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… und jünger

Familienforschung Teil 6 und Schluss: Das Tagebuch

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(c) Ferdinand

Bei meiner Familienforschung habe ich schon oft bedauert, dass so wenig Schriftliches von den Vorfahren überliefert worden ist. Wie viel mehr würde ich heute über die Großeltern oder Urgroßeltern wissen, wenn ich ihre Gedanken, aufgeschrieben in einem Tagebuch oder wenigstens in einem Brief, hätte lesen können. Schon alleine die Handschrift sagt einiges über einen Menschen aus. Steht sie da in gestochenem Sütterlin (http://www.suetterlinschrift.de) , Zeile für Zeile, oder kommt sie anarchisch daher, hingeschmiert, schief, mit Streichungen oder gar gespickt mit Fehlern?

Vor ein paar Wochen starb die letzte Zeitzeugin aus der mütterlichen Linie meiner schlesischen Vorfahren. Sie hatte mit ihren 102 Jahren alle familiären Lebensaltersrekorde gebrochen. Bis in die letzten Tage ihres langen Lebens hatte sie täglich ihre zwei Spaziergänge am Rollator absolviert, ganz abgesehen von ihrer geistigen Fitness. So lieferte sie viele Beiträge und Erinnerungen für die Familienforschung, nur eines erwähnte sie nicht – ein Tagebuch ihrer Mutter, die meine Großmutter war. Es fand sich erst jetzt in ihrem Nachlass.

Die Bezeichnung Tagebuch mag vielleicht übertrieben sein. Auf den leeren Seiten eines Kochbuchs hatte die Großmutter in aufgeregter, schwer lesbarer Schrift mit einem Bleistift notiert, was bei der Besetzung ihrer schlesischen Heimatstadt durch die Rote Armee geschah. Ich saß bis tief in die Nacht am Schreibtisch, um die verblasste Sütterlinschrift zu entziffern. Wahrscheinlich war ich der erste, der sich der Mühe unterzog, das Geschriebene zu lesen, und was ich da las war erschütternd. Am 9. Februar 1945 war die kleine Stadt kampflos übergeben worden und von dem Moment an, als die ersten fremden Soldaten in die Stadt kamen, beschrieb sie Tag für Tag in Stichworten den täglichen Wahnsinn der sich dort zutrug. Sie und ihre früh verwitwete Tochter, samt ihrem Baby, wurden Opfer von Raub, Vergewaltigung und Demütigung bis hin zu ihrer Vertreibung.

Die Großmutter muss ihr Tagebuch am Leib getragen haben, als sie aus ihrem Haus vertrieben wurde, so viel steht fest, denn anders wäre dessen Erhalt nicht zu erklären. Später hatte sie es offenbar vorgezogen, es im Verborgenen zu lassen. Vielleicht, um sich selbst die Wirklichkeit des Unfassbaren zu beweisen, das sie in ihren Träumen verfolgte. Oder wollte sie es einer späteren Generation überliefern und gab es deshalb einst an ihre Tochter weiter? Ich weiß es nicht, doch für eines bin ich ihr dankbar: Sie hat mich noch 70 Jahre später in ihre Seele schauen lassen.

Im Nachlass befand sich auch noch ein Brief mit allgemeinem Inhalt, den sie Jahre nach den Ereignissen an eine Tochter schrieb. Darin stehen die Wörter in ihrer Sütterlinschrift wieder gestochen scharf, Zeile für Zeile, auf dem inzwischen vergilbten Papier. Sie hatte ihr Gleichgewicht wieder gefunden.

Ferdinand

Falls Sie Interesse an Familienforschung haben, so finden Sie Anregungen und Anleitung in den einschlägigen Büchern der Stadtbibliotheken, doch sind diese oft veraltet, zumindest, was Recherchemöglichkeiten im Internet angeht. Aus genealogischen Online-Datenbanken ist sehr viel zu erfahren und natürlich bei den zuständigen Standesämtern, dem Einwohnermeldeamt, den Heimatverbänden und in deren Archiven.
Recht aktuelle Hinweise zur Familienforschung, samt nützlicher Internetadressen findet man in dem Buch „Ahnenforschung“ der Stiftung Warentest, ISBN 978-3-86851-085-0, 18,90 €.

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