Berlin ab 50…

… und jünger

Wir schaffen das!

Das ist wohl der am häufigsten zitierte Satz der letzten Wochen. Und es ist ja wahr: Er strahlt ein unglaubliches Potenzial, einen längst vergessenen Optimismus aus. Er hat wohl unsere Gesellschaft ähnlich bewegt und aufgerüttelt wie die Berliner Rede von Roman Herzog im Jahre 1997: Durch Deutschland muss ein Ruck gehen!
Die Folgen waren und sind überall spürbar: Das Wort der Willkommenskultur beschreibt das vielleicht ganz gut, auch wenn m.E. der Begriff „Kultur“ sehr viel mehr bedeuten müsste.

Und das ist es, was mich dieses Mal umtreibt.
Dieses besorgte Gefühl mehrt sich, je länger die Flüchtlingsströme andauern und je verzweifelter beide Seiten werden. Die eine Seite, also wir, die wir helfen wollen, aber an unsere Grenzen kommen, und auf der anderen Seite die Flüchtlinge, die schon hier oder noch auf ihren Irrwegen auf dem Weg zu uns sind.

Wir schaffen das? Wirklich? Ich sehe das mittlerweile anders und das macht mir Angst.

Willkommenskultur bedeutet für mich nämlich mehr als einen hilfsbereiten Empfang, das Erfüllen der Grundbedürfnisse, das Verteilen auf weitere Unterkünfte, das Weiterleiten an die zuständigen Stellen und so weiter.
Mit diesen Schritten ist zwar eine Menge getan, aber das Wichtigste steht aus und wie ein Berg vor uns: die Integration derjenigen, die hierbleiben wollen und dürfen. Dazu gehört vor allem: die Vermittlung der grundlegenden Bedingungen unserer Gesellschaft. Es sind in sehr vielen Fällen andere als die Flüchtlinge sie aus ihrem Heimatland kennen. Die Stellung der Frau, das Verhältnis von Staat und Religion, eine andere Einstellung zur Ehe, möglicherweise auch zu Formen der Gewalt, Freiheit der Kinder und vieles mehr. Diese Prinzipien müssen wir den Flüchtlingen nahe bringen, Stück für Stück. Denn sonst werden sie viel zu lange Fremde bleiben und ihr Nicht-Ankommen hier kann für sie ebenso traumatisch werden wie ihre Flucht. Ohne Zugehörigkeitsgefühl entsteht keine Nähe und ohne Nähe keine Integration.

Manche Ländern machen beispielhaft vor, wie so etwas organisiert werden kann: mit Broschüren, die neben den Grundlagen unseres Sozialwesens auch praktische Bereiche erläutern: Arbeit, Gesundheitsversorgung, soziale Fragen, Verkehr, Schule und vieles mehr. Oder mit Integrationslotsen, wie es jetzt der Zentralrat der Muslime angekündigt hat.

Das ist die eine Seite. Die andere Seite, die anzusprechen viel schwieriger ist, die aber inzwischen doch auch an Boden gewinnt: Integration bedeutet auch, dass unsere Gesellschaft etwas einfordern darf und muss. Deutschland muss auch Forderungen stellen dürfen. Und muss dies vor allem auch tun. Es wird nicht anders gehen können als ehrlich zu sagen, wer kommen und auch bleiben kann. Hinter der Hand Kritik zu üben, hilft nicht, denn die Gesellschaft wird irgendwann überfordert sein. Vor allem diejenigen, die selbst Hilfe brauchen. Es kann missverstanden werden, aber ich sage es trotzdem: Schaffen wir es, auch die aufzunehmen, die unsere Gesellschaft auf Dauer belasten: weil sie keine Möglichkeit der Qualifikation haben, unsere Sprache nicht lernen wollen, weil sie unsere Grundsätze nicht verstehen.
Der Verweis auf die Flüchtlinge nach dem 2. Weltkrieg – ich finde ihn nicht passend. Die Situationen lassen sich nach meinem Dafürhalten nicht vergleichen.

Mein Fazit: Es sollte zu einer offenen Gesellschaft gehören, Forderungen an Neuankömmlinge stellen zu können, ohne dass die große Moralkeule geschwungen wird. „Wie kannst Du nur so etwas sagen“. (Denken tun es vielleicht schon viele?!)

Auch wenn Ihnen mein Beitrag so ganz gegen den Strich geht – es wäre schön, blieben Sie mir dennoch gewogen.

I.B.F.

3 Kommentare

  1. Renate Hartmann

    Endlich mal jemand der das Kind beim Namen nennt! Ich kann mich nur anschließen. Habe mir gerade trotzdem die weiße Karte (ist die rote Karte für Ehrenamtliche und Kostenlos) geholt um hier in Charlottenburg beim Essenverteilen zu helfen. Das Aufklären über neue und andere kulturelle und ethische Besonderheiten des aufnehmenden Landes halte ich für vordringlich für eine gelungene Integration. In diesem Sinne: weitermachen!

  2. Isolde Arnold

    Heute hat Harald Martenstein im Tagesspiegel einen wichtigen Artikel zu der Problematik geschrieben – gegen den Strom – aber bemerkenswert!

  3. A.L.

    Wenn jemand interessiert, nachzulesen: hier die genaueren Daten: Tagesspiegel vom 27.9., auf der ersten Seite unter der Überschrift – so in etwa: „Aus der Hippiewelt“.
    Und das „aber“ (aber bemerkenswert) habe ich für mich ersetzt mit „gerade deswegen bemerkenswert“.
    A.L.

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