Berlin ab 50…

… und jünger

„Für Personen, die des Lesens ganz unerfahren sind“

IMG_8420Bei einem Besuch in Detmold in Ostwestfalen-Lippe sahen wir hoch im Giebel der 1790 im Fachwerkhaus Lange Straße 55 eröffneten Hofapotheke einen Totenkopf und verschiedene pharmazeutische Gerätschaften. Dazu steht in einem Spruchband „Der Herr lässt die Artzeney aus der Erden wachsen und ein Vernünftiger verachtet sie nicht“. Galt der Totenkopf in der Frühen Neuzeit oftmals als Zeichen der medizinischen Fakultät einer Universität und signalisierte er als Vanitas-Symbol die IMG_8421Vergänglichkeit des Irdischen, so steht er heute für die Warnung vor „Gift“.

Zurück in Berlin versuchten wir, die Geschichte des allseits bekannten Piktogramms zu ergründen. Handel und Umgang mit Giften war im deutschsprachigen Rechtsraum seit dem ausgehenden Mittelalter durch die „Carolina“, die Peinliche Gerichtsordnung IMG_8423Kaiser Karl V. (1532), geregelt. Dabei war den Apotheken die Aufgaben zugewiesen, bei der Abgabe von Giften Nachweis über den Käufer und die beabsichtigte Verwendung zu führen (Giftverzeichnisse). Die giftrechtlichen Bestimmungen fanden ihren Eingang in das Landrecht, in Medizinal-EdIMG_8424ikte, in Apotheken-betriebsordnungen und in die Gewerbeordnung (seit 1861).

So legte die preußische Apothekenbetriebsordnung von 1801 fest: „Für Personen, die des Lesens ganz unerfahren sind, sind diese Behältnisse mit drei in die Augen fallenden Kreuzen von der Bezeichnung der Grabmäler gebräuchlichen Kreuzen oder mit der Figur eines Totenkopfs festhaltend zu bezeichnen“. Der Totenkopf wird seitdem als Gefahrensymbol für Gifte verwendet.

Bis 2015 war nach den gesetzlichen Bestimmungen des europäiscalt+neuhen Chemikalienrechts die Totenkopfdarstellung in Schwarz auf orangefarbenem Grund als genau definiertes Gefahrensymbol für giftige und sehr giftige Stoffe zu verwenden. Die Vereinten Nationen haben seit 1992 daran gearbeitet, ein weltweit harmonisiertes System zur Kennzeichnung chemischer Stoffe und Gemische zu schaffen und die nationalen Kennzeichnungssysteme Giftetikettenabzulösen. Wir bleiben hier nur beim Totenkopf, es gibt daneben natürlich viele weitere Piktogramme, die vor Gefahren warnen. Die neuen Piktogramme sind schwarz, aber der Hintergrund muss weiß sein und das Ganze rot umrandet werden, wie am neuen „Gift“ Piktogramm zu erkennen ist. Produkte, die einen Totenkopf tragen, stehen in Deutschland nicht frei zugänglich im Regal. Für sie gelten besondere Regelungen, zum Beispiel, dass sie nicht an unter 18-Jährige ausgehändigt werden dürfen. Ab dem 1. Juni 2015 müssen die Warnzeichen verwendet werden.

Detmold, die alte Residenzstadt am Rande des Teutoburger Waldes, ist nicht nur wegen der schönen Hofapotheke unbedingt eine Reise wert. Von 1468 bis 1918 Sitz der Herren, Grafen und Fürsten zur Lippe, sind Hofbauten wie Theater, Schloss und Schlosspark erhalten und gruppieren sich um eine malerische Altstadt. Und wenn Sie schon einmal dort sind, sollten Sie sich auch auf dem Gelände des ehemaligen Tiergartens eines der größten Freilichtmuseen Europas, das Westfälische Freilichtmuseum mit 1detmold aug 201500 historischen Gebäuden, ansehen. Südwestlich von Detmold gibt es ein weiteres Reiseziel, das 53 m hohe Hermanns Denkmal mit der Kolossalstatue im Teutoburger Wald. Zwischen 1838 und 1875 wurde es nach Entwürfen von Ernst von Bandel erbaut und erinnert an die Varusschlacht des Jahres 9 n.Chr., in der die Römer in Germanien eine vernichtende Niederlage durch die Truppen des Cherusker-Fürsten Arminius („Hermann“) erlitten. Archäologische Fachwissenschaftler sind aber heute überzeugt, dass die Senke beim Kalkrieser Berg in der Nähe von Bramsche im Osnabrücker Land (Niedersachsen) der Ort der Schlacht war.

Wir verbanden bisher mit Detmold nur die eher öde Autobahnabfahrt Schmargendorf/Detmolder Straße und waren sehr überrascht, wie schön der Ort ist. Lassen Sie sich inspirieren!

Noch einen schönen Sommer
Ihr  mw

alle Fotos (c) mw

 

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