Berlin ab 50…

… und jünger

Die Welt der Commedia dell’arte

barbara2 Ein Gespräch mit dem Berliner Hans-Jürgen Frintrop und seiner Partnerin Hans-Jürgen FrintropBarbara Wiktor ist ein Erlebnis.

Das erste Mal bin ich den Beiden begegnet bei einem „Dozenten-Treffen“ der Seniorenclubs des Bezirksamtes Charlottenburg-Wilmersdorf. Schon nach zwei Minuten hatten wir Berührungspunkte gefunden – Theater! – und führten ein sehr angeregtes Gespräch. Wir versprachen uns damals, bald einmal in Ruhe weiter zu plaudern. Das „Bald“ dauerte über ein Jahr, aber jetzt war es endlich soweit.

Zuerst einmal schaute ich bei ihrem Kurs im Seniorenclub vorbei. Dort trifft sich bereits seit ein paar Jahren eine bunt gemischte, theaterbegeisterte Gruppe einmal in der Woche. Auch auf mich als Beobachter übertragen sich die Freude und Begeisterung, mit der die Kursteilnehmer jeden Alters sich von Hans uBedlam 2nd Barbara dirigieren, korrigieren und motivieren lassen. Beide gestalten auf ganz unterschiedliche Art und Weise diese zwei Stunden gemeinsam.

Nun sitzen wir inzwischen gemütlich beim Tee und es interessiert mich, wie man zu zweit „eine“ Regie führen kann. Es geht, es scheint sogar ganz wunderbar zu funktionieren. Gibt es eine bestimmte Aufgabenteilung? Nein, eigentlich nicht. Aber es gibt eine gemeinsame Welt, der sich beide mit großem Engagement verschrieben haben – die Welt der Commedia Bedlam 1dell’arte. Man muss nur den Begriff erwähnen, schon ist Hans-Jürgen Frintrop nicht mehr zu halten. Er erzählt eine Anekdote, springt auf, stolziert mit Storchenbeinen durch die Welt – und sei der Raum noch so klein, er bewegt die Arme wie ein Tänzer und spricht dabei schnell und lachend und entführt den Zuschauer so in eine andere Welt – ganz ohne Requisiten. Barbara Wiktor beobachtet, lächelnd, dann ertönt ihre dunkle, wohltönende Stimme, die den Raum füllt…

Beide sind ausgebildete Schauspieler, Hans hat zudem Germanistik und Theaterwissenschaft studiert, Barbara eine Gesangsausbildung zur Opernsängerin absolviert – kein Wunder also, die wohltönende Stimme. Commedia dell’arte – das ist ihre Welt, da leuchten die Augen. Nach einigen Engagements an Stadttheatern gründen sie 1997 ihr eigenes Theater, das Bedlam-Theater Berlin (engl. für „Tollhaus“, aber auch ein Synonym für „verkehrte Welt“) http://www.bedlam-theater.de. Sie spielen Bedlam 4überall, in Berlin und auf Tournee, sind auf Gastspiel von Essen bis Erding und von Italien bis Iserlohn, spielen aber nicht nur Commedia dell’arte, sie spielen auch die deutschen Klassiker, und das immer nur zu zweit – Stücke von und nach Moliere, Kleist, Hofmannsthal, Hafner, lustige Trauerspiele und „Wildes Tischtheater“.

Neben ihren vielen Aktivitäten für ihr Bedlam Theater – Proben, Premiere,  Organisation – und Filmauftritten, geben sie verschiedene Kurse und workshops für angehende Darsteller – Basistraining Schauspiel, Körpertraining – und eben jenen schon erwähnten Theaterkurs im Seniorenclub in Charlottenburg-Wilmersdorf. Dass all diese Aufgaben dem quirligen Paar nicht reichen, ist schon fast logisch – so erfahre ich, dass sie auch eine umfangreiche  Bildersammlung zur Commedia aufgebaut haben.

Barbara singt nicht mehr, zumindest nicht öffentlich, aber natürlich beginnt der wöchentliche Theaterkurs mit Sprech- und Stimmtechnik, anschließend wird improvisiert, ausprobiert und weiterentwickelt. Die Texte, Szenen oder Themen geben Hans und Barbara vor, daraus entwickelt die Gruppe spielbare Situationen. Hans motiviert jeden einzelnen, sich im Raum zu bewegen, Situationen körperlich zu erfassen, Barbara gibt Tipps zur Verhaltensweise der Figur – aber es gibt keine wirkliche Arbeitsteilung, das habe ich ja gelernt. Hans erobert den Raum, Barbara beobachtet und greift ein, um zu vertiefen, manchmal auch um ihre ganz andere Vorstellung zu formulieren. Beide ergänzen sich in ihrer Arbeit, in ihrer Beobachtung und in ihrer Art und Weise, die TeilnehmBedlam3er zu führen, zu motivieren und ihre Fantasie anzuregen. Es ist spannend, das Paar zu sehen, wer von beiden wann eingreift – jedenfalls wirkt es ungemein harmonisch, auch wenn es nicht immer der gleichen Meinung ist.

Allein das Zusehen macht Freude. Und für die Teilnehmer des Theaterkurses bedeuten diese zwei Stunden nicht nur eine schöne Zeit in Gemeinschaft von Gleichgesinnten, sondern sie gehen danach verändert zurück in die reale Welt. Sie lernen auf ihre Gegenspieler zu hören, mit ihnen zusammen zu spielen, sich auf sie einzulassen und sich für sie zu interessieren. Das sind wunderbare Übungen, die unterhaltsam sind  und die ganz nebenbei auch den Blick für die eigene Welt, den Blick auf seine Mitmenschen ändern.

Wenn man Barbara und Hans erzählen hört, ihren Proben zusieht, macht es einfach Laune und viel Spaß, es gibt Lebensmut und Freude.

Ich  jedenfalls freue ich mich auf den nächsten Theaterauftritt des Bedlam-Theaters in Berlin.

go

 

Portraits  (c) go

Bühnenfotos (c) Bedlam Theater Berlin

Ein Kommentar

  1. A,M.

    Der Beitrag hat mich animiert, etwas genauer nachzuschauen, was und woher der Begriff kommt und was eine commedia dell‘ arte ausmacht. Ich bin fündig geworden – auf einer Wikipedia-Seite. Sie ist sehr informativ und ich verstehe jetzt noch besser, was die beiden Künstler betreiben. Natürlich hätten diese Ausführungen den Rahmen des Beitrags gesprengt, interessant, das nachzulesen ist es trotzdem.
    Ein „Schönheitsfehler“ hat der Beitrag: Die Website, auf die verwiesen wird, ist wohl schon länger nicht mehr gepflegt worden. Schade!
    A.M.

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