Berlin ab 50…

… und jünger

Aufgelesen: Mit der Milch geht’s bergab …

milchKlares Indiz: Der Anteil derjenigen, die noch Milch trinken, nimmt ab. Für immer mehr Menschen scheint Milch plötzlich ein absolutes „no go“ zu sein.

War sie in unserer Jugend nicht die Verheißung dafür, dass wir groß und stark werden, und wurden wir nicht deshalb in der Nachkriegszeit landverschickt, um jeden Tag mit einem großen Glas frisch gemolkener Milch aufgepäppelt zu werden?

Und wie hieß es in der Werbung: „Die Milch macht’s“. Und Milchschnitte und Co mussten sein wegen der „Extraportion Milch“.

Heutzutage: Eine Extraportion darf es schon gar nicht sein, und wenn Großeltern noch immer meinen, dass sie ihren Enkelkindern Gutes tun, wenn sie sie mit Kinderriegel oder Milchschnitte verwöhnen, werden sie von den aufgeklärten Eltern eines anderen belehrt (einmal abgesehen davon, dass die Extraportion vermutlich so extra nicht war und die Milchschnitte sowieso wegen des Zuckergehalts von Übel).

Jetzt darf es nicht mehr Kuhmilch sein, sondern Sojamilch, Dinkelmilch, Mandelmilch und sicherlich gibt es noch weitere Arten, die ich gar nicht kenne.

Die Milch „auf der roten Liste“: Wie konnte es dazu kommen?

Ein Stichwort ist „Laktoseintoleranz“. Inzwischen scheint es mehr Menschen Milch2zu geben, die darunter leiden, als solche, die Milchzucker vertragen. Dieser Anstieg ist merkwürdig – sind wir Menschen von heute so ganz anders „konstruiert“ als unsere Vorfahren? Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Wer wirklich unter einer Intoleranz gegenüber Milchzucker leidet, verdient unsere Anteilnahme. Ohne Frage. Aber all die anderen, die irgendwann einmal davon gehört haben und plötzlich meinen, dass genau daher ihre wie auch immer definierten Symptome rühren – die muss man fragen, woher die Erkenntnis so plötzlich kommt. Und ob sie wirklich meinen, dass ihnen etwas Fürchterliches widerfährt, wenn sie ein Glas Milch trinken.

Aber inzwischen geht es ja keineswegs nur um Laktose. Nein, die Milch wird zudem verdächtigt, verantwortlich zu sein für – und jetzt kommt’s: Diabetes, Bluthochdruck, Herz-Kreislauf- Probleme, Akne, Osteoporose (!), Übersäuerung. Und Krebs ist auch noch dabei. Und sowieso „verschleimt“ Milch den Körper!

Wie kann das sein, dass so viele Menschen solchen Verdächtigungen aufsitzen? Obwohl kein Wissenschaftler auch nach intensiven Untersuchungen einen derartigen Hinweis finden kann? Allenfalls für Akne gibt es einen Verdacht, aber über das Akne-Alter dürften wir – leider oder Gott sei dank – hinaus sein.
Sind wir alle zu Hysterikern, zu eingebildeten Kranken geworden? Obwohl wir wissen, dass es uns so gut geht wie nie zuvor? Die Prognosen für die Lebenserwartungen steigen ständig. Was eigentlich verwundern müsste, denn es ist ja nicht die Milch allein, der Böses nachgesagt wird. „Frei von allem“ – so ist doch mittlerweile die Losung; kein Fett, kein Gluten, kein Zucker. Unser gesamte Speiseplan scheint auf dem Prüfstein zu stehen. Lifestyle-Ernährung ist für viele zum Lebensstil geworden.

Ernährungswissenschaftler vermuten, dass ein offenbar ungeahnt starkes Sicherheitsbedürfnis der Grund für all diese Ängste ist. Der gesunde Menschenverstand scheint einer unbestimmten Sorge um unsere Gesundheit zum Opfer zu fallen.

Auffallend ist, dass die Milchgegner aus der „aufgeklärten“ und gebildeten Schicht stammen (es ist ja auch ein Luxus, Kuhmilch nicht mehr verträglich zu finden). Es liegt der Schluss nahe, dass diese Gruppe – ob Milchgegner oder radikale Bioverfechter – Argumenten nicht mehr zugänglich ist.

Und deshalb geht es mit der Milch bergab.

Anzumerken ist allerdings noch, dass es unsere Milch, die wir von früher kennen, kaum noch gibt. Das, was jetzt angeboten wird, ist homogenisiert, sterilisiert, entrahmt und wieder mit Fett versehen, bis der Anteil exakt 3,5 oder 1,5 ausmacht. Ein Naturprodukt sieht anders aus! Aber ist es nicht auch unser Einkaufsverhalten, das der reinen Milch kaum noch Chancen lässt?

In diesem Sinne sollten Sie der Milch gewogen bleiben. Und nebenbei: auch mir.

I.B.F.

Quelle:SZ vom 16./17. Mai, 28 Mai und 30./31. Mai 2015

Fotos (c) go

Ein Kommentar

  1. schmargenpeter

    Das Interesse an natürlichen Vorgängen und das Grundwissen dazu sind in
    den letzten zwei Jahrzehnten nahezu verloren gegangen. (Chemie und Bio
    werden in der Schule abgewählt, Wissensvermittlung zur Genetik an
    Schulen z.B in NRW. verboten, die Interpretation statistischer Angaben
    ist selbst für Ärzte eine Herausforderung). Dafür tritt an die Stelle
    von Wissen immer häufiger eine moderne Form des in der Aufklärung
    verbreiteten Obskurantismus auf (Bestreben, andere Menschen absichtlich
    in Unwissenheit zu halten und ihr selbstständiges Denken zu verhindern).
    Die Vorstellung, unreflektiert etwas allein vom Hörensagen abzulehnen,
    sei für ein Leben ohne Risiken völlig ausreichend, wird von
    Obskurantismus -Anhängerinnen und Anhängern –die meist aus der
    „gebildeten“ Schicht stammen- begierig geglaubt und geradezu
    missionarisch über die sozialen Netzwerke verbreitet. Da ja der Mensch
    an irgendetwas glauben will, sind Verschwörungstheorien über
    Nahrungsmittel und ständig neu entdeckte vermeintliche oder wirkliche
    Risiken als „Astrologie der Nachmoderne“ sehr gut geeignet, diffuse
    Ängste zu artikulieren. Wir fürchten uns halt vor dem „Falschen“
    (siehe Ihr Blogg-Beitrag vom 20.3.2015) . Welchem (aufgeklärten) Berliner
    fällt da nicht gleich die Impfverweigerung der „modernen Bio-Mütter
    vom Kollwitzplatz“ für ihre Kinder ein. Wer sich fachlich kompetente
    über gesundheitliche und ernährungsphysiologische Aspekte von Milch
    und Milchprodukten informieren möchte, wird auf der Webseite des Max
    Rubner-Institut (MRI) in Karlsruhe fündig:
    http://www.mri.bund.de/de/veroeffentlichungen/verbraucherinformationen/thema-milch-und-milchprodukte.html
    Bereits 2013 waren die im Blogg -Beitrag angesprochenen Verdächtigungen
    Thema der internationalen Max Rubner Conference am Max Rubner-Institut
    (MRI) in Karlsruhe.
    Ihr Schmargenpeter

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