Berlin ab 50…

… und jünger

Gedanken eines Kreuzfahrers

kreuzfahrt 1Stellen Sie sich vor, Sie wohnen in einer Kleinstwohnung ohne Fenster, vielleicht 17 qm groß, allenfalls mit einem kleinen Balkon für Minitisch und 2 Stühle. Den ganzen Tag Zusammenleben mit zwei- bis dreitausend Menschen.

Morgens schon im großen SB Speisesaal essen oder mit Service am gedeckten Tisch. Sie haben die Wahl. Zwischendurch wie die Sardinen auf bequemen Pritschen Seite an Seite in der Sonne schmoren, nur unterbrochen durch kurze Nasszeiten im sogenannten Swimmingpool. Eventuell unterbrochen durch einen pool an bordRundgang auf einem vorgezeichneten Weg auf dem dazugehörigen Stockwerk, mit eventuell einem Stopp für einen Vitaminstoß oder einen Kühlcoctail, natürlich per Hand zubereitet.

Falls Sie Bewegung nicht mögen, können Sie selbstverständlich auch Kultur oder Abwechslung in verschiedensten Formen genießen: Einkaufsmöglichkeiten,an bord Vorträge, Musikveranstaltungen von Kammermusik bis Disco, Kurzsprachkurse, Lehrgänge für Schnitzerei von Obst und Gemüse, Sportmöglichkeiten u.a. Basketball, Volleyball, Shuffleboard (Achtung: sehr beliebt), Nutzen von diversen Fitnessgeräten u.a. Fahrräder, mit denen Sie nicht von der Stelle kommen – UND!… Sie haben täglich auch die Möglichkeit, Ihre Kinder zu parken.

Für die Abendgestaltung bieten sich folgende Möglichkeiten: das große Revuetheater mit Comedy, Artistik oder Musical. Das Gesellschaftsspiel Roulette, „Siebzehn und vier“ oder Poker wird ebenfalls angeboten. Bei leiser Barmusik, öfter auch mal live, können Sie sich dann entspannen. Sie können aber auch im Raucherzimmer Zigarren rauchen – übrigens jeder Nichtraucher wird hier garantiert zum Passivraucher.

Wenn Sie den verwegenen Wunsch haben, in fremden Ländern wirklich Landkreuzfahrt6 und Leute kennen zu lernen, müssen Sie sich schon von Ihrem Wohnsilo auf festen Boden begeben, um dann in Kompaniestärke in die vor ihren Füßen liegenden Städte einzufallen. Dabei lernen Sie dann auch in Massen, Menschen, also ebenfalls Touristen, mit verschiedenen Sprachen oder Dialekten kennen.

Unisono sind alle mit mehr oder weniger kleinen Fotoapparaten (oft schon an einer Stange befestigt) bewaffnet oder sogenannte Tablets, die aussehen wie ein tragbarer kleiner Flachbildfernseher. Nach dem Kennenlernen von Leuten sollten Sie in Ihr hoffentlich noch vorhandenes Tagebuch den Ort notieren, wo Sie die Leute kennengelernt haben. Hilfreich für diese Notizen sind auch ein paar Angaben, wann die Stadt erstmals geschichtlich erwähnt wurde, genauso, wer den Dom, die Kapelle kreuzfahrt 4o.ä. erbauen ließ oder auch welche Volksgruppen diese Stadt einmal eroberten oder welche Krankheit vor wie viel Jahren die Bevölkerung reduziert hat.

Nach der pünktlichen Heimkehr zur Speisung der oberen Zehntausend, können Sie sich Ihren Feierabend mit den oben angegebenen Möglichkeiten verschönern. Sie sollten den Nachtschlaf mit einem sogenannten Absacker am Heck Ihres derzeitigen Wohnortes ausklingen lassen, um sich nächtens auf den neuen Tag kreuzfahrt 3vorzubereiten. Ihre wohlverdiente Ruhe finden Sie dann in der eigenen Wohnung oder besser im Zimmer mit Blick auf den TV- Schirm bei 29 Programmen zu 94,2% deutschsprachig – also wie zuhause. Vielleicht überlegen Sie sich dann, Ihre Wohnung zu Hause zu kündigen (Kosten- Nutzenverhältnis 1:1), um nur noch auf diese bequeme, schöne Art und Weise zu leben. Meistens sogar all-inklusive, also kaum Nebenausgaben.

