Berlin ab 50…

… und jünger

Flüchtlingskinder

Fehrbelliner_Platz_aVor ein paar Tagen besuchte ich den Berliner Bezirk, in dem ich meine Kindheit verbracht habe, doch nicht, um durch die vertrauten Straßen zu laufen, wie ich es in größeren Abständen immer wieder einmal mache. Mein Ziel war das ehemalige Wilmersdorfer Rathaus am Fehrbelliner Platz. Kaum 200 Meter davon entfernt hatte ich 20 Jahre lang gelebt und bin dort zur Schule gegangen.

Da stand ich nun im Hof des Rathauses, in jeder Hand einen Stuhl. Ja, mit zwei soliden Holzstühlen, die ich den dort untergebrachten Flüchtlingen brachte. Zwei Stühle für fast 600 Flüchtlinge, das ist natürlich lächerlich wenig, doch vielleicht gab es ja noch ein paar hundert andere Berliner, die Stühle übrig hätten. Die Tochter einer Freundin, die den Flüchtlingen Deutschunterricht erteilt, hatte berichtet, dass ihre Schüler mangels Sitzgelegenheiten auf dem Fußboden säßen.
Ich musste mich erst durchfragen und etwas herumlaufen, bis ich jemanden fand, der die Entscheidung treffen konnte, ob diese Stühle überhaupt willkommen sind und wo ich sie hinstellen kann.

Was ich sah waren freiwillige Helfer, die gespendete Kleidungsstücke oder Kinderspielzeug sortierten und aus Kartons und Plastiktüten in Regale räumten, sichtlich gestresst, vielleicht sogar überfordert im scheinbaren Chaos, dennoch konzentriert und – besonders bemerkenswert – freundlich zu Jedermann der Fragen hatte, so wie ich.
Ziellos die Flüchtlinge auf dem Hof, zur Passivität verurteilt und isoliert in der Unkenntnis einer ihnen fremden Sprache. Dazwischen die Kinder. Ein vielleicht Dreijähriger auf einem gespendeten Bobbycar, beneidet von anderen Kindern, die auch gerne ein solches Fahrzeug besäßen. Verlorene Blicke der Erwachsenen überall.

Draußen, auf dem Hohenzollerndamm, fast genau an gleicher Stelle, hatte ich schon einmal gestanden, vor fast 70 Jahren, als ein Flüchtlingskind.Fluechtlingskind_1946
Nach wochenlangen Irrwegen von Niederschlesien zu Fuß und auf Güterzügen hatte die junge Witwe endlich Berlin erreicht, um hier nach einem Neuanfang zu suchen. Ihr zweijähriges Kind und ihre ganze Habe passten in einen Kinderwagen, den sie hunderte von Kilometern vor sich hergeschoben hatte. Unterwegs hatte sie an die Türen der Bauernhäuser geklopft, um etwas Brot und Milch für ihr Kind zu erbitten und oft genug war sie abgewiesen worden. Hatten diejenigen, die ihr die Hilfe verweigerten, geahnt, dass sie ihr Haus samt Vorräten kurz darauf ebenfalls würden Hals über Kopf verlassen müssen? Martha, so hieß meine Mutter, ging weiter, versuchte, bei Verwandten unterzukommen, konnte dort nicht lange bleiben, weil auch sie ausgebombt waren und nur noch das Nötigste besaßen. So strandete sie schließlich im Bezirk Wilmersdorf, wo sie einen Witwer fand und heiratete, um für sich und ihr Kind ein Dach über dem Kopf zu finden. Eine Liebesheirat war es nicht.
Ja, so stand ich als Flüchtlingskind im Jahr 1946 auf dem Hohenzollerndamm, wie das zerkratzte Foto beweist, das mit einer Agfabox aufgenommen wurde, und der Bezirk Wilmersdorf wurde zu meiner Heimat.

Die heutigen Flüchtlinge kommen von noch viel weiter her, haben oft monatelange, sogar jahrelange Odysseen hinter sich. Sie haben es aufgegeben, an fremden Türen um Hilfe zu bitten und waren auf skupellose Schlepper angewiesen, die sie um ihre Ersparnisse gebracht haben.
Wer wäre ich, würde ich den heutigen Flüchtlingen meine Hilfe und meine Empathie verweigern? Gibt es in Deutschland nicht hunderttausende, ja millionen von Flüchtlingsbiografien? In fast jeder deutschen Familie werden Flucht- und Vertreibungseschichten weitererzählt. Warum gibt es dennoch so viel Ablehnung in unserem Land gegen jene, die hier Schutz suchen? Und können wir uns so sicher sein, nicht irgendwann einmal ebenfalls auf die Hilfe Anderer angewiesen zu sein? Dies sind die Fragen, die uns die Flüchtlinge stellen und die wir uns selbst stellen sollten.

Nach dem Krieg haben 13 Millionen Menschen aus den deutschen Ostgebieten ihre Heimat verlassen müssen und wurden von dem geteilten Rest-Deutschland, Ost und West, aufgenommen. Das zu einer Zeit des Hungers, der Zerstörung und der Mangelwirtschaft. In den darauf folgenden Jahren verließen Millionen Flüchtlinge die DDR in Richtung Westdeutschland, und nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sollen laut einer Zeitungsmeldung weitere drei Millionen Russlanddeutsche (fast unbemerkt) in die Bundesrepublik Deutschland umgesiedelt seien.
Seit den 1960-er Jahren luden die beiden Deutschlands Gastarbeiter zu sich ein aus Italien, Spanien, Griechenland, der Türkei oder Vietnam. Menschen, die zu Millionen blieben und heute Teil unserer Gesellschaft sind.
Zweifellos haben sie alle unsere Gesellschaft verändert, doch zu ihrem Schaden sicherlich nicht.

Nach bitteren Lehren aus der deutschen Geschichte, nach Staatsterror, Rassismus und Genozid und der daraus folgenden Deutschen Teilung hat sich unser Land zu einer freien, humanistisch-demokratischen Staatsform entschieden, mit einem Grundgesetz, wie es sich andere Völker nur wünschen können. Gute Gründe also, dieses Ideal zu vertreten und den Flüchtlingen, die uns um unsere Hilfe bitten, zu beweisen, dass wir es ernst damit meinen. Einen besseren Beitrag zur Befriedung dieser Welt kann unser Land nicht leisten.

Die Forderung an die anderen Länder der EU, es uns gleich zu tun, sind gut – doch eigenes Handeln ist besser. Der Sommer geht zu Ende und die Nächte in den Zelten werden kälter.
Meine Bewunderung gilt den freiwilligen Helfern der Flüchtlingsinitiativen wie „Willkommen in Wilmersdorf“ und denen in vielen anderen Orten.
Geldspenden nehmen die verschiedenen Hilfsorganisationen als Betreiber der Unterkünfte entgegen. Die Kontonummern werden regelmäßig in den Fernsehnachrichten eingeblendet und den Zeitungen veröffentlicht.
Für Sachspenden informieren Sie sich bitte vorher auf den Bedarfslisten im Internet. Nicht alles ist geeignet.

P.B.

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