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Zwei Orgeln für Paulus

Pauluskirche: Französisch-sinfonische Orgel

Pauluskirche: Französisch-sinfonische Orgel

Zwei neue Orgeln in einer Kirche. Passt das überhaupt noch in die heutige Zeit? Wären die Finanzen für die beiden Pfeifeninstrumente von rund 1,4 Millionen Euro nicht an anderen Stellen in unserer Gesellschaft besser und nützlicher aufgehoben?
Die Paulus-Kirchengemeinde in Berlin-Zehlendorf hat sich jahrelang mit diesen Fragen auseinander setzten müssen. Es wurde heftig diskutiert über das Für und Wider eines der größten Orgelbauprojekte Berlins. Aber seit

Pauluskirche

Pauluskirche

Oktober 2013, als in der Pauluskirche, gleich gegenüber vom Rathaus Zehlendorf, die beiden Orgeln in einem Festgottesdienst erstmals offiziell erklangen, verstummen die kritischen Stimmen. Das sorgsam geplante Konzept der Kirchenmusik in der Paulusgemeinde scheint aufzugehen. Die französisch-sinfonische Orgel von der Berliner Orgelbauwerkstatt Karl Schuke und die Barock- oder Bachorgel von Rowan West aus Altenahr begeistern nicht nur die Gottesdienst- und Konzertbesucher jeden Alters, sondern auch die Orgelspieler aus ganz Europa.

Pauluskirche: Barock- oder Bachorgel

Pauluskirche: Barock- oder Bachorgel

Olivier Latry zum Beispiel, weltberühmter Organist von Notre-Dame in Paris, kam anlässlich seines Konzertes in der Philharmonie auch nach Zehlendorf, um die beiden Orgeln zu spielen. Latry war sehr angetan – sowohl von der Idee, zwei Orgeln mit verschiedenen Klangprofilen in eine Kirche zu stellen, als auch von den entstandenen Instrumenten.

Und so begann das ehrgeizige Projekt
Das erfolgreiche Orgelbauprojekt begann mit einem peinlichen Fiasko: In der „Langen Nacht der Orgel“ im August 2005 streikte die Orgel im dritten Konzert des Abends. Alle Mühen, die Walcker-Orgel von 1969 wieder spielbar zu machen, waren vergebens. Die Zuhörer verließen sang- und klanglos die Kirche. Über Nacht stand die Kirchengemeinde vor einer ersten weitreichenden Entscheidung, der in den kommenden Jahren noch viele folgen sollten: reparieren und sanieren oder abbauen und neu bauen?

Sachverständige gingen ans Werk und stellten die Höhe der Reparaturkosten den Kosten für einen kompletten Orgelneubau gegenüber. Letztlich sprachen sie sich für eine neue Orgel aus. Während die Fachleute noch darüber diskutierten, hatte eine Zehlendorfer Familie bereits eine erste beträchtliche Spendensumme für einen Neubau zugesagt. Das gab der Sache enormen Auftrieb.

Pauluskirche: Orgeleinweihung

Pauluskirche: Orgeleinweihung

Im Juni 2006 gründete die Gemeinde den „Orgelbauverein der Pauluskirche Zehlendorf“. Das Bauvorhaben wurde in der Kirchengemeinde und darüber hinaus in der Öffentlichkeit vorgestellt. Am Ende unterstützten über 400 Personen und Institutionen die Arbeit des Fördervereins. Sie spendeten kleine und große Geldbeträge. Sie erwarben Pfeifenpatenschaften oder erhielten sie als Geschenk. Sie wirkten mit bei den zahlreichen, meist gut besuchten Benefizkonzerten für den Orgelbau.

