Berlin ab 50…

… und jünger

BÜRGERLICHE WELT IN KLEIN

„Sieh mal, eine kleine Dochtschere – und da, der Weihnachtsbaum“! „Schau mal, die Apotheke“! „Oh, so eine Puppe hatte meine Mutter auch…Paperweight-Augen“ – aufgeregt macht eine ältere Frau ihren Mann auf eine bezaubernde Puppe mit strahlenden blauen Augen aufmerksam. Nicht weit davon entfernt stehen zwei Freundinnen Anfang zwanzig und können sich gar nicht sattsehen an den verschiedenen Küchen und bürgerlichen Salons en miniatschloss britz eingangure. Was man da alles entdecken kann – Kupfergeschirr und eine kleine Eismaschine in der Küche, kleine grüne Römer im Salon, eine Nähmaschine im Schlafzimmer. Es ist laut in den Ausstellungsräumen des Schloss Britz. Besucher jeden Alters stehen begeistert vor den Vitrinen, in denen eine umfangreiche Sammlung von Puppenküchen und Puppenhäusern, Kolonialwarenläden und Apotheken, Modeläden und einem Spielzeuggeschäft und viele unterschiedliche Puppen zu sehen sind. Die Exponate vermitteln hundert Jahre Alltags-, Zeit- und Stilgeschichte und verdeutlichen Wohnverhältnisse, Wohnkultur, bürgerliche Normen und Werte längst vergangener Zeiten.

Das Biedermeier entdeckte dieplakat puppenwelten Kinder und damit entwickelt sich auch allmählich die Puppe zum Spielzeug. Bis dahin war die Puppe nicht nur ein Prestigeobjekt, sondern vor allem ein Spiegelbild der aktuellen Mode – Frisur, Garderobe, Körperform und Gesichtsbemalung . Puppen als Mannequins der neuesten Modekollektion wurden zwischen Paris und Deutschland im 18. und 19. Jahrhundert gerne ausgetauscht. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte sich die sogenannte Charakterpuppe durch, um 1900 kam die erste Babypuppe auf den Markt. Sie wurde aufwändiger gestaltet, mit Echthaarperücken, Glasaugen, Schmuck und allen sonst noch wichtigen Accessoires ausgestattet. Die Puppen waren ein Abbild der Erwachsenen-Welt und zur Vorbereitung für die Rolle im späteren Leben gedacht.

Bekanntlich weigerte sich Max Kruse 1904 seiner Tochter eine Puppe aus Berlin mitzubringen, weil er sie scheußlich, kalt und steril fand, und so nähte Käthe Kruse ihre erste Puppe. 1910 wurden ihre Puppe im Warenhaus von Hermann Tietz (Hertie) ausgestellt. Das war die Geburtsstunde der Käthe-Kruse-Puppen, die so viele Generationen glücklich machten.

puppenwelten
Bis dahin waren die Puppen nicht nur kalt, sondern auch steif – die Kugelgelenke wurden erst ab 1880 verwendet – und waren weder zum Kuscheln noch zum Spielen wirklich geeignet (Die geliebte Barbie-Puppe, die ja auch vor allem ein Mannequin ist, lässt grüßen).

Die Geschichte der Spielzeugindustrie in Thüringen – besonders die der Puppenstadt Waltersdorf und der „Weltspielwarenstadt“ Sonneberg -, wird genauso erzählt wie die katastrophalen Arbeitsbedingungen der Heimarbeiter dieses im 19.Jahrhundert boomenden Industriezweigs, deren Exportschlager Puppenköpfe und Puppenaugen war.

Vom 28. März bis zum 30. August 2015 präsentiert die Kulturstiftung
Schlossschloss Britz Britz aus der Sammlung von Anne Kamratowski (die von Beruf Personenschützerin ist und als Kind nie mit Puppen gespielt hat) eine historische Puppenausstellung von ganz besonderer Qualität – „PUPPENWELTEN – Vom Biedermeier bis zum Jugendstil“. Noch nie wurde diese sehr umfangreiche Kollektion der Öffentlichkeit in einer Ausstellung präsentiert.

Öffnungszeiten sind Dienstag- Sonntag, 11- 18 Uhr, Schloss Britz, Alt-Britz 73, 12359 Berlin http://www.schlossbritz.de/v/ausstellungen

Viel Vergnügen bei dieser Zeitreise in die bürgerliche Kinderwelt des 19.Jahrhunderts – die nicht nur für Puppenmütter (jeden Alters) interessant ist.
Bleiben sie neugierig!
go

alle Fotos (go)

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