Berlin ab 50…

… und jünger

Berlin 1945/46 – mit der Leica durch die Trümmerwüste

BERLIN 1945/46
IMG_4830Der Architekt Hans Scharoun – sein berühmtester Bau ist die Berliner Philharmonie (1956–1963) – wurde im Mai 1945 von der sowjetischen Militärregierung zum Stadtbaurat und Leiter der Abteilung Bau- und Wohnungswesen des Magistrats ernannt. Er war damit für die Ausarbeitung eines Wiederaufbaukonzepts für die stark zerstörte Stadt verantwortlich.

Im neu gegründeten „Internationalen Komitee für Bau- und Wohnungswesen“ traf er als Vertreter der britischen Militärregierung den jungen Captain der Royal Engineers, Cecil F.S. Newman. Gemeinsam widmeten sie sich der Aufgaben, der zerstörten Stadt Berlin wieder zu städtiscIMG_4626hen Leben zu verhelfen.

Newman hat sich, obwohl seine Heimatstadt Belfast stark unter den deutschen Luftangriffen gelitten hatte, freiwillig bei den Britischen Besatzungstruppen gemeldet, um im Land der Täter, in deren zerstörten Hauptstadt beim Wiederaufbau zu helfen. Im Juli 1945 kam er in der zerbombten Stadt an und ging mit seiner Leica durch die Trümmerwüste. Sein fotografischer Blick war der des Ingenieurs und Stadtplaners, der vor allem die ungeheure Aufgabe sieht. Zugleich war es aber ein geradezu liebevoller Blick auf Stadt und Menschen, voll Offenheit und Anteilnahme. Besonderer aufmerksam beobachtete er die zupackenden Menschen, die voll Zuversicht den Wiederaufbau in Angriff nehmen.

Mitte 1946 stellte der Stadtbaurat Scharoun in den Ruinen des Berliner Stadtschlosses unter dem Titel „Berlin plant – Erster Bericht“ den sogenannter „Kollektivplan“ vor. Er sah einen nahezu vollständigen Abriss der vorhandenen Restbebauung und einen Neuaufbau der Stadt vor. Gedacht war eine geometrisch Anlage (man orientierte sich an der Charta von Athen, die unter der Federführung von Le Corbusier 1933 aufgestellt wurde) von gleichmäßiger Wohndichte und strikter Funktionstrennung , um eine soziale Angleichung zu ermöglichen. Als Grundeinheiten waren sogenannte „Wohnzellen“ vorgesehen, die Wohnraum für 5000 Einwohner und entsprechende öffentliche Einrichtungen vorsahen.
Die Idee des „Plattenbaus“ lässt grüßen.

Ein Glück, dass diese radikale Variante- auch durch den aufkIMG_4616ommenden „Kalten Krieg“- nicht umgesetzt wurde und wir dadurch heute noch erstaunlich viel alte Bausubstanz im Stadtbild erkennen können. Erstaunlich, wenn man sich die Bilder von Cecil F.S. Newman in der neuesten Ausstellung der Stiftung Stadtmuseum Berlin im Märkischen Museum betrachtet, die einen Eindruck über den Umfang der Zerstörung auf unaufgeregte, fast unemotionale Weise geben. Dank der Schenkung der mehr als 1400 Fotografien (neben Straßenaufnahmen auch Portraits), die die Kinder des Fotografen dem Museum vermacht haben, können wir uns den Zustand eindringlich vor Augen führen.

IMG_4629Nach West:Berlin – eine Insel auf der Suche nach Festland und Bühne West-Berlin erstklassige Fotografien von Harry Croner sind nun seit 17. Juli die Fotografien von Cecil F.S. Newman zu sehen: BERLIN 1945/46 (noch bis 25.Oktober 2015, Märkisches Museum).

Die Fotos des Amateurfotografen Newman nehmen mich gefangen durch die fast gespenstische Ruhe, die von den Aufnahmen ausgeht. Ruinenlandschaft – darin ein einbeiniger Soldat. Ruinenlandschaft – und drei Frauen, die hoch über auf den Trümmern Steine klopfen. Ruinenlandschaft – und eine einsame Straßenbahn. Daneben hängt ein großer Stadtplan, auf dem die zerstörten Häuser in blau eingetragen sind. Mitte, Kreuzberg, Friedrichshain wirken auf dieser Karte so „blau“, dass mich plötzlich Scharouns Pläne nicht mehr verwundern.IMG_4627

Es gibt Bilder von Berlin 1945/46 , die sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben wie das Foto von Jewgeni Chaldey „Rote Fahne auf dem Reichstag“. Die von Cecil Newman sind deshalb so anders, weil sie nicht das Ende, sondern den Anfang aufzeigen – und deshalb etwas Optimistisches ausstrahlen.

Seine TochPat Newmanter Pat Newman erzählte bei der Ausstellungs-Eröffnung im schönen malerischen Hof des Museums charmant und mit britischem Humor von ihrem Vater, der ihnen Geschichten aus seiner Berliner Zeit erzählte und deutsche Lieder vorsang. Mein Vater, sagte Pat, hatte immer Sehnsucht nach Berlin und deshalb freue sie sich sehr, dass nach 70 Jahren die Aufnahmen „nach Hause“ zurück gekommen sind. Welcome back!

Bleiben Sie neugierig und wenn Sie Zeit haben, gehen Sie ins MärkischeIMG_4607 Museum, es ist immer einen Besuch wert.

go

Fotos (c) go

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