich nämlich vor 100 Jahren ein Heim und eine Frauenklinik des deutschen Bundes für Mutterschutz, kurz Mutterschutzbund genannt.
Die schwangere Karoline, von ihren Mitmenschen je nach Einstellung bedauert oder verachtet, hatte sich also Hilfe suchend an jene Organisation gewandt, die ihr vorurteilsfreien Beistand bot.
Im Paragrafen 1 der Satzung des Bundes für Mutterschutz und Sexualreform heißt es: “Zweck des Bundes ist es, die Stellung der Frau als Mutter in rechtlicher, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht zu verbessern, insbesondere unverheiratete Mütter und deren Kinder vor wirtschaftlicher und sittlicher Gefährdung zu bewahren und herrschende Vorurteile gegen sie zu beseitigen”.
In besonderen Fällen wurden auch Pflegefamilien für die Kinder vermittelt.

Im Jahr 1912 unterhielt der Verein bereits 36 Heime für ledige Mütter, und zu seinen Mitgliedern zählten Frauenärzte und Sozialwissenschaftler sowie viele Hebammen. Auch Pfarrer, insbesondere die der freireligiösen Bewegung, engagierten sich für die ledigen Mütter.
Eine der Initiatorinnen war Adele Schreiber, die in der Zeit der Weimarer Republik eine der bekanntesten Sozialreformerinnen Deutschlands war. Von den Nationalsozialisten ins Exil getrieben, geriet sie später in Vergessenheit und mit ihr verschwanden auch die Heime, denn auch sie passten nicht in die nationalsozialistische Ideologie.

Was aber wurde aus Karoline, nachdem sie ihre Tochter in die Obhut eines fremden Paares gegeben hatte? Die freundliche Standesbeamtin, die sich um meine Anfrage kümmerte, teilte bedauernd mit, infolge von Kriegseinwirkung seien große Bestände leider vernichtet worden, es existiere weder eine spätere Heirats- noch eine Sterbeurkunde Karolines. Es bestünde die Wahrscheinlichkeit, dass sie später im Bombenkrieg eines der zahllosen, anonymen Opfer geworden sei. So verliert sich Karolines Spur, doch ihre Tochter Gisela wurde sehr viel später meine Schwiegermutter, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Wie gesagt – über ihre Herkunft hat sie nie gesprochen.

Ferdinand

 

Fotos (c) Ferdinand

2 Kommentare

  1. Be

    Vielen Dank für diesen spannenden Beitrag zur Familiengeschichte. Ich hoffe sehr, dass es noch weitere Folgen gibt.
    Be

  2. Monika

    Die erinnerte Lebensgeschichte ruft bei mir nostalgisch-wehmütige Erinnerung wach. Sie kommt mir vor wie eine wahr gewordener „Roman“ zu Zeiten der „Lore“-Groschenromane.
    Meine Großmutter, der ich meine schönsten Kinder- und Jugendsommerferien verdanke (natürlich auch meinem Großvater), hat sie gelesen. Wohl, wie ich jetzt meine, um sich ein bisschen aus der damaligen Zeit zu „beamen“. Ich habe sie natürlich heimlich gelesen – meine Großeltern hätten mich sehr geschimpft, wenn sie es mitbekommen hätten. Ihre Lektüre für ihre Enkelkinder sah ganz anders aus: Emil und die Detektive, Die rote Zora und ihre Bande, Märchen, Sagen – das war es, was sie und schenkten (für unsere Eltern waren Kinderbücher damals fast unerschwinglich). Aber die „Lore“-Romane heimlich in den Sommerferien – das war eine ganz andere Kategorie. Und eben darin gab es unzählige dieser Geschichten von sitzengelassenen Hausmädchen, die ihr Schicksal klaglos hinnahmen – um am Ende doch ihr Glück zu finden. So wie offenbar Gisela.
    Monika

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