Berlin ab 50…

… und jünger

Der Vorgarten zum Paradies

1921 wurde damit begonnen, diesen „Vorgarten zum Paradies“ anzulegen. IMG_5391Das Areal ist 15 Hektar groß, wovon 2 Hektar mit Wasser bedeckt sind. Terrassenförmig wurden die Grabreihen um den Sausuhlensee angelegt. Keine übliche Wohngegend. Doch die Plätze sind heiß begehrt. Wie im richtigen Leben möchten die meisten ihr Plätzchen mit Blick auf den See. IMG_3421Doch die Vorschrift besagt, dass wegen des Grundwasserspiegels nur Urnen dort wohnen dürfen. Zu finden ist dieses Kleinod im schönen Westend. Der Friedhof an der Heerstrasse ist nicht nur eine Oase der Ruhe, nahe der Großstadt, sondern auch eine Tankstelle der guten Luft und im Sommer eine kühle Parkanlage, um mal tief durchzuatmen.

Vom Hospizdienst bekam ich die Gelegenheit an einer Führung über diesen Friedhof teilzunehmen. An einem warmen Frühsommertag wurde unsere Gruppe vom Friedhofsleiter, Herrn Krauß, mit informativen und kurzweiligen Erläuterungen durch sein Revier geführt. Erst als wir zum Abschluss in der Kapelle ankamen, bemerkte ich meine schmerzenden Füße. Wir wurden bei einem langen Rundgang so unterhaltsam über Dies und Das informiert, dass aufkommende müde Füße gar keine Gelegenheit hatten bis ins Bewusstsein vorzudringen.

Es ist auf diesem Friedhof möglich, sich bereits zu Lebzeiten ein schönes Plätzchen auszusuchen und zu erwerben. Bis zum Bezug dieser Stätte muss sie allerdings auch gepflegt werden. Die eigentlich strengen friedhof heerstrasseGestaltungsvorschriften werden auf diesem Friedhof großzügig ausgelegt. Es gibt eigenwillige Grabmale und bizarre Bildhauerarbeiten zu sehen. So steht auf dem Grab eines Familientherapeuten zum Beispiel ein Gesprächskreis aus drei Stühlen, wobei auf einem Stuhl sein Name prangt, während die anderen noch unbenannt sind. Beeindruckt hat mich auch der Grabstein, den zwei Frauen – Ehefrau und Geliebte – für ihren Mann aufstellen ließen – eine Mauerecke mit einem Riss aus dem Efeu rankt. Oder das Grabmal der jüdische Ullstein-Familie, dessen Bildhauer auch schon für Nationalsozialisten gearbeitet hatte. Auf diesem Friedhof geht es wirklich interkonfessionell zu.
Es gibt viele interessante Geschichten. So erzählt Herr Krauß von einem Mann, der nach Prognose seines Arztes noch 6 Monate zu leben hatte und sich um seine eigene Grabstätte Gedanken machte. Er wollte gerne in einem blauen Boot beigesetzt werden. Mit Hilfe des Friedhofsleiters konnte er seinen Wunsch optimal vorbereiten – und lebte noch zwei weitere Jahre länger als vorhergesagt. Er war der einzige Verstorbene, von dem der Friedhofsleiter in seiner 32 jährigen Dienstzeit eine Todesanzeige bekam.

Nicht nur zukünftige Bewohner dieser Anlage kommen regelmäßig hierher, um Ruhe und Grün zu genießen. Der Liedermacher Ulrich Roski kam oft mit seinen kleinen Kindern auf einen Spaziergang vorbei. Es scheint ihm hier so gut gefallen zu haben, dass man sein Grab heute dofriedhof heerstrasse 2rt finden kann. Unzählige Gräber von bekannten und prominenten Menschen sind hier zu entdecken.
Ich möchte nur noch auf die letzte Ruhestätte von Loriot eingehen: Eigentlich ist Plastik in jeglicher Form auf einem Friedhof verboten. Doch inzwischen ist die Anzahl der gelben Quietsche-Entchen auf über 140 angewachsen. Der Toleranz der Friedhofsleitung ist es zu verdanken, dass Loriot weiterhin von diesen Erinnerungsgaben umgeben bleibt.

Die Kapelle vor Ort ist ebenfalls erwähnenswert: 1924 entstand sie mit kapelle heerstrasseeinem Spitzdach und musste nach dem Willen von Adolf Hitler 1933 ein Flachdach bekommen, damit die Kapelle nicht höher ist als das angrenzende Olympiastadion – und es wurde eine Reihe hoch wachsender Pappeln gepflanzt, um die Sichtachse zum Friedhof zu unterbrechen, weil dort auch Menschen mit jüdischen Wurzeln ihre letzte Ruhestätte haben.Kapelle Heerstrasse2
Der Innenraum dieser schmucken Kapelle ist einfach nur wunderschön und sehenswert. Für Gesang und Instrumente hat die Akustik zwar Konzertraumqualitäten (mit einer idealen Zeit von 8 sec Nachhall) – für Reden allerdings nicht ganz so ideal. Deshalb musste eine Lautsprecher-Anlage installiert werden.

Also, wer Lust bekommen hat, sollte sich einen Spaziergang im „Vorgarten vom Paradies“ gönnen.
Friedhof an der Heerstrasse, Trakehner Allee 1,14053 Berlin –
zu erreichen mit U + S-Bahn Station Olympiastadion.

carpe diem
Eure Lucie

 

Fotos (c) go

2 Kommentare

  1. Isolde

    Justament sah ich mir gerade die 35 Fotos an, die ich im vergangenen Jahr auf dem Friedhof gemacht hatte. Und dann kam dieser schöne Beitrag von Go, danke sehr! Isolde

  2. Isolde

    Pardon, Dank auch und vorallem diesmal an Lucie!

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