Berlin ab 50…

… und jünger

Leben heißt auch Abschied nehmen!

Ein guter Freund ist vor ein paar Tagen gestorben. Er war nur wenige Monate älter und vor vielen Jahren, in der Studentenzeit, meine Liebe für eine recht lange Zeit. Es war wohl nicht die große Liebe, es war doch eine prägende Erfahrung. Nun ist der Freund gestorben, er ist nicht mehr da. Für mich ohne Vorwarnung, ohne Ahnung davon, dass es schlimm um ihn stand. Deshalb ist es eine Vorstellung, die mir nicht in den Kopf will. Nicht nur wegen der früheren Nähe, sondern weil das Gefühl immer stärker wird, dass jenseits der 60 und besonders jenseits der 70 das Leben geprägt ist von Verlusten und eben vom Abschied nehmen.

Die Anzahl der Freunde und Bekannten, die gerade in letzter Zeit verstorben sind, ist inzwischen sehr viel höher als die der Menschen, die ich neu kennenlerne. Und in nicht allzu langer Zeit wird die Zeit kommen, in der die Zahl der Verstorbenen, die ich schätzte, liebte und die mir noch präsent sind, größer ist als die, die mein Umfeld ausmachen. Zudem: Mein Radius wird enger – die Zeiten der großen intensiven Reisen sind vorbei und damit auch die Chance, Kontakte zu knüpfen, Freundschaften anzubahnen.
Nun höre ich sie schon: die Stimmen, die mir sagen, dass ich aufgeschlossen bleiben soll, dass es gerade im Alter noch ganz neue Perspektiven gibt, dass noch so viel Neues zu erleben, Neues zu erfahren ist. Mag ja alles sein, aber es ändert nichts daran, dass wir den Abschieden näher sind als den Begrüßungen. Manchmal scheint es mir, als wären diese Beteuerungen wie das Rufen im Wald – die leise, aber unüberhörbare Stimme wollen wir übertönen, die uns mahnt, dass die Endlichkeit unseres Lebens eine Tatsache ist.

Es ist ja nicht nur das endgültige Abschiednehmen, das verbunden ist mit dem Erlöschen eines Menschen. Sondern die ebenso bitteren und eingreifenden Abschiede von dem Menschen, den wir bisher kannten. Was ich meine, ist: Wenn ein Mensch von einer psychischen Krankheit betroffen ist, wenn er geistig abbaut, verwirrt ist, dann bedeutet es vielen Fällen, dass der Mensch nicht mehr der ist, der er war. Von dem alten Bild von ihm müssen wir uns trennen, um seiner und unser selbst Willen. Es gilt, ihn als den anzunehmen, der er jetzt ist – alles andere wäre, so denke ich, eine Missachtung seiner Person.

„Wenn ein Freund weggeht, muß man die Türe schließen, sonst wird es kalt“ (Bertolt Brecht)

Und es sind nicht nur die Abschiede, die uns ganz persönlich betreffen. Auch der Tod von den „öffentlichen“ Menschen, die unsere Generation mitgeprägt haben, sind Abschiede. Christa Wolf, Günter Grass, Fritz J. Raddatz – sie und viele andere waren so etwas wie kulturelle Fixsterne meiner Generation. Sie sind verloschen. Und damit auch das besondere Geschichtsverständnis dieser Zeit.

„Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden.“ (Jean Paul)

