Berlin ab 50…

… und jünger

„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“

(c) designrazzi.net

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Immer öfter gibt es Aufregung im Internet, kaum ein Tag, an dem nicht irgendjemand in einen Shitstorm gerät. Kaum hat irgendjemand irgendetwas ins Netz gestellt, dauert es nicht lange und die Meinung verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Geteilt und gepostet auf den diversen social media-Seiten oder in einem Blog löst eine Bemerkung in Windeseile einen Sturm der Entrüstung aus. Die Möglichkeit, mit dem world wide web auch Ruf, Ansehen und möglicherweise Leben zu zerstören, ist nicht nur vorhanden, sie wird auch genutzt – wie zum Beispiel im Fall des Nobelpreisträgers Sir Hunt.

Das Internet ist aus unserem öffentlichen und meinem privaten Leben überhaupt nicht mehr wegzudenken. Umso mehr erschreckt mich die Entwicklung, dass das Positive des Internets sich umzudrehen beginnt. Und ich meine noch nicht mal die politischen Aufreger á la #merkelstreichelt oder der Hashtag #ThisIsACoup, dank dem Finanzminister Schäuble in den Shitstorm geriet. „Bürgermeinung“ gehört zum Geschäft, auch nicht immer fein, aber wer im Rampenlicht steht, muss damit rechnen. Ich meine auch nicht die abgesprochene Aktion im Fall Sir Hunt oder der Fall von Justine Sacco und ihrem Afrika-Tweed, ich meine auch nicht die Aufregung nach der Äußerung von Monica Lierhaus, ob sie ihre Operation noch einmal machen lassen würde.

(c) handelsblatt.com

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Nein, ich meine die anonymen Beiträge im Netz. Ein besonders gutes  Beispiel: Mehrere Professoren der Humboldt-Universität werden von Studenten verfolgt und im Internet bloßgestellt, weil ihnen deren Haltung, der Inhalt und die Art und Weise der Vorlesung nicht passt. Weil sie die Gesellschaft vor diesen angeblichen Rassisten, Faschisten, Sexisten, Kolonialverbrechern, Kriegstreibern, Homophoben usw. etc. schützen müssen. Wer, wenn nicht die Studenten, die Thinktanks von morgen, sollen diese Aufgabe übernehmen, fragen sie zum Beispiel bei „Münkler-watch“ (sie haben – wie der Name schon sagt, den Sozialwissenschaftler Prof.H.Münkler, HU Berlin, Institut für Sozialkunde, im Visier). Allerdings scheuen sie den direkten Dialog und das Streitgespräch (sic!), sie nutzen die Anonymität des Internets. Nun gibt es nach dem Telemediengesetz (§ 5 TMG) eine Informationspflicht und so muss jeder Blog einen Verantwortlichen mit Namen und Adresse angeben. Der HU.Blogsport.de, der den „Münkler-watch“ betreibt, nennt einen Namen wohnhaft in New Zealand – weit weg. „Wir sind Unbekannte und möchten das bleiben, denn unsere Identität ist irrelevant und jede Meinung nur ein Fraktal“ lese ich auf dem HU.Blogsport.de. Ein besonders egoistischer Blickwinkel, wie mir scheint. Kein Student muss der gleichen Meinung sein wie der Professor vorne am Pult, aber diese Netz-Gruppierung zeigt das eigene Gesicht nicht, stellt aber lustvoll andere an den Pranger. Es werden Filme auf youtube veröffentlich, Fotos eingestellt, es wird über Suchmaschinen in publizierten Texten nach bestimmten Begriffen gefahndet, die es zu ahnden gilt. Studenten stören die Vorlesung der ins Visier geraten Professoren.

Einer der Professoren äußerte sich anfangs noch dazu und meinte, diese Gruppen haben wenig Einfluss, genau deshalb würden sie diese Art der Kommunikation wählen. Möglich, und trotzdem sind die Professoren der Humboldt-Uni dazu übergegangen, journalistische Anfragen nur noch via Pressesprecher zu beantworten. An diesem Ort, an dem jungen Menschen das selbständige Denken gelehrt werden soll, herrscht Angst unter dem Lehrkörper. Das klingt nach Extremismus und nach Intoleranz. Aber vor allem wird damit Streitkultur und Respekt vor dem Gegenüber endgültig ad acta gelegt.