Aber natürlich können Sie auch die ganze Angelegenheit anrestaurant an bordders betrachten: Sie kümmern sich nicht um Ihre Nachbarn, Sie genießen, dass das Essen nach Ihren Wünschen zubereitet wird, Sie bestaunen die wunderbaren Orte am Ufer und schlendern mit Freude durch schöne Straßen, Gärten und Museen und empfinden es angenehm, abends in täglich neuer Bettwäsche zu liegen (was Sie zuhause nicht haben) und sich in die Lektüre der Reiseführer zu vertiefen.

Lieber Leser, nun bin ich also wieder in Berlin, auf festem und nicht mehr auf leicht schwankendem Boden. Von meiner Kreuzfahrt im Mittelmeer zurück in meiner Steinwüste. Es ist eine andere Welt, eine Welt, in der ich mich sauwohl kreuzfahrt2fühle. Hier kann ich wirklich genießen: die Stille in unseren Wäldern, die erholsamen Spaziergänge um viele schöne Seen, die herrlichen Aussichten von den unterschiedlichsten Standorten aus oder den Straßenlärm, die Kaufpaläste, die vielseitigen Restaurants, die vielen breitgefächerten Kulturangebote unserer Stadt. Aber erst wenn ich auf Reisen gehe und wieder nachhause komme, weiß ich ganz genau, dass meine Stadt Berlin der schönste Ort auf Erden ist.

Ihr brd

 

alle Fotos (c) brd

14 Kommentare

  1. Großartig – Danke!

    • brd

      BITTE -War auch (fast alles) Großartig!

  2. otto2002

    Das klingt aber negativ! Ich habe noch keine Kreuzfahrt gemacht – aber war es wirklich sooo schlimm?

    • Inge B.

      mir hat gerade die selbstironische Darstellung gefallen – „brd“ schrieb doch, dass er seine Kreuzfahrt genossen hat! Inge

      • brd

        Stimmt – jeden Tag auf’s Neue!!!

    • brd

      Nööö!

  3. Isolde

    Ich finde den Bericht sehr gelungen und lebendig und man kann sich seinen Vorurteilen stellen, indem man eine Kreuzfahrt entweder doch selber ausprobiert oder sie
    doch lieber läßt.

    • brd

      Ein Satz noch: zwei bis dreitausend Menschen – können nicht irren………

  4. I.B.

    Das „Traumschiff“ aus der Sicht eines bodenständigen Berliners. Ich habe mich ziemlich gut amüsiert.

    • brd

      Würdest Du auch auf schwankenden Brettern (Ist keine Schleichwerbung)!!!!!!

  5. Windjammer

    Ich liebe Kreuzfahrten, der Bericht ist lustig ironisch geschrieben, ja so ist das Bordleben.

    • brd

      Freut mich, weiter so schippern!

  6. Ingolf

    Hallo, Brd (und Kommentatoren/rinnen) –
    „Eine Seefahrt die ist lustig . . .“, ebenso wie Ihr treffender Bericht!
    KF und die Diskussion darüber haben schon uralte Freundschaften strapaziert. Wenn man gerne isst (bis zu 6x am Tag :-), fremde Länder nur stippvisitenartig betreten und sich bis morgens um 02.00h mit 30.000Watt beschallen lassen will sowie sich gerne in Massen bewegt, investiert man/frau sein Geld goldrichtig! Apropos Menschenmenge, nehme an, Sie haben nicht „gedient“?! Eine Kompaniestärke bewegt sich um die 100 Mann/Frau. Da meistens die Hälfte der Passagiere zu Landausflügen startet, sind das bei kleinen Schiffen schon mal zwei bis drei Batallione (a 4 Kompanien). Große Pötte haben 6.000 Kreuzfahrer an Bord . . .
    Z. Zt. fahren nur 3% der reiselustigen Deutschen zur See. Wenn die Tendenz nach oben sich fortsetzt oder gar die 2.500.000.000 Chinesen und Inder die KF entdecken . . .
    Fragt ein Asiat den anderen auf seiner Europareise: „Wo sind wir eigentlich?“ – „Es ist Dienstag, müsste BERLIN sein!“
    Also, wer noch keine KF gemacht hat, sollte sich beeilen! Ingolf

    • Brd

      Toll, ich finde es toll, wie Mann die ganze Angelegenheit auch sehen kann. Toll be-und geschrieben. Am besten jedoch gefällt mir der erste Satz.
      (Leider verspätete Antwort – aber lieber spät als gar nicht – denke ich)
      Herzlichst brd

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