Berlin ab 50…

… und jünger

Wir fürchten uns vor dem Falschen

Ob es um das Süßungsmittel Aspartam, um BSE, EHEC, Bisphenol A, Elektrosmog durchs Handy und Sendemasten, ob es um Pestizidrückstände oder neuerdings auch Emulgatoren in Lebensmitteln, Aluminium oder Parabene in Kosmetika geht, es scheint, dass unser „tägliches Gift“ unabwendbare Realität ist und die Risiken des modernen Lebens immer größer werden. Bleibt unsere Lebensqualität auf der Strecke?

Und wie sind Messungen von Umweltkontaminanten wie PCB und Dioxin für unsere Gesundheit zu bewerten, die Gehalte in Größenordnungen von Nano-( also von einem Milliardstel Gramm ) oder Picogramm (von einem Billionstel Gramm) nachweisen?

Möglich ist diese überaus genaue Messung durch den sich immer weiter verfeinernden technischen Fortschritt in der Analytik. Aber das hat auch seine Schattenseiten, denn durch die Verschiebung der Nachweisgrenze bis hin zu nicht mehr vorstellbaren „Größen“ kommt das Gefühl auf, überall und zu jeder Zeit gefährlichen Stoffen ausgesetzt zu sein. „Dioxin Skandal – wie erkenne ich, ob meine Eier verseucht sind?“ – für eine reißerische Schlagzeile sind solche Nachweise immer gut. Und wenn dann kurze Zeit später statt zwei Picogramm vier Picogramm gemessen werden, ist das schon eine Steigerung von 100%!  Aber was bedeuten diese Picogramm-Angaben für unsere Gesundheit?

Haben wir nicht mal gelernt „Allein die Menge macht das Gift“ oder gilt Paracelsus Lehrsatz „Dosis sola venenum facit“ nicht mehr? Unsere Ängste sind groß und wachsen mit der Zahl an „Expertenmeinungen“ jeglicher Couleur. Da werden Statistiken und Studien zum Beispiel über Chemierückstände in Lebensmitteln, in Textilien, in Kinderspielzeug veröffentlicht, dann von den Medien Leserwirksam aufbereitet – es folgt eine Welle von subjektiven Berichten in den sozialen Netzwerken. Und schon ist die nächste Angst vor dem täglichen Gift in der Welt. Ist jede veröffentlichte (in welchen Medien auch immer) „Wahrheit“ ein Ergebnis von Risikoabschätzung durch Experten oder doch nur eine Folge gefühlter kollektiv Angst? Was ist wirklich ein Risiko? Kann ich als Einzelner im Alltag überhaupt objektiv entscheiden, wie groß ein Risiko zum Beispiel bei der Lebensmittelsicherheit ist? Kann ich die komplexen Zusammenhänge bei der Abwägung von Risiko und Nutzen einschätzen? Gibt es überhaupt „Sicherheit“ im Sinne von „Null-Risiko“?

Schon seit langem versuchen Forscher wie Prof. Ortwin Renn, Direktor des Zentrums für interdisziplinäre Risiko- und Innovationsforschung an der Universität Stuttgart, und Gerd Gigerenzer, Direktor am Max-Planck Institut für Bildungsforschung in Berlin, dem normalen Verbraucher das Wissen über Statistik und Wahrscheinlichkeiten , über Sicherheitsstandards und über Transparenz bei der Bewertung von Risiken zu vermitteln.
Bücher wie Renn´s „Das Risikoparadox. Warum wir uns vor dem Falschen weinprobe okt.2013fürchten“ (Fischer TB, 2014) und Gigerenzers „Risiko. Wie man richtige Entscheidungen trifft“ (Bertelsmann, 2013) können helfen, irrationale Ängste zu überwinden und sich nur noch vor dem „Richtigen“ zu fürchten. Die wirklichen ‚“Killer“ sind Rauchen, übermäßiger Alkoholgenuss, falsche Ernährung und mangelnde Bewegung, die, so Prof. Renn, bei 60 – 70% der unter 60 Jährigen die Todesursache Nummer eins sind – und nur durch unser eigenes Verhalten beeinflussbar.

Ein Grund für diese tägliche Angst scheint die Tatsache – eine für den älteren, noch mit naturwissenschaftlicher Bildung ausgestatteten Bürger betrübliche Erkenntnis -, dass das Interesse an natürlichen physiologischen Vorgängen, überhaupt an den Lebensgrundlagen wie Genetik und das Grundwissen dazu bei jungen Menschen immer mehr verloren zu gehen scheint. Für viele ist alles, was nur irgendwie mit „Chemie“ zu tun haben könnte, ein Graus, „chemisch“ , „Genetik“ und das „Gift Kohlendioxid“ sind nur noch Synonyme für Katastrophe, vermutlich auch weil Chemie und Physik häufig in der Schule abgewählt werden. An die Stelle von Wissen tritt immer häufiger Halbwissen, angebliche Wahrheiten aus den sozialen Netzwerken oder einfach Scharlatanerie. Begierig geglaubt und geradezu missionarisch verbreitet, werden „natürliche“ Wundermittel gepriesen und naturwissenschaftliche Erkenntnisse der letzten 100 Jahre (Viren: gibt es nicht) geleugnet. Die derzeitige Diskussion um Impfverweigerung und Masernausbreitung ist ein gutes Beispiel.

Wer sich rasch und unvoreingenommen über tatsächliche oder vermeintliche Risiken in der Ernährung und bei den Gegenständen des täglichen Bedarfs informieren will, dem sei die Seite des in Berlin-Charlottenburg beheimateten kr„Bundesinstituts für Risikobewertung“ empfohlen: http://www.bfr.bund.de/de/start.html, wo derzeit aktuell über gesundheitliche Risiken von Nanomaterialien, Bishenol A und Aluminium in Kosmetika informiert wird. Dort findet man auch „Was tun mit dem Huhn“ – ein amüsantes Video zur Notwendigkeit der richtigen Küchenhygiene.
In diesem Sinne, fürchten Sie sich vor dem Richtigen und bleiben Sie trotzdem neugierig.
go

 

Foto (c) go

2 Kommentare

  1. A.L.

    Dass wir uns vor dem Falschen fürchten, ist kein neues Phänomen, ich würde sogar so weit gehen, den Aberglauben, die Hexenverfolgung und so weiter darunter zu subsumieren. Deshalb habe ich unter dem Stichwort „Renn, das Risikoparadox“ im Internet ein wenig kundig gemacht. Und bin sehr fündig geworden. Ich kann nur jedem raten, es mir gleich zu tun. Ich habe einiges gelernt. Und kann den Beitrag jetzt besser einordnen, denn er bringt – wie kann es sein – nur einen kleiner Teil dessen, um was es geht.
    Im übrigen bin ich ganz und gar nicht der Meinung, dass unsere Generation mehr versteht von den Zusammenhängen zwischen Geist und Körper, mehr weiß über Genetik und physiologische Zusammenhänge als die „junge“ Generation. Wer ist es denn, der so oft auf die Schlagzeilen der Medien hereinfällt? Das ist unsere Generation! Wo sind wir in Biologie in der Schule stehen geblieben? Ziemlich am Anfang, nicht wahr? Von Statistik – haben wir wirklich davon gehört zur damaligen Zeit? Ich ganz bestimmt nicht, trotz Abitur.
    A.L.

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  1. Tattoo for ever | Berlin ab 50...

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