Berlin ab 50…

… und jünger

Orgel.Punkt.Zwölf

Eigentlich kennt man solche Kirchenmusiken nur in den großen Marktkirchen in Mittel- und Kleinstädten. Wenn werktags das Marktgeschehen rund um den Kirchturm tobt, öffnen sich die Kirchentüren für ein kurzes Orgelkonzert – und alle, wie sie gerade unterwegs sind, können eintreten und den Alltag hinter sich lassen. Um für ein paar Minuten den Orgelklängen zu lauschen, um einmal durchzuatmen, um zu sich zu finden, auf andere Gedanken zu kommen, Andacht zu halten – egal, wie es der Einzelne nennen mag.

Pauluskirche

Pauluskirche

Nun, auch Zehlendorf im Südwesten Berlins ist in vielen Dingen eine Kleinstadt. Vor allem, was die Kirche im Dorf betrifft – und die Orgelmusik um Punkt zwölf Uhr mittags. An jedem ersten und letzten Sonnabend im Monat und im Dezember an jedem Adventssonnabend lädt die Paulusgemeinde in ihre rote, neugotische Backsteinkirche, gleich gegenüber vom Rathaus und nahe der Einkaufsmeile Teltower Damm, zum mittäglichen Orgelkonzert ein. Orgel.Punkt.Zwölf ist der eigenwillige Name der etwa 30-minütigen Konzertveranstaltung in der Pauluskirche, zu der man nicht pünktlich sein muss und die man auch vor dem Ende wieder verlassen kann, falls einem die Musik so gar nicht behagt und anspricht.

In der knappen halben Stunde traktiert der Organist meist beide Orgeln, die seit Oktober 2013 in der Kirche stehen: die Barock-Orgel auf der rechten Seitenempore und die große, französisch-sinfonische Schuke-Orgel auf der Empore über dem Eingang. Zwischendurch begrüßt stets ein Gemeindeglied die Zuhörer in den Bankreihen und hält eine kurze Lesung. Eine gelungene Mischung aus Wort und Musik zur Mittagszeit am Wochenende.

Pauluskirche: Orgeleinweihung

Pauluskirche: Orgeleinweihung

Und den Besuchern gefällt‘s. Einige kommen etwas zögerlich herein, die Schwellenangst und das Erstaunen einer offenen Kirche hinter sich lassend. Andere treten dick bepackt mit Tüten und Taschen ein, machen Pause vom anstrengenden Einkauf. Manche sind schon Stammhörer und suchen ihren Stammplatz. Ältere schlürfen hinter ihrem Rollator durch den Hauptgang. Jüngere eilen in Gruppen in den Altarraum, von wo aus die Spieler an den Orgeltischen am besten zu beobachten sind. Familienväter zeigen den Kleinen die riesigen Pfeifeninstrumente und beantworten geduldig Warum-Fragen.

Wenn die Orgel die erste Melodie anstimmt, kehrt im Nu Stille im Kirchenraum ein. Die Köpfe senken sich zu inneren Einkehr und Sammlung, bestaunen die farbenfrohen Glasfenster im Altarraum mit biblischen Motiven oder recken sich den Orgelpfeifen entgegen. Mal zart wie eine Blockflöte, mal munter und fidel wie eine Klarinette, mal dumpf und bebend wie ein Nebelhorn schallen die Orgelklänge durch den hohen Raum. Und der Alltag mit seiner Hast und Eile ist vor der Tür geblieben.

Nach dem Mittagskonzert gehen die Gespräche unter den Besuchern lebhaft weiter. Denn ähnlich wie in einem „richtigen“ Dorf kennt man sich in Zehlendorf oft untereinander. Man geht aber auch freundlich auf fremde Gesichter zu, zeigt ihnen den Eine-Welt-Laden mit fair gehandelten Produkten im Kirchenvorraum. Und wer ganz großes Glück hat, kann an einer Orgelführung teilnehmen, auf der die

Pauluskirche: Französisch-sinfonische Orgel

Pauluskirche: Französisch-sinfonische Orgel

mächtigen Instrumente für Laien erklärt werden. Sie finden allerdings nicht nach jedem Konzert statt.

Wer jetzt Lust bekommen hat, sollte die Gelegenheit im Advent nicht verpassen. Orgel.Punkt.Zwölf heißt das Orgelkonzert zur Mittagszeit am 28. November, am 5., 12. und 19. Dezember in der Pauluskirche in Zehlendorf-Mitte. Weitere Informationen unter www.berlinerbachgesellschaft.de
Lothar Beckmann

3 Kommentare

  1. A.M.

    Nun, ich hoffe nicht, dass der Organist wirklich die Orgeln traktiert. Das wäre für alle schlimm, denn traktieren heißt – liest man im Duden nach:“schlecht behandeln, unangenehm auf jemanden einwirken, prügeln, schlagen“ und was der Gemeinheiten mehr sind.
    Und: Ich glaube auch nicht, dass jeder Rollator-Fahrer „schlürft – das ist ein bisschen böse und passt so gar nicht zum Anlass.
    Last but noch least: Wenn ich all die schönen, trauten und harmonischen Geschichten über Zehlendorf lese, dann fällt mir – ganz spontan – der Zuruf ein: „Und wenn wir alle nach Zehlendorf ziehen“?. In Anlehnung an den liebevollen Film über eine Senioren-WG: „Und wenn wir alle zusammenziehen?“.
    Weiterhin viel Freude an dem Orgelspiel, bei dem vielleicht einfach mit zwei Orgeln gespielt wird.
    A.M.

  2. PB

    Doch, er traktiert die Orgel wirklich, allerdings ohne sie zu quälen. Zur Erklärung ein Auszug aus Wikipedia:
    Als Traktur bezeichnet man bei einer Orgel das Übertragungssystem von den Betätigungselementen des Spieltischs am einen Ende zum Ventilsystem in der Windlade zur Steuerung des Winds für die Pfeifen am anderen Ende. Sie wird unterschieden in Spieltraktur (auch Tontraktur) für das Spielen mit der Klaviatur und die Registertraktur zum Ein- und Ausschalten der Register.
    Und manch einer, der am Rollator durch die Kirche schlurft schlürft vielleicht nach dem Orgelkonzert noch ein Bierchen im Dorfgasthaus :-))

  3. A.M.

    Danke für die Belehrung. Wenn ich allerdings dazu erst bei Wikipedia nachlesen muss, weil mir meine Wortschatz“sozialisierung“ etwas anderes sagt, dann ist das vielleicht auch bedenkenswert. Vielleicht wären „Anführungszeichen“ die Lösung in der Not.
    Und: Schlürfen und schlurfen – siehe Duden. Ich bin über das Schlürfen auch gestolpert, aber es hat schon seine Richtigkeit.
    A.M.

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