Berlin ab 50…

… und jünger

Die Feigheit des Alters

Alt werden ist nichts für Feiglinge, so hat Joachim Fuchsberger seine Lebenserinnerungen betitelt. Ich gebe zu, das Buch nicht gelesen zu haben, doch der Titel verrät, worum es ihm geht.
Zum Feigling, der sich nichts mehr zutraut, kann man schnell werden, wenn man mit dem hadert, was man früher einmal leisten konnte und heute nicht mehr. Natürlich war früher alles besser: Die Körperkräfte, das Gedächtnis, die Gesundheit und natürlich der Sex.

Trifft man auf Freunde oder ehemalige Kollegen, so kommt das Gesprächsthema schnell auf die Dinge, die man früher einmal gemacht hat: Um den Schlachtensee gejoggt, aber natürlich in weniger als einer halben Stunde, oder gleich eine Doppelrunde. Mit dem Fahrrad 100 Kilometer im Stück gefahren oder ein paar tausend Meter geschwommen. Das alles geht so nicht mehr. Doch deswegen jammern?

Damals ging es unentwegt den Hügel rauf und heute eben wieder runter. Doch bedeutet Abstieg auch Niedergang? Der Berg, den wir damals erklommen hatten, war ein imaginärer, es gab ihn gar nicht. Wer zwang uns, Rekorde im Beruf oder in der Freizeit aufzustellen, außer wir selbst?
Dennoch – Ziele sind wichtig. Ehrgeizlose Menschen ohne Schwung sind langweilig und oft sogar schwer erträglich. Sich für nichts begeistern zu können, kein selbst gestecktes Ziel zu haben, das ist öde. Deshalb sollten wir uns durchaus selbst etwas abfordern und sei es zum Erhalt unseres Selbstvertrauens.

Leben ist Wandel und so wandeln sich auch unsere Bedürfnisse und Interessen. Unseren früheren Laufrekord werden wir nicht mehr knacken, doch dafür andere Nüsse: Fertigkeiten erlangen, von denen wir früher nicht wussten, dass es sie gibt, geschweige denn, dass wir sie selbst einmal ausüben könnten.
BeitelHandwerklich war man vielleicht schon immer ziemlich geschickt. Die Reparatur eines gebrochenen Stuhlbeins und das Schnitzen eines hölzernen Piratensäbels für die Kinder waren keine Hürde, doch an die künstlerische Nutzung dieser Fähigkeiten hatten wir früher nicht gedacht. Warum also heute nicht eine Künstlerkarriere als Holzschnitzer versuchen?

Im früheren Beruf mussten wir vielleicht viele Geschäftsbriefe schreiben, Berichte, Aktenvermerke und ähnliche unangenehme Schriftstücke für den Papierkorb. So könnten die damals erworbenen Fähigkeiten, Sachverhalte schriftlich darzustellen, heute dazu genutzt werden, eine Biografie zu schreiben. Wer von sich selbst nichts preisgeben will, der schreibt vielleicht die seiner Eltern oder Großeltern oder einfach einer bewunderten Person mit einem interessanten Lebenslauf: Die dazu notwendigen Urkunden, Fotos und Erzählungen aufstöbern und einfach loslegen. Aufschreiben, Umstellen, redigieren, korrigieren, bebildern, drucken und binden lassen. Geht doch!

Warum lassen wir uns die Beschäftigungen des Alters eigentlich mit dem Begriff “Hobby” herabwürdigen? Nein, diese Arbeiten können durchaus professionell sein. Schreibt Helmut Schmidt vielleicht Hobbybücher? Das würde wohl niemand wagen zu behaupten. Eine Biografie zu schreiben und die dazu notwendigen Recherchen in Archiven, bei Standesämtern und in Bibliotheken anzustellen, ist hochprofessionell, genau so, wie wir früher in unseren Berufen professionelle Arbeit geleistet haben.Harps (2)

Ein bisschen musikalisch ist jeder und vielleicht kann der eine oder andere sogar Noten lesen und erinnert sich an die Harmonielehre aus dem Musikunterricht. Als Schüler, unterwegs mit Fahrrad und Zelt, hatte man eine Mundharmonika im Gepäck und rang ihr ein paar Wanderlieder ab. Doch vorbei ist die Zeit der simplen Melodien. Heute spielt man Bluesharp, übt Crossplay und Overblow. Spiel mir das Lied vom Tod – ? Vorläufig noch nicht.

In unserer Kindheit gab es noch keinen Nintendo, aber Pfadfinderspiele. Ihr Prinzip liegt darin, spielerisch die Welt zu entdecken. Nichts hindert uns Ältere daran, diesen Pfad der Jugend wieder aufzunehmen. Auf anderem Niveau natürlich, doch beliebig in der Bandbreite. Sich auf den Weg machen, nach Baudenkmälern oder Kunst im öffentlichen Raum forschen, vergessene Industriedenkmäler wiederentdecken, Jugendstil, Bauhaus und Eklektizismus lernen voneinander zu untc_charlieerscheiden. Kunstrichtungen erkennen, fotografieren, dokumentieren, interpretieren und sich mit Anderen darüber austauschen.
Unsere heutige Quelle ist die Lebenserfahrung. Wir müssen nur lernen, aus unseren eigenen Fähigkeiten zu schöpfen. Sie nicht zu nutzen wäre doch irgendwie feige – oder?

Ferdinand

Fotos (c) Ferdinand

Ein Kommentar

  1. Noch besser wäre doch, den Pfad der Jugend erst gar nicht zu verlassen sondern ihn mit der gewonnenen Lebenserfahrung weiter zu führen! 🙂

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