Berlin ab 50…

… und jünger

Jenseits des Regenbogens

Kennen gelernt hatte ich Robert vor knapp 20 Jahren bei einem Segelurlaub in der Türkei. In einer Hafenkneipe saßen wir am gleichen Tisch und kamen ins Gespräch. Wir hatten ein gemeinsames Thema gefunden und unterhielten uns über die Mies’sche Ecke. Wer sich für Architektur interessiert, weiß was das ist. Robert ist nämlich Architekt, aber auch Künstler und Pianist.

Aus der ersten Begegnung wurde eine Freundschaft. Robert lebte damals in Düsseldorf, ich in Berlin, doch das hinderte uns nicht, von nun an gemeinsame Reisen zu unternehmen, oft mit Rucksack und meistens nach Griechenland.
Vom Charakter her waren wir gänzlich verschieden. Er, ein Träumer, der ständig irrationalen Zielen hinterher lief, und ich, der Besonnene, der seine Träume ganz gut mit der Realität in Einklang zu bringen verstand. Geld interessierte Robert nicht und so hatte er auch nie welches in der Tasche. „Bezahl du mal heute“, sagte er oft. Robert war zudem etwas cholerisch veranlagt und regte sich schnell auf, selbst dann, wenn er im Unrecht war.
Doch es gab auch Roberts andere Seite. Er schrieb wunderbare Gedichte, und kamen wir an einem Klaviergeschäft vorbei, sei es in Düsseldorf, Berlin, Thessaloniki oder Athen, so steuerte er sofort auf den teuersten Flügel von Steinway oder Bechstein zu, und bevor der Inhaber intervenieren konnte, improvisierte er ein paar Takte von George Gershwin oder Cole Porter und erstickte damit jeden Protest im Ansatz.
Warum ich das alles in der Vergangenheitsform schreibe? – Weil Robert inzwischen nicht mehr derselbe ist, der er einmal war.

Ende Juni 2012 hatte er eine alte Freundin besucht. Sie tranken ein Glas Wein zusammen und unterhielten sich über vergangene Zeiten, als Robert das Glas aus der Hand fiel und er das Bewusstsein verlor. Die Gastgeberin reagierte schnell, rief den Rettungswagen. Robert landete im Kreiskrankenhaus und kurz darauf in der Neurochirurgie des Landesklinikums.
Ein Aneuyrisma in seinem Kopf war geplatzt und hatte sein Leben auf der Stelle verändert.

Als ich ihn wenige Wochen später in einer Pflegeanstalt besuchte, fand ich ihn halbseitig gelähmt, orientierungslos und gewindelt in seinem Bett. Immerhin erkannte er mich sofort, und als ich seine Hand ergriff, spürte ich, dass er auf mich gewartet hatte. Ich las ihm etwas aus einem Buch vor. Verstanden hat er das Gelesene damals sicherlich nicht, doch darauf kam es auch gar nicht an.
Die Briefe, die ich ihm geschrieben hatte, waren ungeöffnet an eine Pinnwand geheftet worden. Die Zeit, sie ihm vorzulesen, hatte sich keine der Pflegekräfte genommen. Als ich die Schwester darauf hin ansprach und sie bat, Briefe an den Patienten doch zu öffnen und sie ihm vorzulesen, nickte sie zustimmend, doch sie hielt mich wahrscheinlich für einen Naivling, der nicht begriffen hatte, wie es in einem Pflegeheim zugeht. Die Patienten müssen gewaschen, gefüttert und trocken gelegt werden.
Doch es geschah eine Art Wunder: Robert lernte wieder laufen, die halbseitige Lähmung ging nach Monate langem Training zurück. Er schaffte es, sich wieder selbst zu waschen, sich anzuziehen, am Tisch zu essen und seine Enkelkinder zu umarmen, die sich wie selbstverständlich um ihren veränderten Opa bemühten. Der konnte zwar wieder laufen, doch er hatte seine Sprache weitgehend verloren und auch die Fähigkeit, zu lesen und zu schreiben.

Robert zog wieder zurück in das schöne Haus, das er sich am Rand eines kleinen, abgele2015_Robert (18)genen Dorfes gebaut hatte, doch weit weg von der Familie. Nicht, dass es ihm heute dort besonders gut ginge und er nicht auf fremde Hilfe angewiesen wäre, doch die Unabhängigkeit war ihm wichtiger als die Rundumversorgung in einem Heim.

Er erwartete mich schon an der Tür, als ich mit dem Auto den Feldweg zu seinem Haus hinauf fuhr. Nach kurzer Umarmung setze er sich an seinen Blüthner Flügel und spielte für mich zur Begrüßung eine Improvisation auf Somewhere Over The Rainbow, den wunderbaren Welterfolg von Judy Garland.
Warum er die Sprache, das Lesen und das Schreiben verlernt hat, nicht aber das Klavierspiel, das könnte wirklich nur jemand erklären, der von einem Regenbogen auf ihn hinab schaut.

Zweimal am Tag bekommt Robert “Besuch” von einer Pflegerin. Sie bleibt nicht länger als die Minuten, die sie braucht, um ihm seine Pillen in eine vorbereitete Schachtel zu zählen. Sein Mittagessen wird ihm in einer Thermobox auf die Türschwelle gelegt. An seinem Handgelenk trägt er ein Armband mit einem roten Knopf.

Wie gesagt, Robert ist nicht mehr der, der er einmal war. Er hat viel verloren, doch nicht meine Freundschaft. Nicht, weil ich sie ihm in seiner Situation schuldig wäre. Was uns verbindet, sind die gemeinsamen Erlebnisse auf den Feldern der Kunst, der Musik, des Reisens oder einfach des täglichen Lebens. Als ich ihm aus dem Tagebuch unserer Wanderung zu den Klöstern des Athos vorlas, umarmte er mich plötzlich und sagte: “Weißt du…” doch dann blieb seine Sprache, wie immer, stecken.
Was er mir sagen will, drückt er mit seinen Gesten, seinem zustimmenden Nicken oder seinem ablehnenden Kopfschütteln aus. Ohne Worte – und ich verstehe.

Ferdinand

3 Kommentare

  1. Isolde

    Sehr berührend, diese Geschichte – da bin ich auf die Fortsetzung gespannt!

  2. Be

    Schön, daß Sie uns an dieser sehr privaten Geschichte einer Freundschaft teilhaben lass- en. Mich berührt diese Geschichte auch, weil sie so verschiedene Aspekte beinhaltet über die man sich Gedanken machen kann: von gemeinsam Erlebtem in einer langjährigen Freundschaft über Veränderung eines Menschen, Hoffnung auf Besserung, Selbstbestimmtheit im Alter und Zustand in Pflegeheimen. Und ich wünschte, daß mehr Menschen in der Situation eines Robert einen Ferdinand hätten.

  3. B.M.

    Ich glaube, es gibt mehr „Ferdinands“ als man meint. Wir sollten unseren Mitmenschen mehr zutrauen. Aber natürlich gibt es die, die sich zurückziehen. Vielleicht auch, weil wir uns nicht trauen, mit kranken oder behinderten Menschen oder mit Menschen, die einfach anders sind, umzugehen.
    Vermutlich wären alle, die Robert kennen, froh, wenn er wieder „cholerisch“ reagieren würde. Was man früher eher skeptisch sah, empfindet man später, wenn der Mensch ein anderer ist, als Verlust. Das sollte uns frühzeitig zu denken geben. Und zu Toleranz führen.
    B.M.

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