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… und jünger

Aufgeschnappt: Der Marshmallow-Test

Vorab, damit niemand enttäuscht ist: Es geht nicht darum, welche IMG_3404Marshmallows die besten sind und wo man sie bekommt oder wie sie sich selbst herstellen lassen. Und richtig besehen lässt sich der Test auch mit vielen anderen Dingen durchführen – sie müssen nur für die Testgruppe begehrenswert sein.

Worum geht es dann? Um Selbstkontrolle und darum, was sie alles bewirkt und wie sehr sie uns glücklich machen kann. Klingt gut, hat allerdings einen Haken, und eigentlich geht es um ihn. Um den Haken!

Aber erst einmal zum Test selbst: Der Marshmallow-Test ist ein Experiment, mit dem die Fähigkeit zur Selbstkontrolle herausgefunden werden kann. Ein österreichisch-amerikanischer Psychologie-Professor, Walter Mischel, hat es um die Jahre 1960 herum mit Kindern durchgeführt und eben mit – Marshmallows. Die Versuchsreihe war und ist denkbar einfach: Mischel setze Kindergarten-Kindern vor einen Tisch, auf dem ein Marshmallow stand und stellte sie vor die Entscheidung: Entweder den Marshmallow sofort zu bekommen. Oder aber zwei davon – allerdings mit der Auflage, dafür 20 Minuten warten zu müssen. 20 Minuten sind für Kinder eine gar nicht vorstellbare Ewigkeit. Einigen Kindern gelang es tatsächlich, standhaft zu bleiben. Und das ziemlich trickreich: Sie lenkten sich ab, schoben den Marshmallow weit weg an das Ende des Tisches, redeten sich gut zu, nicht wankelmütig zu werden, beschäftigten sich mit etwas anderem – es fiel ihnen zur Ablenkung erstaunlich viel ein. Und – besonders pfiffig: Ein Kind probierte erst einmal vorsichtig, um dann die Süßigkeit wieder von sich schieben und weiter zu warten. Es wollte sich offenbar versichern, dass die Warterei lohnt. Clever, nicht wahr? Wenn auch nicht ganz regelgerecht.

Professor Mischel beobachtete seine „Test-Kinder auch in ihrem weiteren Leben und stellte fest, dass diejenigen, denen es gelang, den Belohnungsaufschub zu schaffen, auch im Leben besser zurecht kamen. Sie waren beständiger, erfolgreicher und weniger gefährdet, eine Sucht zu entwickeln.
Wem es also schon als Kind gelang, sich zu beherrschen, war also auch für das spätere Leben besser ausgerüstet. Mischel ging in seinen Aussagen aber noch weiter, und jetzt wird es auch für uns, die längst Erwachsenen, spannend: Geduld und Disziplin lassen sich lernen und die Strategien sind eigentlich ziemlich einfach: Am Beispiel Marshmallow wäre es z.B. die Strategie, dass Sie sich vorstellen, es handle sich um eine gar nicht wohlschmeckende Süßigkeit. Dann ist der Verzicht leichter. Konkreter: Wenn Sie z.B. an Diabetes erkrankt sind und große Lust auf Süßes haben, hilft es, wenn Sie die Nascherei als Gift betrachten. Den „Lustobjekten“ eine andere Zuschreibung zu geben – im Beispiel die Zuschreibung „Gift“ – , kann ungemein helfen.

Eine andere Strategie sind „Wenn-dann-Pläne“: Wenn ich eine wichtige Arbeit zu erledigen habe, dann schalte ich das Handy aus – das wäre ein leichtes Beispiel für eine Strategieeinübung. Oder: Wenn ich zum Essen gehe, dann begnüge ich mich mit einem Hauptgericht.

Sie fragen sich, was Sie persönlich mit diesen Erkenntnissen anfangen sollen? Das Stichwort ist „Vorsorge fürs Alter“: Wenn wir uns entscheiden, fürs Alter privat vorzusorgen, halten wir es mit genau dieser Strategie des Belohnungsaufschubs: Wir verzichten z.B. auf eine teure Reise und legen das Geld für eine zusätzliche Altersvorsorge zurück. Anders: Wir arbeiten (auch), um später sorgenfrei im Ruhestand zu leben.

Geduld, Disziplin und Selbstkontrolle machen uns frei und unabhängig – wir sind nicht länger Objekt der Verführungen, sondern können verzichten und andere Schwerpunkte setzen.

Aber – und das ist die zweite Botschaft, für uns wichtige und beruhigende: Ein Leben, das nur aus Selbstkontrolle besteht, ist kein gutes Leben. Die Kunst ist, die richtige Balance zu finden. Und im Alter heißt das: Wir können und müssen herausfinden, was uns ein Belohnungsaufschub noch wert ist. Wir haben die Freiheit zu sagen: Genau in diesem Augenblick ist mir der Marshmallow wichtig. Ich esse ihn sofort und auf der Stelle.

Dass wir diese Kunst (noch) erlernen, das wünsche ich Ihnen und mir.

Bleiben Sie mir gewogen?!

I.B.F.

P.S. Wenn Sie sich intensiver mit dem Test und seinen Erkenntnissen beschäftigen wollen: Prof. Mischel hat ein Buch dazu geschrieben: „Der Marshmallow-Test“. Siedler Verlag, München, 400 S., 24,99 €

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