Berlin ab 50…

… und jünger

Danse macabre

Es ist schon etwas länger her, sicherlich über zehn Jahre, doch immer wieder einmal muss ich an die Begebenheit denken.

Ich verließ das Bürohaus am späten Nachmittag nach einem anstrengenden Arbeitstag am Computer, in Besprechungen und was im Büro noch so alles vorkommt. Wie immer hatten wieder alle Anrufer und Kollegen, auch der Projektplaner, verlangt, dass alles noch heute erledigt werden müsse, was eigentlich auch morgen noch früh genug hätte stattfinden können. So ist das eben.

Als ich in der Abendsonne aus der Drehtür des Hauses trat, fiel mir gleich ein Mann auf, der mit absurden, rudernden Bewegungen versMoriskentaenzeruchte, sich fortzubewegen oder sich wenigstens auf den Beinen zu halten.
„Erschrecken Sie nicht!“, so sprach er mich auch schon an, bevor ich meinen Blick abwenden konnte. „Ich wage mich kaum in die Öffentlichkeit“, so fuhr er fort, und er näherte sich mir mit ausladenden Armbewegungen und in stark gebeugter Körperhaltung. Ich fürchtete, er würde schon beim nächsten Schritt  fallen. Unwillkürlich blieb ich stehen, auch in dem unbewussten Reflex, ihm nach einem eventuellen Sturz behilflich sein zu können. Er nannte den Namen einer, wie er sagte sehr seltenen Krankheit, deren lateinischen Namen ich nicht kannte und die ich gedanklich mit einer schweren spastischen Lähmung in Zusammenhang brachte. Ein Schulfreund von mir war Spastiker, doch längst nicht in dieser äußerst schweren Form.

Seine Ersparnisse habe er längst seinem Leiden opfern müssen, denn die Krankenkasse stünde nur noch für eine ärztliche Grundversorgung seiner unheilbaren Krankheit ein, allein die teuren Medikamente kosteten ein Vermögen und an eine Erwerbstätigkeit sei in diesem Zustand natürlich nicht zu denken.
„Deshalb bin ich für jeden kleinen Beitrag dankbar; vielleicht haben Sie ja etwas Kleingeld dabei“, so bat er höflich. Ich kramte in meiner Jackentasche und fand eine Zweieuromünze, die ich ihm mit schlechtem Gewissen in die Hand drückte und ihm dabei alles Gute wünschte. Um ihm aus seiner Misere zu helfen, wären natürlich ganz andere Beträge erforderlich – ein bisschen schämte ich mich.
Er bedankte sich jedoch höflich mit einer Art Verbeugung, soweit es seine Behinderung überhaupt zuließ. Seine genauen Abschiedsworte habe ich vergessen, doch habe ich sie als ehrlich dankbar in Erinnerung. Wie gesagt, es ist schon mehrere Jahre her.

Ich weiß nicht, warum ich mich nach ungefähr 20 Schritten noch einmal Moriskentaenzerumdrehte. Eigentlich ist es geschmacklos, sich nach einem behinderten Menschen umzuschauen, doch ich tat es, einem unbestimmten Impuls folgend. Derselbe Mann, eben noch gebeugt und auf schwankenden Beinen, lief nun mit leichtem Schritt quer über den breiten Gehsteig, und lehnte sich, eine Zigarette anzündend, lässig gegen die Hauswand.
Unsere Blicke trafen sich nur kurz. Auch er hatte mir nachgeschaut, und ich glaube, etwas Mitleid in seinen Augen gesehen zu haben. Mit mir, der so leicht auf sein Spiel mit dem Entsetzen, auf seinen haarsträubenden „danse macabre“, hereingefallen war.

Auf dem Weg zur U-Bahn-Station versuchte ich, mich an die Figuren der Moriskentänzer zu erinnern, die ich einmal auf einem mittelalterlichen Giebel gesehen hatte. Sie hatten ganz ähnliche Bewegungen gemacht.

Ferdinand

Fotos (c) Ferdinand

5 Kommentare

  1. C.M.

    Und die Moral von der Geschichte? Chapeau für die Chuzpe des offenbar begabten Slapstick-Tänzers, sein Talent mitleiderregend zu nutzen: Oder eher leichte Beschämung, auf den Trick hereingefallen zu sein, der offenbar doch einigermaßen überzogen war (vor 10 Jahren funktionierte die Krankenversicherung sicherlich weniger stringent)? Oder eher Ärger darüber, dass Mitleid ausgenutzt wird, vermutlich auf Kosten derer, die wirklich Anteilnahme brauchen und die jetzt mehr Misstrauen zu überwinden haben.
    Diese, Ihre Moral der Geschichte halten Sie uns vor. Schade.
    C.M.
    P.S. Danse macabre – Tanz mit dem Tod. In diesem Fall: Tanz für zwei Euro.

    • Ferdinand

      Vielen Dank für Ihren Kommentar!
      Die Deutung der Begebenheit wollte ich lieber den Lesern überlassen, deshalb keine „Moral von der Geschicht‘ „. Sie als Leser haben ja die verschiedenen Aspekte erkannt und auch beschrieben: Mitleid, Mißtrauen, Ärger, Beschämung… Das alles geht auch mir durch den Sinn, wenn ich nach Jahren immer noch daran denken muss, am meisten aber die Skrupellosigkeit, wie mit dem Entsetzen „gespielt“ wurde. Um das zu begreifen, bin ich einfach nicht abgebrüht genug und wurde folgerichtig zum Verlierer in diesem makabren Spiel. Am wenigsten hat mich dabei der Verlust der 2 Euro getroffen.
      Statt Moral die unausgesprochene Frage an die Leser: Wie hätten Sie bei dieser Begegnung reagiert?

      • Isolde

        Die Kunstfertigkeit des „Dance macabre“ und die immer noch daseiende Erinnerung daran ist meiner Meinung nach das Wesentliche dieser Geschichte, abseits von Moral! Gestern spielte in der S-Bahn ein Behinderter so fabelhaft Klarinette, dass ich vor Beglückung darüber alles, was ich noch an Euros hatte, gerne hergab.
        Wo befindet sich das mittelalterliche Tor, lieber Ferdinand?

  2. C.M.

    Ist es nicht doch ein Unterschied, ob jemand eine Behinderung „spielt“ (verspottet?) oder ob ein Behinderter Klarinette mit – offenbar – Virtuosität spielt? Wobei vermutlich der Klarinettenklang genauso fabelhaft gewesen wäre, wenn der Spieler nicht behindert gewesen wäre. Oder spielte die Behinderung eine Rolle? Für den Behinderten wäre das fatal. „Moral“ hat viele Facetten.
    C.M.

    • Ferdinand

      Liebe Isolde,
      das mittelalterliche Tor ist ein Hausgiebel im belgischen Gent. Moriskentänzer findet man aber auch im Münchener Stadtmuseum.
      Gruß

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