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… und jünger

Der 9. Juli 2015 könnte die Welt der Fotografie verändern

Das Schiller-Zitat „Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken“ hat sich in diesen Tagen mal wieder bewahrheitet – für alle Fotografen und auch für Julia Reda, die EU-Abgeordnete, die Gutes tun wollte und das Gegenteil erreichte. Sie wollte die Panoramafreiheit für alle EU-Mitgliedsstaaten und hat nun möglicherweise eine Einschränkung dieser Freiheit ausgelöst.

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Britzer Garten/Rosengarten

Am praktischen Beispiel erklärt: Wir hier im Blog dürfen dieses Bild aus dem Britzer Garten heute noch veröffentlichen, möglicherweise aber bald nicht mehr. Denn wir haben den Urheber des Kunstobjektes nicht um Erlaubnis zur Veröffentlichung gefragt und damit auch keine Genehmigung erhalten.

Hintergrund: Morgen, am 9.Juli 2015, verabschiedet das Straßburger Parlament einen Initiativbericht zum Urheberrecht (eine Art To-Do-Liste, noch kein Gesetzesentwurf), in dem es eben auch um jene sogenannte Panoramafreiheit geht. „Des einen Freud ist des anderen Leid“, denn die Stärkung des Urheberrechts, die an sich überaus wichtig und gut ist, könnte auch die Einschränkung der „Freiheit des Fotografierens an öffentlichen Plätzen“ bedeuten. Ob für die Urheber allerdings eine solch überzogene Forderung wirklich pure Freud werden würde, scheint mir fraglich, jedenfalls wäre eine solche Regelung ein großes Leid für alle Freunde der Fotografie.

Die „Panoramafreiheit“, die bei uns in Deutschland und in den meisten europäischen Ländern bis jetzt gilt – nicht so zum Beispiel in Frankreich und Italien – überbrückt den Spagat zwischen dem Interesse der Öffentlichkeit und dem Urheberrecht des Architekten und Künstler, indem Abbildungen von urheberrechtlich geschützten Werken, die dauerhaft im öffentlichen Raum aufgestellt sind, erlaubt ist.
Wenn sich die Mitglieder des Europäischen Parlaments also für die Einschränkung dieser Freiheit aussprechen, werden wir alle unseren Fotoblick ändern müssen – Fotografen wie Konsumenten. Denn es wird in der Praxis kaum umsetzbar sein, für jede Abbildung, die ein Kunstwerk oder neue Architektur zeigt, den Urheber ausfindig zu machen und in einem zeitlich überschaubaren Rahmen seine Erlaubnis zur Veröffentlichung einzuholen. Und einfach auf das Glück hoffen, dass niemand das veröffentlichte Foto entdeckt, könnte teuer werden. Denn es würde sich sicherlich eine Unzahl von Abmahnungs-Anwälten auf den Weg zu einer neuen Einnahmequelle machen, da bin ich sicher.

bosch

„Garten der Lüste“ von H.Bosch (Ausschnitt)

Britzer Garten

Britzer Garten/im Rosengarten

Wir könnten dann zwar das Vorbild der oben gezeigten Skulptur veröffentlichen (weil der Urheberschutz für Hieronymus Bosch‘ Gemälde abgelaufen ist), aber nicht mehr das 1985 im Rosengarten des ehemaligen BuGa-Geländes aufgestellte Kunstwerk.

Zuhause im Fotoalbum – ja, sobald das Foto öffentlich zugänglich ist – nein. Was das für uns alle bedeuten würde, ist in seiner gesamten Dimension noch gar nicht erfassbar. Jeder Fotograf – ob Profi oder Hobbykünstler, der seine Bilder online stellt, eine Postkarte, eine Ausstellung oder ein Foto-Bildband veröffentlicht, muss vorher erst einmal die große Genehmigungsprozedur in Gang setzen. Das wird er vermutlich vermeiden und so würde die Welt der Fotografie sich sehr verändern. Sie würde für uns alle kleiner werden.
Und das wäre sehr bedauerlich – für uns alle.

Bleiben Sie weiterhin neugierig
go

Fotos (c) go/mw

2 Kommentare

  1. T.M.

    Panoramafreiheit: Ich denke, dass der obige Beitrag ein wenig dramatisiert. Ja, es gibt diese Initiative und es gab zu Anfang von Seiten der EU-Parlamentarier auch Zustimmung. Aber das ist längst anders: Inzwischen hat natürlich Wikipedia immens Stimmung dagegen gemacht. Und den Aufruf des Fotografen Nico Trinkaus, diesen Unsinn zu stoppen, haben fast eine halbe Million unterstützt – die Zahlen schwanken ein wenig.
    Man kann also gewiss davon ausgehen, dass dieser Teil der Überlegungen des Urheberrecht zu ändern und für alle Länder Rechtseinheitlich herzustellen, nicht Gesetz wird. Vermutlich kommt es noch nicht einmal zu einer Gesetzesvorlage.
    Die Initiatorin schreibt sich im Übrigen „Reda“.
    T.L.

    • .. und das EU-Parlament hatte ja heute tatsächlich ein Einsehen. go

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