Aber es gibt noch ganz andere Abschiede –  sie sind zugleich „Begrüßung“: Es sind die Abschiede, die mit einer zu Ende gehenden Lebensphase zu tun haben. Aus ihnen erwächst etwas Neues, Unbekanntes. Als meine Jungmädchenzeit (sagt man das heute noch so?) zu Ende ging, war ich froh. Nach dem Motto: endlich erwachsen, endlich selbst entscheiden, mein Leben selbst gestalten zu können. Auch die weiteren Phasen – die Jahre der Ausbildung, der Familie und Berufstätigkeit – waren Abschiede und Begrüßungen zugleich.
Auch die ersten Jahre nach Ende der Berufstätigkeit hatten noch die Anmutung von Erwartungen und Neugier. Aber irgendwann – als die Todesfälle zunahmen – fühlte ich die Gewissheit, dass das einzige Neue, das kommen wird, zugleich das Ende ist. Unsere Vorfahren, lang ist es her, haben sich auf den Tod vorbereitet – als Teil des Lebens. Damit ist es vorbei – heute, im Zuge der Hightech-Medizin wird der Tod verbannt. Auch das Gespräch darüber. Und vielleicht ist es deshalb nicht verwunderlich, dass die meisten Menschen um die 40, 50 herum, bei Umfragen angeben, dass sie sich einen schnellen, unvorhergesehenen Tod wünschen. Anders sieht es bei den Todkranken aus: Viele wünschen sich, noch Zeit zu haben, um Abschied zu nehmen.
Damit schließt sich der Kreis.

I.B.F.

2 Kommentare

  1. OD

    Danke!

  2. jens f.

    Gedanken….
    Der Tod anderer Leute macht uns immer hilflos und stumm, insbesondere dann, wenn sich jemand aus dem engeren Umfeld verabschiedet…
    Auch ich und meine Familie- haben es des Öfteren kennengelernt und erfahren, dass eine solche Trennung unwiderruflich und endgültig ist, und erst Recht furchtbar und unbegreiflich, wenn sie plötzlich und ohne „Vorwarnung“ passiert…
    Wir alle haben in dieser schweren Zeit versucht, den Angehörigen in Gesprächen Trost zu spenden. Wir alle aber haben auch feststellen müssen, dass es nicht leicht war, die richtigen Worte zu wählen , Worte die eigentlich Trost spenden sollten…
    Ein Wort aber tröstet immer – es ist das Wort „““KOSTBARKEIT“““…
    Dieses den Angehörigen mitzuteilen, welch ein kostbarer Mensch aus ihrer Mitte den Planeten Erde verlassen hat- egal, was auch immer der Verstorbene an guten und weniger guten Eigenschaften aufzuweisen hatte, ist immer tröstend…
    Sprache und sprechen sind die Instrumente, Energie zu gewinnen, auch wenn es manchmal so aussieht, dass das Leben keinen Sinn hat…
    Besonders schmerzlich empfindet man den Tod in der Zeit der tristen, dunklen Monate – ich meine die vier von November bis Februar…
    Erinnerung…
    Oktober 1995 – ich kam aus meinem fröhlichen Halbtagsjob nach Hause, und sah auf dem Flurschrank einen Trauerbrief. Mir wurde ganz komisch , alles schoss mir durch den Kopf…
    Mein jüngster Sohn und meine Frau kamen mir entgegen, nahmen mich in den Arm, und weinten bitterlich…Sie hatten den Brief geöffnet, weil sie vermuteten, nicht zu Unrecht – Oma oder Opa…
    Nein, es war einer meiner/unserer besten Freunde…Mittelbar teilte ich es den zwei älteren Söhnen mit- und wir alle waren fassungslos, sprachlos – und weinten unsere seelische Not heraus…
    Ich schreibe es deshalb, weil- kaum zu glauben, es war der dritte Todesfall in der Familie innerhalb von vier Monaten. Die Tochter starb – 19-jährig, kurz zuvor unter mysteriösen Umständen auf dem OP-Tisch, der Sohn starb – 22-jährig nur vier Wochen nach seiner Schwester-Todesursache Gehirnschlag, und dann der Vater im Januar des folgenden Jahres…
    Die Menschen denken, dass Kummer Schmerz sei. Aber dem ist nicht so…Kummer, das in Sich-Versenken in eine stille Erinnerung an das was war, aber nicht mehr ist, ist eine Freude, ein Trost ,ein Segen… Zitat Friedrich Max Müller (1823-1900)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: