Berlin ab 50…

… und jünger

Was mich skeptisch macht: „Unsere Senioren sind super“!

So lautet die Überschrift eines kleinen Artikels in der Frankfurter Sonntagszeitung vom 8. November.

Wir, die Senioren, bekommen also Lob. Was ja an sich recht schön ist. Aber die Art und Weise macht’s. Für mich mutet das Lob an wie eine Benotung, die ein Lehrer an seine Schüler verteilt. Ein wenig nach dem Motto: Ihr verdient ein kleines Fleißbillet, ein Sternchen für gute Haltung. Und das geben wir Euch.Zumindest empfinde ich das so – Sie können gern widersprechen!

Darüber hinaus scheint mir, als würde man uns recht wenig zutrauen. Und die jüngere Generation ist dann offenbar völlig überrascht, wenn die Statistiken positiv ausfallen.
Ich frage mich auch: Weshalb bekommen wir – aus der Sicht der jüngeren Generation – eigentlich dieses „Super-Lob“?

Die Schreiberin des Artikels lobt uns wegen unserer Aufgeschlossenheit, unserer vielfältigen Interessen. Wir arbeiten gern, auch über das Rentenalter hinaus. Wir studieren und belegen Kurse.
Ach ja: Wir sind auch noch klüger, wenn es darum geht, unser Geld anzulegen. Und: Dies ist offenbar ein ganz wichtiger Faktor: Wir sind als Wähler wichtig, und nehmen die Wahlen um einiges wichtiger als die jungen Leute.

Zugegeben, ich sehe natürlich gern bestätigt, dass wir eine kluge und lebendige Generation sind. Nur: Warum sollten wir es nicht sein? Wir haben viele Lebens- und Erfahrungsjahre hinter uns. In denen wir uns zu denjenigen entwickelt haben, die wir sind und die wir auch bleiben werden, wenn wir die 65 überschritten haben. Nicht mehr und nicht weniger. Aber: Wir haben uns sehr unterschiedlich entwickelt. Es gibt nicht „die“ Senioren. Es gibt ja auch nicht die Jüngeren.
Die einen von uns sind so, wie die Autorin es schildert. Die anderen sind müde, verbraucht, leiden stärker unter Verschleißerscheinungen, sind eher traurig und nicht sehr hoffnungsfroh, was ihre letzte Lebensphase betrifft. Und nicht mit Reichtümern gesegnet, sondern kommen gerade so aus.

Ist diese Gruppe dann nicht „super“? Und wenn nicht, was ist sie dann? Eine Gruppe, die eine Herausforderung darstellt für die Jüngeren? Die versorgt werden muss. Über die debattiert wird (nicht mit ihnen!) und die eine große soziale Aufgabe bedeutet?

Dass sie es nicht ist, also nicht super, nicht, genau das legt diese Überschrift und dieser leistungsfixierte Artikel nahe.

Deshalb bin ich unsicher, was ich mit dem Lob anfangen soll.

Vor allem dann, wenn ich sehe, dass z.B. die Debatte des Bundestags über das neue Pflegestärkungsgesetz vor leeren Rängen stattfindet. Was zeigt, dass es hier an einer schlagkräftigen Lobby fehlt.
Und wenn ich lese, dass eine Studie herausgefunden hat, dass in deutschen Pflegeheimen eine Betreuerin sich um 52 Menschen kümmern muss, dann nimmt meine Skepsis zu (Tagesspiegel vom 12.11.2015).

Sie mögen sagen, dass mit dem neuen Gesetz ja Verbesserungen in Sicht sind. Meine Antwort: Ein Gesetz steht nur auf dem Papier. Es wird erst dann lebendig, wenn es umgesetzt wird. Und dafür muss Geld in die Hand genommen werden, um den Beruf attraktiv zu machen. Es muss Menschen geben, die uns nicht nur funktionierend super finden, sondern auch dann, wenn wir Hilfe brauchen.

Bleiben Sie mir gewogen und vor allem: Fühlen Sie sich durch das Lob wirklich gut?

I.B.F.

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