Aus einer wurden zwei Orgeln
Im Lauf der Zeit entwickelte sich eine weitere Tendenz: Es sollte nicht nur eine Orgel für die Ortsgemeinde sein. Auch die Erfordernisse und Ansprüche im Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf und innerhalb der Berliner Orgellandschaft sollten beachtet werden. Ein Fachbeirat stellte bald die entscheidende Frage: eine weitere „Universalorgel“, wie sie in Berlin üblich ist, oder aber zwei klanglich eindeutig profilierte Orgelwerke? Die baulichen Voraussetzungen in der 1905 erbauten Pauluskirche sind für die zweite Alternative besonders günstig, denn zwei der drei Kirchenemporen beherbergten bereits für lange Zeit jeweils eine Orgel, aber nie zur gleichen Zeit.

Pauluskirche: Orgeleinweihung

Pauluskirche: Orgeleinweihung

In mehreren Gemeindeversammlungen und auf den regelmäßigen stattfindenden Mitgliederversammlungen des Orgelbauvereins erörterte man sehr lebhaft und kontrovers die Idee von „zwei Orgeln für Paulus“. Dass der geplante doppelte Orgelklang ein über die Gemeindegrenzen hinweg weit ausstrahlendes Projekt werden sollte, bestätigte sich durch die Aufnahme in eine Förderung durch die Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin. Auch die Stiftung „Kirche im Dorf“, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz und die Beck’sche Stiftung beteiligten sich schließlich an der Finanzierung. Damit stand im Jahr 2011 der Auftragsvergabe an die beiden Orgelbauer, Schuke in Berlin und West in Altenahr, nichts mehr im Wege.

Diplomprüfung auf der Orgelbank
Beide Instrumente spielen heute auch eine herausragende Rolle für Organisten und Kirchenmusiker, die an der Universität der Künste studieren. Die Folge: Regelmäßig stattfindende Diplomprüfungs- und Examenskonzerte in der Pauluskirche – und freier Eintritt für die Zuhörer zu diesen Orgelkonzerten auf höchstem musikalischen Niveau.
Der Orgelmusikfreund erlebt dann stets von Neuem die hervorragende Akustik in der Zehlendorfer Pauluskirche, die einer am französisch-sinfonischen Klang orientierten Orgel besonders entgegenkommt. Zudem gibt es ein derartiges Instrument weder in Berlin noch in Brandenburg. Auch eine kleinere, im spätbarocken Klang konzipierte Kirchenorgel, wie sie jetzt auf der rechten Seitenempore der Pauluskirche steht, fehlte bislang in der Bundeshauptstadt.
Wer nun neugierig geworden ist und Lust hat, die beiden Orgeln mit eigenen Ohren zu hören, hat verschiedene Möglichkeiten dazu:

Das ganze Jahr über finden Orgelkonzerte in der Pauluskirche Zehlendorf statt. Die aktuellen Konzerttermine finden Sie im Internet bei der Berliner Bach Gesellschaft unter www.berlinerbachgesellschaft.de.

An zwei Sonnabenden im Monat lädt die Paulusgemeinde zu „Orgel.Punkt.Zwölf“ ein, zwanzig bis dreißig Minuten Orgelmusik zur Mittagszeit. Die nächsten Termine: 6. und 27. Juni um 12 Uhr. Im Anschluss an das mittägliche Kurz-Konzert finden oftmals Orgelführungen statt.

Orgelmusik erklingt auch stets in den Sonntagsgottesdiensten um 10 Uhr. Nur im Winter, zwischen Januar und Ostern, ist die Pauluskirche wegen Energiekostenersparnis geschlossen.

Lothar Beckmann

alle Fotos (c) L. Beckmann

Ein Kommentar

  1. A.L.

    Das Problem, dass es immer zu der Frage kommt, ob solche Mittel nicht „nützlicher“ eingesetzt werden können, wird sich nicht lösen lassen. Denn es betrifft den Stellenwert der Kultur, den wir ihr zugestehen bzw. den wir einfordern. Eine Welt, die nur auf dem Nützlichkeitsprinzip beruht, wird keine schöne Welt mehr sein.
    Zudem: Ein Teil der Mittel ist ja offenbar durch Spenden aufgebracht worden – damit ist der Wille der Bürger ziemlich deutlich geworden. Und der kostenfreie Eintritt ist ein kleines Dankeschön vermutlich.
    A.L.

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