Berlin ab 50…

… und jünger

„Warum sprichst Du so leise? Ist es ein Geheimnis?“

Die Antwort Ihres Gegenübers wird vermutlich ein „Weder – noch“ sein. Denn Ihr Gesprächspartner oder Ihre Partnerin spricht in ganz normaler Lautstärke und es ist auch nichts Geheimnisvolles daran.

Sie werden das nicht glauben wollen, aber vielleicht ahnen Sie aufgrund ähnlicher Situationen, dass es stimmen köschwerhörigkeit symbolnnte. Denn Sie haben auch festgestellt, dass Sie den Fernseher, das Radio, die Stereoanlage seit einiger Zeit immer ein wenig mehr aufdrehen, aber so richtig befriedigend ist der Höreindruck dennoch nicht.

Die Wahrheit ist: Sie hören einfach nicht mehr so gut. Dies offen eingestehen zu müssen, ist schmerzhaft, ist es doch ein weiterer Beweis, dass Sie älter werden, und dass Ihre Sinne ihre jugendliche Kraft zu verlieren beginnen. Das tut weh, denn es ist nun einmal so, dass wir die Welt durch unsere Sinne erfahren. Und wenn sie nicht mehr so sensibel reagieren, verlieren wir etwas.

Nachlassende Sehschwäche lässt sich mit einer Brille, mit Kontaktlinsen ausgleichen und zwar fast perfekt. Und nicht mehr so gut sehen können, ist in der Gesellschaft vollkommen akzeptiert.
Ganz anders ist es bei einer Hörschwäche. Sie wird immer noch ziemlich umstandslos auch mit dem Abbau intellektueller Fähigkeiten gleichgesetzt.
Es stimmt schon: Nicht mehr gut sehen trennt von den Dingen, nicht mehr gut hören von den Menschen. Und wenn Ihre gut hörenden Freunde Ihnen versichern, dass das doch kein Problem ist, glauben Sie es nicht. Es ist eines! Sie werden – nicht aus bösem Willen, sondern aus Nachlässigkeit – im Umgang mit Ihnen und in Gesprächsrunden genau so reden, diskutieren, durcheinander sprechen wie vorher. Obwohl auch Normalhörende im Alter mit dem „Cocktailparty-Effekt nicht mehr gut zurechtkommen. Das hat auch zu tun mit Konzentration und der Fähigkeit, Nebengeräusche absorbieren zu können.

Aber ich wollte Sie eigentlich auf etwas anderes im Zusammenhang mit Alterschwerhörigkeit hinweisen. Und zwar auf die Folgen, die besonders schwerwiegend und den Meisten gar nicht bekannt sind. Sie kommen vor allem dann zum Tragen, wenn Sie Ihr nachlassendes Hörvermögen verschweigen, nichts dagegen tun, es ignorieren und sich „durchzuwurschteln“ versuchen (man kann darin recht perfekt werden – ich weiß das aus langjähriger Erfahrung!)
Denn je länger Ihre Alterschwerhörigkeit nicht durch Hörgeräte korrigiert wird, umso nachhaltiger hinterlässt sie Spuren in Ihrem Gehirn. Die Strukturen, die für das Hören zuständig sind, bauen ab. Mit der altersbedingten Veränderung bzw. Degenerierung des Innenohrs sterben auch die Nervenfasern ab, die die Verbindungen zwischen rechts und links und mit anderen Teilen des Gehirns herstellen. Oder anders: Ihr Gehirn altert schneller! Je länger das andauert, umso schwieriger wird es, die Hörfähigkeit wieder aufzubauen.
Aber vor allem: Wenn Sie Ihre Alterschwerhörigkeit nicht korrigieren, schaffen Sie einen Risikofaktor für eine spätere Altersdemenz und Depression.
Das sollte Sie zusätzlich motivieren, Ihren Ohrenarzt oder Ihre –ärztin aufzusuchen.
Wieso es zu einer Demenz kommen kann? Der soziale Rückzug, zu dem eine unversorgte Schwerhörigkeit führt, die Vereinsamung, die fehlende Kommunikation, das alles sind Faktoren, die eine Demenz hervorrufen bzw. begünstigen können. Können, nicht müssen! Aber warum es darauf ankommen lassen? Liegt eine Demenz bereits vor, wird sie auf jeden Fall schneller fortschreiten, wenn eine Schwerhörigkeit dazu kommt.

Fazit: Die Fachärzte empfehlen, ab dem 55. Lebensjahr jedes Jahr einen Hörtest machen zu lassen. Ob bei einem Akustiker oder einem Facharzt für Hals, Nasen, Ohren – das ist Ihnen überlassen (ich selbst lasse ihn immer beim Akustiker durchführen, weil diese noch präzisere und stärkere Messgeräte zur Verfügung haben, die allerdings wohl nur bei sehr starker Hörschädigung notwendig sind. Bei mir z.B. reichen die Geräte beim Arzt nicht aus – aber das ist wirklich ein Sonderfall). Und sich sehr schnell mit einem Hörgerät versorgen zu lassen, wenn die Tests einen Hörverlust ergeben.

Wenn Sie mögen, erzähle ich Ihnen in einem späteren Beitrag etwas über die völlig unberechtigten Vorurteile gegenüber Hörgeräten, aber auch über die notwendige Geduld und das Durchhaltevermögen, die notwendig sind, wenn die Geräte wirklich helfen sollen. Bei einer Brille benötigen Sie ja auch eine Anpassungszeit – das Hören ist nicht minder kompliziert. Besonders dann, wenn Sie, wie es zurzeit immer noch die Norm ist, sieben (!) Jahre ins Land gehen lassen, bis Sie sich zu dem Schritt entscheiden.

Seien Sie fürsorglich auch zu selbst. Und: Bleiben Sie mir gewogen.

I.B.F.

Quelle: SZ vom 28.5.2015; ÄrzteZeitung vom 15. 3. 2011

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