Berlin ab 50…

… und jünger

Ein Buchtipp: DIE MOSSDORFS – das Schicksal einer Berliner Familie im 20.Jahrhundert

Buchcover Gleich vorweg, ist ein eigenartiges Buch. Es ist auf der einen Seite eine Familienchronik, also sehr persönlich – ausgehend von Tagebuch-Einträgen, von Briefen und Fotoalben. Auf der anderen Seite werden diese persönlichen Erlebnisse von den Nachfahren zusammengestellt und in die „große Geschichte“ eingebettet – ohne jegliche kritische Hinterfragung, ohne Wertung und ohne eigene Gedanken zu vermerken. Herausgekommen ist eine etwas spröde, fast unemotionale Familiengeschichte in Berlin des 20.Jahrhunderts, die durchaus lesenswert ist:

 

Als Tante Rosi mit 77 Jahren stirbt, finden ihre Nichten in der Wohnung Prinzregentenstraße 83 im Bayerischen Viertel in Schöneberg/Wilmersdorf ein ganzes Archiv – unzählige Tagebücher, Briefe, Speisepläne, Fotoalben, Bilder und sonst noch jede Menge Papier, in jeder Schublade, in allen Kästen, Schreibtischen und Kommoden. Die 6-Zimmer-Wohnung wurde im Jahr 1912 von den Großeltern Else und Otto Mossdorf gemietet und wurde bis zum Tod ihrer unverheiratet gebliebenen Tochter Rosemarie, eben jener Tante Rosi, nie verändert. Ein Museum. Die seinerzeit moderne Wohnungseinrichtung mit teurem, liebevoll ausgesuchtem Mobiliar, passenden Teppichen und Vorhängen, feinstem Porzellan und Silber, blieb wie eingefroren erhalten. Nicht nur, dass nichts verändert wurde, es wurde auch nichts weggeworfen. Die Dokumente ergeben eine fast lückenlose Chronik einer gutbürgerlichen Berliner Familie im letzten Jahrhundert –   Otto, stolzer Offizier des Kaisers, machte ab Mai 1921 Karriere  in der Deutschen Allgemeinen Zeitung, vom Voluntär über  Chef des Außenressorts  bis zum Schriftleiter.

Die beiden Nichten Friederike Oeschger und Babette Radtke haben das Erbe in einem zeitaufwendigem Prozess (es mussten die Briefe und Tagebucheintragungen in Sütterlinschrift erst einmal entziffert und transkribiert werden) gesichtet und gesichert und anschließend zusammen mit dem Journalisten und Schriftsteller Michael Seufert ein Geschichtsbuch besonderer Art zusammengestellt.
Chronologisch werden Briefe und Tagebucheintragungen buchcover rückseitezitiert und in den historischen Kontext gestellt. Hinterfragt oder hinzugefügt wird nicht, das ist Konzept des Buches. Dies macht es ein wenig trocken, dröge ist es nie. Hat man sich erst einmal eingelassen, auf den Stil und das Konzept, wird man hineingezogen in die Gedankenwelt des gut situierten Bürgertums, das kaisertreu bis in die Knochen war und blieb, das tanzte, feierte und reiste und dank der vorhandenen finanziellen Mittel auch schwierige Zeiten gut überstand. Das ganze 20. Jahrhundert vom Kaiserreich über die Weimarer Republik, den Nationalsozialismus und das geteilte Berlin – alles spiegelt sich im Leben der Familie Mossdorf wider und verdeutlicht, wie politische diese „unpolitische“ Haltung des Bürgertums war.

Eine spannende Zeitreise ins vergangene Berlin

Die Mossdorfs – Das Schicksal einer Berliner Familie im 20. Jahrhundert erschienen bei Hoffmann und Campe, 2014, 22 €

go

 

 

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