Berlin ab 50…

… und jünger

Senioren-TÜV – ein heißes Eisen

Es gibt Themen, die wir ganz gern umgehen. Wir, das sind die über 65- Jährigen, zu denen ich schon eine ganze Weile zähle.
Sexualität im Alter ist ein solches Thema; allerdings sind es hier eher unsere Kinder und Enkelkinder, die ein wenig verschämt darauf reagieren. Die Vorstellung, dass ihre Eltern und Großeltern keine geschlechtslosen Menschen sind, ist ihnen nicht ganz geheuer – merkwürdig bei Generationen, die doch meinen, sexuelle Freiheit sei eine Selbstverständlichkeit. Nun ja.

Aber das ist nicht mein Thema, sondern der staatlich verordnete „SeniorenFührerschein-TÜV“! Und ich gebe zu, dass ich mich damit auch ein wenig schwer tue. Die Diskussion darüber ist alt. Immer wenn es zu spektakulären Unfällen kommt, an denen Autofahrer über 65 beteiligt sind, flammt sie auf. Befürworter und Gegner kämpfen mit ziemlich heftigen Bandagen: Für die Einen stellen Autofahrer(innen) über 65 ein deutliches Risiko dar, für die Anderen ist es ein klarer Fall von Diskriminierung. Und immer wird die Debatte leidenschaftlich und mit gefühlter Unvereinbarkeit geführt.

Die Politik? Die tut erst einmal gar nichts. Die Sorge, die Wähler dieser Gruppe zu verärgern, ist zu groß. Und es ist doch so: Die, die man braucht, soll man hegen und pflegen und nicht mit „Zumutungen“ ins andere Lager treiben.

Warum die Diskussion so emotional und absolut geführt wird, liegt auf der Hand. Der Führerschein ist das Symbol für Unabhängigkeit, freie Beweglichkeit, Selbstbestimmung und für „mitten im Leben stehen“. (Es sind dieselben Gründe, die ihn für uns als Jugendliche so begehrlich gemacht haben. Vielleicht ist das bei der „heutigen“ Jugend anders?).

Den Führerschein freiwillig abzugeben – das ist ein großer Schritt und setzt voraus, dass wir die Einschränkung unserer Fähigkeiten akzeptieren. Dass wir an- und hinnehmen, zu alt dafür zu sein. Andererseits zeigt er: Noch entscheiden wir selbst – und zwar rechtzeitig – und lassen uns nicht „zwangsenteignen“.

Aber: Weiß ich tatsächlich, wie gut ich (noch) reagiere, ob meine Reaktionszeit noch schnell genug ist? Wie gut ich sehe und höre? Oder ob es Auffälligkeiten gibt, die ich gar nicht registriere? Nein, das weiß ich nicht – zu glauben heißt ja nicht unbedingt objektiv zu wissen. Was wäre die Lösung? Ein „Senioren-TÜV“ oder – damit es nicht zu abschreckend klingt – ein gezielter „Gesundheitscheck“.
Klingt ziemlich einfach. Aber ihn in der Praxis so umzusetzen, wie ich mir vorstelle – das ist mehr als kompliziert. Denn es gibt keine gesetzlichen Regeln dafür. Was geprüft und abgefragt wird, ist bei allen Stellen unterschiedlich: Die Fahrschulen bieten eine Fahrstunde an; der ADAC eine Fahrt auf dem Übungsplatz und der Hausarzt ist für diese spezielle Frage auch nicht ausreichend. Letzten Endes bin ich fündig geworden (wo, das kann ich nicht verraten, das wäre wohl Schleichwerbung). Kostenlos war es natürlich nicht: 230,00 Euro standen zu Buche. Es gibt zwar auch eine preiswertere Möglichkeit, aber über 100,00 Euro fallen wohl in jedem Fall an.

Würde ich dem Rat der Deutschen Gesellschaft für Psychologie folgen, müsste ich den Test bis zum 80. Lebensjahr alle fünf Jahre wiederholen, ab 80 dann alle zwei Jahre.
Werde ich das Geld wirklich noch einmal aufwenden? Fragen Sie mich das heute nicht – ich weiß es nicht!

Wie stehen Sie dazu? Es gibt Umfragen, die aber auch kein einheitliches Bild bieten: Bei eine Befragung unter 1 000 Verkehrsteilnehmern sprachen sich 64 Prozent der über 60-Jährigen für eine Pflichtuntersuchung aus, für eine freiwillige sogar 69 Prozent.* Eine andere Untersuchung zeigt ein ganz anderes Bild: Danach sind 57 Prozent der über 60-Jährigen gegen eine Pflichtuntersuchung. Bezieht man auch Jüngere ein, sind noch 41 Prozent dagegen, aber 45 dafür.**

Zum Schluss und vielleicht als Überleitung zu einem weiteren Beitrag die ganz persönliche Geschichte meines Vaters: Wir Kinder merkten, dass er nicht mehr fahrtüchtig ist, auch nicht auf seiner „Hausstrecke“. Der Versuch darüber zu reden, endete immer bei demselben Argument: Wir brauchen das Auto und ich muss fahren, weil wir sonst nicht mehr einkaufen können. Dazu muss man wissen, dass meine Eltern „auf dem Berg“ wohnten, von dem nur in großen Abständen ein Bus in die Stadt fuhr. Außerdem hätten sie auch die Busfahrt ohne Hilfe nicht mehr bewältigen können. Einkäufe bringen zu lassen, auch das haben wir arrangiert. Trotzdem blieb es bei den Fahrten. Stichwort: Unabhängigkeit!
Die einzige wirkliche Lösung wäre ein Umzug in die Stadt. Was bedeutet, die eigene Wohnung zu verkaufen: ein noch größerer Schritt als die Abgabe des Führerscheins. Eine Wohnung, in der man gute 20 Jahre lebte, aufzugeben, den Verkauf zu bewältigen, eine Neuanmietung hinzubekommen – utopische Überlegungen für meine Eltern. Sie hatten den richtigen Zeitpunkt verpasst – „richtig“ im Sinne von „selbst zu bewältigen“, Kraft und Zeit, sich darauf einzustellen. Auch darauf, das Auto für immer stehen zu lassen.
Letztes Endes ist es zu einer Lösung gekommen – leider nicht freiwillig.

Was ich damit sagen will: Wer ein Haus, eine große Eigentumswohnung hat, steht irgendwann vor dem Problem, entscheiden zu müssen, wie es weitergeht. Und wenn der Entschluss gefallen ist, dann geht es darum, den besten Weg und die beste Lösung zu finden. Und zu der gehört, dass die Beweglichkeit nicht vom Auto abhängt. Der erste Schritt zur freiwilligen Abgabe!

Wenn Sie mögen, berichte ich weiter.

I.B.F.

*Umfrage der Dekra

**Institut für Demoskopie, Allensbach
Quelle:u.a. SZ vom 9./10. Mai 2015

Foto (c) I.B.F.

Ein Kommentar

  1. Das mit dem Senioren TÜV hat mich sehr interessiert da ich in diese Rubrik falle. Da ich aber nicht in Deutschland lebe, sondern in Australien, ist hier alles ein bisschen anders.

    Wird man hier 75 muss man jedes Jahr zur ärztlichen Untersuchung und auch zum Optiker oder Augenspezialisten. Braucht man eine Brille beim Fahren, wird das auf dem Führerschein vermerkt. Ab 85 muss man sich dann auch einer Fahrprüfung unterziehen.

    Fahrschulen haben haben sich darauf eingerichtet und bieten Fahrstunden für Senioren an.

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