Berlin ab 50…

… und jünger

Familienforschung Teil 5: Späte Begegnung

Das kleine rote Adressenverzeichnis, das meine Mutter hinterlassen hat, enthält viele Namen, die mir gänzlich unbekannt sind. Namen und Adressen von Menschen, von denen die meisten heute wahrscheinlich nicht mehr leben, denn das Verzeichnis stammt aus den 1980-er Jahren und seither ist rund eine halbe Lebensspanne vergangen. Einige der Eintragungen kann ich jedoch mit meinen Erinnerungen an die Erzählungen der Mutter abgleichen. “Rastern” würde man heute vielleicht dazu sagen. Helma Rieken, steht da in vertrauter Handschrift, wohnhaft in Hagen in Westfalen und dazu: Sohn Dieter. Mir fällt ein, dass sie mir als Kind einmal erzählt hatte, es gäbe da eine Schwester meines Vaters in Hagen, zu der der Kontakt allerdings abgerissen sei. Sie hätte einen Sohn, ungefähr in meinem Alter.

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(c) Ferdinand

Dazu muss ich jetzt erwähnen, dass mein Vater gegen Ende des Krieges starb, als ich gerade einmal ein Jahr alt war und ich keine Erinnerung an ihn habe. Nach Vertreibung und Wiederheirat meiner Mutter war der Kontakt zur väterlichen Familie einfach eingeschlafen.
Ich schaue im Telefonbuch nach: Rieken, Dieter, Hagen – vielleicht ist er ja in der Gegend geblieben. Es gibt drei. Anrufen kommt nicht in Frage, zu groß die Gefahr, dass einfach aufgelegt wird. Den Enkeltrick kennt ja jeder. Also besser schreiben: Ein paar familiäre Einzelheiten, Name und Geburtsort des Vaters, Namen der Großeltern, meine Telefonnummer und Mailadresse und die Frage: “Sind Sie der Gesuchte?”
Wenige Tage später ein Anruf: “Ich bin es leider nicht, sagt der Anrufer, wünsche aber viel Glück!” Später dann doch noch eine Mail: “Ich bin der Gesuchte – bitte rufen Sie mich an”. Natürlich mache ich das. Dieter ist völlig überrascht, wusste von meiner Existenz nichts. Wir sind Fremde, siezen uns, obwohl wir Cousins ersten Grades sind, also von den gleichen Großeltern stammen. Er ist ein wenig älter als ich, hat noch die Erinnerung an seinen Onkel, meinen Vater, und weiß manches über ihn aus den Erzählungen seiner Mutter. Sie habe von ihrem früh verstorbenen Bruder oft gesprochen.

Wir verabreden uns im westfälischen Soest. Ein Freund von mir lebt dort, ich will ihn ohnehin wieder einmal besuchen. Auch Dieter kennt Soest, war mal da, vor Jahren. Das Café Lamäng liegt am Marktplatz. Ein geeigneter Ort für eine erste Begegnung.
So sitze ich also ein paar Tage später im verabredeten Café mit dem Blick zur Tür, bestelle etwas zu Trinken und warte. Das Lamäng ist am Vormittag wenig besucht, es dürfte nicht allzu schwer sein, sich zu erkennen. Als ein Mann mit suchendem Blick eintritt, weiß ich, der ist es! Wir schauen uns in die Augen. Zwei Männer reiferen Alters, die sich nicht im geringsten ähnlich sehen und in deren Adern doch das Blut gemeinsamer Großeltern fließt.
Dieter schüttelt nachdenklich den Kopf als könne er es noch immer nicht glauben: “Du also bist mein Cousin und der Sohn von Onkel Arthur”. Ja, antworte ich, und bin zweifellos der weniger Gerührte von uns beiden. Immerhin hatte ich ja schon länger von seiner Existenz gewusst, und das verschaffte mir jetzt den festeren emotionalen Halt.
Wir bestellen etwas zum Essen, inzwischen ist es Mittagszeit. Gemeinsam zu essen hilft, die Gefühle in den Griff zu kriegen. Und dann beginnt Dieter aus seiner Kindheit zu erzählen. Von dem Einmarsch der Roten Armee in Westpreußen, dem Versuch zu fliehen. Mutter und Sohn waren nur wenige Kilometer weit gekommen in dem hohen Schnee, die Straßen zudem verstopft von den Flüchtlingstrecks. Schließlich sei man zurückgekehrt. Da hätten die zurückgebliebenen Männer des Dorfes schon erschossen am Boden gelegen und die Frauen – naja…

Wochen später seien seine Mutter und er in das inzwischen polnische Schlesien zur Zwangsarbeit auf einer Kolchose deportiert worden. Eine Schule habe er dort nicht besuchen können. Erst fünf Jahre später, als sie entlassen worden waren und nach Irrwegen schließlich in Hagen in Westfalen landeten. Inzwischen war er schon zehn Jahre alt geworden.
Dieter erzählt, als flösse die ganze Vergangenheit aus ihm heraus, und ich schreibe, mache Notizen auf einem dicken Schreibblock, den ich glücklicherweise eingesteckt hatte. Fotos hat er mitgebracht, auch welche von meinem Vater, von dem ich so wenig weiß und den ich durch seine Worte ein wenig besser kennenlerne. Er habe ihm, dem Dorfkind, einmal Apfelsinen mitgebracht. Aus Berlin, wo es während des Krieges noch welche gegeben hätte.

Was ein paar Jahre Altersunterschied ausmachen: Auch ich war ein Flüchtlingskind, doch habe ich keine Erinnerung daran. Was für ein Glück.
Gemeinsam gingen wir über den Marktplatz von Soest. Es dämmerte schon, als wir uns zum Abschied umarmten mit dem Versprechen, uns im nächsten Jahr wiederzusehen.

Ferdinand

Ein Kommentar

  1. Thomas

    Diese Geschichte können sicher viele unserer Generation erzählen und bestätigen. Dass zwei Menschen, Kinder zumal, die fast gleichen Erlebnisse völlig anders bewerten. Frage ich meine Schwester, berichtet sie von ganz Erlebnissen aus dieser Zeit als ich es tun würde. Und genau so ist es bei meinem Mann und seiner Schwester. Ein weit verbreitetes Phänomen, aber sehr interessant.
    Thomas

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