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… und jünger

„Total Manoli“ : Lucian Bernhard und Jacob Mandelbaum

Die Rettung eines Grabmals

Am Montag, den 4.Mai 2015 war die feierliche Übergabe der restaurierten Grabanlage von Jacob und Rosa Mandelbaum auf dem jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee. Das von dem berühmten Designer und Grafiker Grabmal MandelbaumLucian Bernhard 1919 geschaffene Grabmal für den BerlinerMandelbaum Grabstein Zigarettenfabrikanten Jacob Mandelbaum („Manoli“) und seine Frau war geschändet worden, aller Grabinschriften aus Metall beraubt. Der Berliner Lucian Bernhard-Sammler Hubert Riedel hat das verfallene Grab vor einigen Jahren entdeckt und gemeinsam mit dem Manoli-Sammler Rainer Immensack aus Hofheim am Taunus  sowohl die jüdische Gemeinde als auch Sponsoren wie die Reemtsma-Stiftung dafür gewinnen können, das Grab zu restaurieren. Die Feierstunde war auch deshalb so bewegend, weil der 87-jährige Großneffe Samuel Mandelbaum aus Wiesbaden das Kaddisch sprach. Beiden engagierten Sammlern ist damit der Erhalt der Grabstätte und die Erinnerung an die beiden Pioniere der Produktwerbung Anfang des 20.Jahrhunderts zu verdanken.

Was verbindet nun Bernhard und Mandelbaum im Berlin des Jahres 1910? Während Lucian Bernhard (eigentlich Emil Kahn, *1883 Cannstadt , + 1972 New York) vermutlich vielen durch seine Schriftgestaltung auch heute noch bekannt ist, dürfte der Name „Manoli“ bald in Vergessenheit geraten sein. Lucian Bernhard studierte an der Münchner Kunstakademie, übersiedelte dann 1901 nach Berlin, wo er für die Plakatdruckerei Hollerbaum & Schmidt Manoli _2das sogenannte „Berliner Sachplakat“ erfand: eine völlig neue versachlichte Bildsprache, die unter Weglassung alles Unnötigen sofort einen assoziativen Zusammenhang zwischen Produkt und Schrift erreichte. Die von Bernhard geschaffenen Schriftzüge für Produkte von Bosch, Kaffee Hag oder Pelikan werden heute noch benutzt.

Der aus der Nähe von Krakau stammende deutsche jüdische Unternehmer Jakob Mandelbaum gründete 1894 die Manoli-Zigarettenfabrik in Berlin, die 1904 bereits 200 Angestellte beschäftigte. Die heuteManoli noch erhaltenen Josetti-Höfe in der Rungestrasse in Mitte waren seit 1907 Produktionsort. 1910 engagierte Mandelbaum Lucian Bernhard als Designer für die Manoli-Packungen. Bernhards Entwürfe stellten das mondäne Berliner Leben dar, Klassiker der Reklamekunst entstanden. Die Ästhetisierung von Warenkultur und Werbestrategie in der industriellen Massenproduktion war beispielhaft.

Sammlung Stefan Wolski Berlin

(c) Sammlung Stefan Wolski Berlin

Jacob Mandelbaum war wie viele Juden deutschnational und unterstützte die Frontsoldaten durch Zigarettenlieferungen. Auch seine beiden Söhne gingen freiwillig an die Front. Die englischsprachigen Zigarettenpackungen wurden eingedeutscht. Nach Kriegsende verlor er wie viele, die Kriegsanleihen gezeichnet hatten, sein Vermögen. Manoli wurde 1924 von Reemtsma aufgekauft und in den 30igern geschlossen.

ManoliSammlung

(c)  Sammlung DHM Berlin

Die außergewöhnliche Reklame aber blieb in den 20iger Jahren Thema: „Die erste elektrische Lichtreklame in Berlin entstand 1910 für Manoli. Im Manoli-Logo durchwanderten die Buchstaben einen bunten Lichtkreis. Auf diese bewegte, nervös zuckende Leuchtreklame soll der Berliner Volksmund einen Ausdruck geprägt haben: „Der ist Manoli“, als Bezeichnung für jemanden, der sich verrückt aufführte.

Kurt Tucholsky dichtete 1920: „Die meisten Menschen haben heut ein kleines Rad. / Total Manoli! Total Manoli! / Such dir mal wen in ganz Berlin, der das nicht hat. / Tanz des Geschlechts um Manoli rechts rum, / die ganze Erde tanzt von früh bis abends spät / stets um das Dings rum, Manoli links rum! / Ihr seid doch alle, alle, alle etwas durchgedreht.“

Rudolf Nelson entwickelte aus diesem Gedicht seine legendäre Revue „Total Manoli!“, die 1920 mit dem Kabarettisten Fritz Grünbaum und der Tänzerin Lucie Berber am Kurfürstendamm lief.“(zitiert aus Wikipedia)

Das restaurierte (Grab-)Denkmal erzählt nicht nur die Geschichte von „Manoli“-Gründer Mandelbaum und dem Designer Lucian Bernhard, sondern ist auch wichtiges Zeugnis der Berliner Kulturgeschichte am Anfang des 20.Jahrhunderts.

mw
Fotos (c) mw

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