Berlin ab 50…

… und jünger

„Ich glaube, ich würde es nicht mehr machen“

Dieser Satz von Monica Lierhaus hat eine heftige Reaktion ausgelöst. So heftig und – in sehr vielen Fällen – in ihrer Art so anmaßend und übergriffig, dass ich ganz erschrocken bin. Aber auch wütend, denn diese Kommentare kennen keine Differenzierungen, Empathie und sind vor allem eines: das, was sie Frau Lierhaus vorwerfen: unsolidarisch.

Weshalb ich so betroffen bin, hat auch einen sehr persönlichen Grund. Ich habe im Blog schon darüber berichtet – wer sich dafür interessiert, mag es nachlesen.
Auch ich habe und tue es noch: daran gezweifelt, ob es für mich, und ich spreche nur für mich, so wie auch Monica Lierhaus für sich gesprochen hat, wirklich das große Los war, aus dem Koma zurückgeholt zu werden. Für den Preis, eines der wichtigsten Sinnesorgane über Nacht verloren zu haben. Taub zu sein.

Zu Anfang war ich glücklich, wieder am Leben zu sein, auch wenn es ein Leben ohne Hören und fast ohne Kommunikation sein würde. Aber sehr schnell bin ich aufgewacht und in der Realität angekommen. Mit der Folge, dass ich begonnen habe, genau dies zu fragen: Wie würde ich – nach all den Erfahrungen – entscheiden, wenn ich damals hätte gefragt werden können.
Allein diese Frage löst und löste schon damals Empörung aus: Wie ich diese Frage stellen kann, wo doch andere glücklich wären, sie könnten sich überhaupt noch für ein Leben entscheiden? Und warum es mir nicht gelingt, mein „Schicksal“ anzunehmen? Undankbar – das ist eine der mildesten Vokabel, der ich mich ausgesetzt sah.

Aber es geht im Grunde gar nicht um Monica Lierhaus und schon gar nicht um mich. Es geht um behinderte Menschen und ihr Leben und ihre Einstellung zu sich selbst und ihr Gefühl für den Wert ihres Lebens, das sie zu führen gezwungen sind. Auf der einen Seite.
Auf der anderen Seite geht es um die Gesellschaft, also um uns, die lernen muss, dass es weder die Behinderten gibt noch dass wir einen Anspruch haben, dass unsere Bereitschaft zur Integration behinderte Menschen zu glücklichen Menschen machen.
Wie steht es eigentlich um die Integration? Und – so traurig die Frage ist: Welche Art von Behinderung wird integriert? Bei körperlicher Behinderung fällt es uns noch einigermaßen leicht. Bei geistigen Behinderungen tun wir uns um einiges schwerer. Spastiker, Gelähmte, Nervenkranke mit Tics – sie werden nach meinen Beobachtungen ganz gewiss nicht optimal integriert. Weil wir damit nicht umgehen, unsere Distanz nicht überwinden können. Die körperliche Nähe ertragen wir nicht – um solche behinderte Menschen sollen sich andere kümmern. So ist es doch, wenn wir ehrlich sind. Sie erinnern sich vielleicht noch an die empörten Reaktionen, die vor Jahren durch die Presse gingen, geäußert von Feriengästen, die es als Zumutung empfanden, mit behinderten Jugendlichen in einem Hotel zu sein. Unter „Reisemangel“ wurde das juristisch untersucht!

Es kommt aber noch etwas anderes hinzu, was oben schon angedeutet ist: Soll es Behinderten verwehrt sein, ehrlich in der Öffentlichkeit zu sagen, dass sie nicht zurecht kommen? Können wir wirklich so übergriffig sein, von ihnen Solidarität zu fordern? Sollen sie nicht sagen dürfen, dass sie sich ihr Leben so nicht vorgestellt haben, dass ihnen die Bemühungen, integriert zu werden, nicht ausreichen, dass sie ein selbstbestimmtes Leben führen wollen. Wozu auch gehört, sich dagegen zu entscheiden? Fürchten wir nicht eher den Schatten, der auf unsere Gesellschaft fallen könnte, wenn die Betroffenen eben nicht glücklich sind, sondern „zu Tode traurig“?
Eines wird immer vergessen: Es sind die behinderten Menschen, die ihr Leben führen müssen; Nichtbehinderte sollten sich nicht anmaßen, sich einfühlen zu können..

Vielleicht macht ein Beispiel aus meiner Situation als Hörgeschädigte deutlich, was ich meine: Informiere ich andere, die mich nicht kennen, über meine Taubheit und darüber, dass ich kaum mit ihnen kommunizieren kann, was, glauben Sie, kommt regelmäßig als Antwort: „Das macht doch nichts!“. Oder noch besser: „Das ist doch nicht so schlimm!“

Manchmal überlege ich, ob es anders wäre, wenn ich jung und erfolgreich wäre. Aber das bin ich nicht, ich bin alt und sicher sieht man mir mein Alter auch an.

Womit ich bei einem anderen Punkt bin, der eng damit verbunden ist. Wenn ich mir darüber hinaus überlege, wie wir mit alten Menschen umgehen, die sich nicht fit nennen, die nicht zu der Kategorie der „jungen Alten“ gehören, sondern einfach nur alt sind, vielleicht krank, vielleicht verwirrt, dann weiß ich, dass die wirkliche Integration noch nicht geschafft ist. Dass die Barrieren in den Köpfen noch da sind. Und sie sind es wohl auch, die es noch nicht möglich machen, allen eine freie Entscheidung über das Leben zuzugestehen. Ohne den Hinweis, wie ihn Frau Lierhaus sich hat anhören müssen: Sie habe mit ihrer Äußerung einen Bärendienst erwiesen (Christiane Link, querschnittsgelähmte Bloggerin auf „Zeit online“).

Versuchen wir es weiter: Nicht zu beschwichtigen („wird schon“…), sondern zuzuhören und uns selbst zurückzunehmen.

Bleiben Sie mir gewogen!

I.B.F.

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