Erschreckend, weil man ihnen machtlos ausgeliefert ist, weil sie irgendetwas finden, was „bekämpfenswert“ ist . Die Vorwürfe sind manchmal haarsträubend, manchmal banal, manchmal auch dumm – aber nie kommt es zu einem Dialog über die verschiedenen Ansichten. Lieber führt man einen Guerilla-Krieg im Netz, dessen Anonymität so wunderbar schützt wie ein dichter Dschungel. Brauchen wir wirklich eine solchen Gruppe, die uns sagt, was gut und was schlecht ist?

Die Zeit, da jeder – nicht nur Studenten – selbstwusste, was er will, was wichtig und erstrebenswert ist, selbständig Zusammenhänge zu begreifen und einzuordnen, differenziert zu denken, Ursache und Auswirkung möglichst genau zu analysieren, scheint vorbei.

Mich erschreckt diese Tatsache auch deshalb, denn es scheint sich eine Art Schwarz/Weiß-Leitlinie heraus zu kristallisieren. Seit wann gibt es nur schwarz oder weiß, wo bleiben die shades-of-grey? Je komplexer unsere Welt ist desto mehr neigen wir uns der s/w Malerei zu? Wir haben enorm viel Freiheiten und scheinen damit nicht zurecht zu kommen. Deshalb haben wir uns inzwischen eine Art unausgesprochenen Glaubens-Rahmen aufgebaut. Es gibt Reizworte – positiv wie negativ, die eine reflexartige Reaktion (nicht nur im Netz) hervorrufen. Es bedarf nur der Begriffe wie zum Beispiel Bio, Öko, Chemie, Transparenz, Ungerechtigkeit, Pressefreiheit, um schnell eine Einordnung parat zu haben. Schnell wird der Stempel vom Faschisten, Rassisten, Homophoben, Kriegshetzer verpasst. Und dann kann man im Internet groß und stark sein und lauthals tröten. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit der anderen Meinung findet da nicht statt. Respekt und Empathie sind in einer Zeit, in der wir vor lauter Toleranz und politcal correctem Verhalten uns kaum bewegen können, Fremdworte geworden, unser innerer Kompass völlig aus dem Lot.

Der britische Nobelpreisträger Sir Tim Hunt tritt zurück, weil er einer sexistischen Haltung bezichtigt wurde. Seine selbstironische Bemerkung, vermutlich ein „bescheidener“ Witz, ist bei einer Tagung in Südkoreo falsch verstanden worden, absichtlich – und ein Sturm der Entrüstung ließ ihn straucheln – gestartet im Internet.Hexenjagd für Aktivisten mag aufbauend sein, für die Opfer sind sie oft das Ende ihrer Karriere.

Noch nie war mir Kant so nah wie heute, wenn er sagt „habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“. Ich bleibe dabei und bilde mir meine eigene Meinung.

Bleiben Sie trotzdem neugierig.

