Berlin ab 50…

… und jünger

Das Ohr ist der Weg zum Herzen

(c) by Wesley Merritt, telegraph.co.uk

(c) by Wesley Merritt, The Telegraph.co.uk

Dass Ludwig van Beethoven im Laufe seines Lebens ertaubte, wissen zumindest alle Musikliebhaber. Seine immer stärker werdende Taubheit verschlechterte Beethovens Lebenssituation bereits ab dem Jahr 1812 an zusehends – und da war er gerade mal 42 Jahre alt. Neben materiellen Sorgen und der unglücklichen Liebe zur „Unsterblichen Geliebten“ entwickelte sich sein Gehörleidens bis hin zur völligen Taubheit. Ab 1813 verwendete Beethoven Hörrohre, um mit seiner Umgebung zu kommunizieren, ab 1818 ist der Gebrauch sogenannter Konversationshefte nachzuweisen, worin die Gesprächspartner ihre Äußerungen notierten. Aufgrund seiner fortgeschrittenen Schwerhörigkeit war es ihm nicht mehr möglich, als Pianist aufzutreten.

Seine Qualen wäre Beethoven möglicherweise erspart geblieben – wenn es die Technologie des Chochlea-Implantats schon gegeben hätte. Das Cochlea-Implantat ist eine Hörprothese für Gehörlose, deren Hörnerv nicht funktionsgestört ist. Pionierarbeit zur Entwicklung dieses Gerätekonzepts leisteten ab den 1960er Jahren der Amerikaner William F. House, der Australier Graeme Clark und das Ehepaar Ingeborg und Erwin Hochmair in Österreich. Seit 1978 sind die Implantate für die Therapie verfügbar.

Das Cochlea-Implantat (CI) stellt eine bewährte medizinische Lösung für Kinder und Erwachsene dar, bei denen ein schwerer Hörverlust diagnostiziert wurde und die von akustischen Hörgeräten nicht profitieren können. Das CI kommt bei gehörlos geborenen Kindern, bei nach dem Spracherwerb ertaubten Kindern und Erwachsenen sowie teilweise bei hochgradig schwerhörigen Menschen weltweit zum Einsatz. Aber jeder Patient erzielt ein anderes Ergebnis mit einem CI, deshalb kann man die Wirkung kaum vorhersagen. Empfohlen wird bei gehörlos geborenen Kindern (am besten noch während des 1. Lebensjahres) eine möglichst frühe Implantation, da Hören sehr wichtig für die Sprachentwicklung ist. Bei älteren Kindern und Erwachsenen sollte eine ausreichende Hör- und Sprecherfahrung vorhanden und der Leidensdruck so groß sein, dass der Wunsch bestehimagest, den Zustand zu ändern. Denn es gibt durchaus Menschen, die sich mit ihrer Situation arrangiert haben, die sich der Gehörlosenkultur verbunden fühlen und sich einer Operation nicht unterziehen wollen.

Wie funktioniert nun das Cochlea-Implantat? Es übernimmt die ausgefallenen Funktionen des Innenohres, indem es über Elektroden im Innenohr elektrische Reize direkt an den Hörnerv bringt und so die Störung bzw. Unterbrechung der Weiterleitung überbrückt Es ermöglicht somit tauben und hochgradig schwerhörigen Menschen, akustische Signale wahrzunehmen. Das Implantat besteht aus einem außen getragenen „Sprachprozessor“ (wie ein Hörgerät) und ein Implantat unter der Haut hinten oberhalb des Ohres, das die Hörinformation über Elektroden im Innenohr direkt auf den Hörnerven überträgt. Im Inneren hat das Implantat eine flexible Silikonkappe mit Titangehäuse und wird am Hinterkopf im Schädelknochen operativ verankert. Es reizt über Stromimpulse auf seinen Elektroden die verschiedenen Bereiche des Hörnervs in der Cochlea (im Innenohr) und erzeugt somit einen Höreindruck. Die Elektroden sind über die Länge der Cochlea verteilt. Die Sprachkodierung steuert die digitale Verarbeitung von Umgebungsgeräuschen und Sprache. Das im Kopf eingepflanzte Implantat soll nach Zusicherung des Herstellers bis zu 30 Jahre funktionsfähig sein.

(c) CIC Berlin Brandenburg

(c) CIC Berlin Brandenburg

In Berlin gibt es seit Juni 2000 das Cochlear Implant Centrum Berlin-Brandenburg im Werner Otto-Haus in Berlin-Buckow. Das über Jahre währende Engagement der Eltern gehörgeschädigter Kinder und erwachsenerer CI-Träger, eine beispielhafte Zusammenarbeit von öffentlicher Hand und Krankenkassen und die großzügige Unterstützung der „Werner Otto Stiftung“ ermöglichten die Gründung des Rehabilitationszentrums. Der Versandhaus-Gründer Werner Otto (1909-2011) war ein Unternehmer, der sich Zeit seines Lebens seiner sozialen und politischen Verantwortung bewusst war.1969 wurde die „Werner Otto Stiftung“ gegründet, die sich für die Frühdiagnose und Frühbehandlung behinderter Kinder einsetzt und die im Jahr 2000 neben anderen Projekten das CIC großzügig unterstützte.

Das Zentrum mit seinen 14 Mitarbeitern organisiert die individuelle ganzheitliche und familiennahe Rehabilitation von Kindern, aber auch Erwachsenen, die mit Cochlea-Implantaten versorgt sind. Sie werden hier nach ihrer Operation mindestens zwei Jahre lang therapeutisch betreut. Dazu zählen die Ersteinstellung des Sprachprozessors, Hör-, Artikulations-, Sprach-, Stimm- und Kommunikationstraining, audiometrische Verlaufskontrollen und Evaluierung der Hör-und Sprachentwicklung. Das Zentrum informiert ebenso über die verschiedenen Kommunikationsansätze wie Lautsprache und Gebärde und über die Grenzen und Möglichkeiten einer Cochlea Implantat Versorgung. http://www.cic-berlin-brandenburg.de/de/unser-haus-das-cic.
Und falls Sie noch mehr wissen wollen, der nächste „Tag des Hörens” wird im Jahr 2016 am 3. März stattfinden.

Lebte Beethoven heute, wäre ihm vermutlich zu helfen so wie vielen Menschen, die mit dieser Methode einen Weg aus der Stille finden und wieder stärker am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können.

Bleiben Sie neugierig –  und dankbar, wenn Sie (noch) gut hören!

go/mw

 

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