Berlin ab 50…

… und jünger

Ein Lesetipp: „Aus dem Berliner Journal“

Trage ich „Eulen nach Athen“? Weil Sie dieses schmale Büchlein schon längst für sich entdeckt haben?
Dann hinke ich hinterher – aber das tut meinem Enthusiasmus, meinen Lobgesang anzustimmen, keinen Abbruch.
Zudem: Max Frisch – um ihn und um seine Berliner Zeit geht es in dem Tipp – kann man immer wieder lesen: an beliebiger Stelle aufschlagen und sich wieder mitnehmen lassen in seine Berliner Zeit.

Max FrischDas Tagebuch – denn das ist das Berliner Journal – beginnt im Jahr 1973, in dem Frisch zusammen mit seiner Frau Marianne in die Sarrazin Str. 8 in Friedenau zieht. Damals ein Kiezviertel, das bei Schriftstellern sehr beliebt war. Seine Nachbarn lesen sich wie das “Who is who“ der damaligen Autorenelite: Grass, Johnson, Enzensberger, Gustaffson – um nur einige zu nennen.

Die erste Tagebuchnotierung ist kurz und lakonisch: „Übernahme der Wohnung (….) und Abend bei Grass. Nieren“ (Seite 9 der TB-Ausgabe). Viel Alltägliches wird festgehalten. Z.B.: Wer ihnen mit was aushilft: Die Betten kommen von Anna Grass, der ersten Frau von Günter Grass. Uwe Johnson ist ein weiterer tatkräftiger Helfer und Organisator, und das uns allen bekannte Warten auf Handwerker und Telefon – auch das bleibt Frisch offenbar nicht erspart. Die üblichen Einkäufe wie Küchengeräte, Kleiderbügel – all das ist eine kleine Notiz wert.

Eine für mich ungemein interessante Eintragung – gleich zu Beginn – sind seine Notizen über sein Verhältnis zu Alfred Andersch, sein Nachbar in der Zeit, in der Frisch in Berzona (Tessin) wohnte. Als „Überschrift“ könnte stehen: Über die Unmöglichkeit einer Freundschaft. So empfinde ich seine Ausführungen. Es ist ein Wechselspiel von Annäherung und Distanz, von Offenheit und Rückzug, von Selbstverständlichkeit und Krampfhaftigkeit, was die Beiden zu- und auseinandertreibt. Und ich glaube, wir können uns alle darin wiederfinden, wenn wir über unsere Beziehungen nachdenken.

Steinstücken, Märkisches Viertel, Krumme Lanke, Müggelsee, Berlins Hinterhöfe, die U-Bahnhöfe – all das, was jeder von uns kennt, ob zugezogen oder schon immer Berliner, sind auch für Frisch Besichtungsziele. Und der Hugenotten-Friedhof. Den ich erst einmal nicht zuordnen konnte und bei Wikipedia nachschlagen musste, was es damit auf sich hat.

Frisch und die DDR beziehungsweise seine Treffen mit den Schriftstellern und den offiziellen Literaturvertretern, z.B. des Verlags „Volk und Welt – ein anderer Höhepunkt seiner Notizen. Sie zeigen einen begeisterten Besucher, der neugierig und ohne Voreingenommenheit die Gespräche genießt. Frisch beschreibt eindringlich ihren Zwiespalt, er ist angetan von ihrer Gastfreundschaft und Offenheit(!). Wer hätte das gedacht?
Überhaupt sind seine Gedanken über seine Autorenkollegen, sein Verhältnis zu ihnen, seine Wahrnehmung von ihnen als Menschen (was ja immer noch etwas anderes ist als die Wahrnehmung von ihnen als Schriftsteller) spannend und aufschlussreich. Portraits, die faszinieren.

Alter, Alkohol, Depression, Gefühle der Unproduktivität, Selbsttötungsgedanken, Enttäuschungen, Ängste – Frisch kennt in seinem Tagebuch kein Tabu.
Und keine Berlin-„Schonung“: „Berlin ohne eine einzige Zeitung von Rang“. Eine Anmerkung, die mir nun doch nicht so recht schmecken will. Allerdings: Der „Tagesspiegel“ war 1973 ganz sicherlich noch keine überregionale Zeitung. Insofern hat er Recht.

Es gäbe noch vieles, womit ich Sie zur Lektüre verführen könnte – viel besser aber ist es, Sie lesen selbst. Und der „Anhang“, der den Eintragungen angefügt ist, ist noch einmal eine zusätzliche Fundgrube. Klappen Sie das Buch also nicht vorzeitig zu!

Frisch 2Und wenn Sie schon in Ihrem Kiez-Buchhandlung sind, lassen Sie sich, falls Sie es nicht schon kennen, auch „Montauk“ einpacken. Eine meiner Lieblingserzählungen von Frisch.

Bleiben Sie mir gewogen?

I.B.F.

Max Frisch: Aus dem Berliner Journal, Suhrkamp TB, 10 €

Fotos (c) I.B.F.

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