go

3 Kommentare

  1. M.Rodman

    Liebe(r) go,
    weil dieser Beitrag wichtig ist, überrascht es mich, dass er kaum differenziert und zudem Zitate ihres Kontextes beraubt. Gemeint ist das Zitat „wir sind Unbekannte …“. Einen Absatz später geben die Blogbetreiber eine weitere Erklärung dazu, die es wirklich in sich hat und über deren Motiv sich lohnt nachzudenken – und zu erschrecken. Sie schreiben u.a., die „postadoleszente Revoluzzerei verderbe ihnen sonst womöglich die Zukunft: „wir möchten eine Zukunft mit unseren Kindern und Wohnraum und so weiter, um das hier entworfene Gedankenkonstrukt zu reproduzieren“. Ziemlich abgehobene Formulierung zwar, aber der Kern ist erschreckend. Die Blogger haben Angst um ihre Zukunft.
    Möglich ist diese Art der Systemkritik, weil es das Netz gibt. Also Anonymität. Warum aber ist diese Anonymität notwendig? Warum wird offene Systemkritik zum Karrierekiller? Das ist die Frage, die mir wichtiger erscheint.
    Die Person Prof. Münkler wird m.E. etwas verklärt dargestellt. Münkler ist ein Mann, der die Öffentlichkeit sucht. Davon zeugen seine vielfachen Auftritte. Und er ist ein „Lehrer“, der deutlich sagt, dass er Diskussionen in seinen Vorlesungen nicht wünscht. Ein Zitat seinerseits:“ Also ist es ein Akt der Klugheit nicht zu revolutionieren“. Münkler ist kein Opfer, gewiss nicht.
    Wissen sollte man vielleicht auch (was in dem Beitrag nicht klar wird):Die Blogger transkribieren die Vorlesungen, machen sie also der Öffentlichkeit zugänglich. Darüber hinaus kommentieren sie sie. Nicht immer nur kritisch, nebenbei bemerkt.
    Es kann sich also jeder durchaus seine Meinung bilden zu dem, was die Blogger kritisieren. Und sie können kommentieren, was auch fleißig getan wird.
    Das Kant’sche Zitat scheint mir hier nicht passend, denn, wie die Kommentare zeigen, der Verstand wird durchaus genutzt.
    Last but noch least: Wer ist „go“? Wer ist P.B. Wer steht hinter I.A. Und so weiter? Ist das nicht auch eine Form der Anonymität?
    „Ich bin nicht so, Ihr seid es!“ – Ich benutze meinen Verstand, Ihr offenbar nicht. Ist das nicht ein bisschen selbstbezogen?
    M. Rodman

    • Liebe(r) M. Rodman,
      selbst wenn die Blogger von Münkler-Watch recht hätten ( und es geht im Übrigen nicht nur um diesen Blog – es gibt auch „InRuR etc. ), solange ein Professor den Boden der Verfassung nicht verlässt, kann er, überspitzt formuliert, lehren was er will. Denn noch gilt Artikel 5 des GG – „Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei“, solange… . Wenn’s mir nicht gefällt, gehe ich einfach nicht in seine Vorlesung… das ist meine Freiheit.
      Die von den anonymen Blogger formulierte Angst ist ein wunderbarer Deckmantel, die eigene Meinung als die einzig Wahre zu diktieren und die Gegenseite zu denunzieren. Ohne sich der Diskussion zu stellen – macht das Schule, wird es in der Konsequenz unserer verbrieften Meinungsfreiheit nicht gut tun und wir kommen zu einer „Diktatur der politischen Korrektheit: Nur noch das soll herausgefunden werden, was in den Wertekanon einer gendergerechten Gesellschaft (und in leichte Sprache) passt.“(Ursula Weidenfeld im Tagesspiegel, 25.Mai 2015)
      Und wenn Sie ins Impressium unseres Blog sehen, wissen Sie auch wer „go“ ist!
      Bleiben Sie weiter unser(e) Leser_in
      go

      • M.Rodman

        Als Student habe ich nicht unbedingt die Wahl, in welche Vorlesung ich gehe. Es gibt so etwas wie einen Pflichtkanon. Und: Prof. Münkler will keine Diskussion, er verbietet sie! Das ist u.a. der Punkt. Wer also stellt sich nicht der Diskussion? Mit dem Hinweis im übrigen, er müsse mit dem „Stoff durch“! Sie werden sich gewiss noch an die Studentenproteste und die Störstürme auf die Vorlesungen in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts erinnern. Damals hatten die Professoren mehrheitlich den Mut, sich den Diskussionen zu stellen. Und die Protestler waren sich in der Masse auch ziemlich sicher. Zudem herrschte ein ganz anderes gesellschaftliches Klima. Die Berufung auf Artikel 5 GG ist in diesem Zusammenhang ziemlich wohlfeil.
        Und zum Letzten: Ich weiß jetzt, wer „Go“ ist, aber was ich dadurch, wer hinter all den anderen Abkürzungen steht? Im Grunde ist das Internetimmanent. Wer das nicht mag, sollte den virtuellen Raum meiden.
        M. Rodman
        P.S. Hinter M. steckt „Monika“!

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