Berlin ab 50…

… und jünger

„Wir“ haben eine eigene Zeitschrift!

wir

Sie kommt, wie kann es anders sein, aus dem Hause Gruner + Jahr.
Es wird wohl das letzte neue Produkt in der „Familienreihe“ von „Brigitte“ sein, denn alle Lebensphasen dürften inzwischen abgearbeitet sein, zwei aus der Familie haben allerdings nicht lange überlebt: Brigitte Young Miss und Brigitte Balance. Sie wurden bereits „verstoßen“.
Bisher verblieben sind:
Brigitte – für alle Frauen
Brigitte Woman – für Frauen ab 40
Brigitte Mom – für Frauen bis vierzig, die entweder Kinder haben oder sich welche wünschen

Und nun eben „Brigtte Wir“. Gemeint sind mit diesem ziemlich übergriffigen pluralis Majestatis Sie und ich und alle, die sich in der dritten Lebensphase wähnen. Für den Verlag beginnt – so scheint es- die dritte Lebensphase mit 60. Wenn Sie selbst 60 sind, fühlen Sie sich in der dritten Phase angekommen? Als ich 60 geworden bin, habe ich das noch nicht von mir gesagt. Aber offenbar gibt es nach der Vorstellung der Brigitte-Macherinnen noch eine vierte Phase. Die mir nicht so recht eingängig ist. Meine dritte Phase begann mit 68 -70 und ich denke, es ist die letzte.

Welche Frauen der Verlag erreichen will, sagt er in seiner Selbstvorstellung von „Wir“:
„Es gibt im Leben viele erste Male – Altwerden gehört dazu (das kann ich bestätigen!). Das Magazin für die dritte Lebenshälfte (wieso eigentlich „Hälfte“? Gibt es tatsächlich mehr als zwei Hälften? Oder bin ich jetzt zu pingelig?) wendet sich an Frauen, die aktiver und weltoffener sind als jede Generation zuvor. WIR wagt sich an Tabus und scheut vor Intimität nicht zurück. Endlich bekommt Lebenserfahrung die Aufmerksamkeit, die sie verdient“.
Ende des Verlagszitats.
Es gibt noch ein ähnliches Statement des Verlags: Frauen ab 60 seien eine wachsende Gruppe, die jedoch „gesellschaftlich“ an den Rand gedrängt wird“.
Mit dieser „Anklage“ allerdings bin ich nicht ganz einverstanden: In der Politik sind „Wir“ durchaus ein Thema, denken Sie nur an die Rentenüberlegungen (Rente mit 63)bzw. an die Mütterrente. Dass „Wir“ in der Gesellschaft nicht mehr wahrgenommen werden, ist wohl nicht zu leugnen – an uns kann es eigentlich nicht liegen, denn wir tun alles (zu viel?), um jung zu sein (zu scheinen), aktiv, attraktiv zu sein und Seniorin, Rentnerin, gar Oma schon gar nicht (wenn dann allenfalls „Granny“).

Wie also bekommt die neue Zeitschrift den Spagat hin? Einerseits zu sagen: „Wir“ sind wir und sind so, wie wir sind, und wie uns das Leben hat werden lassen. „Wir“ lassen uns nicht über das Alter definieren.
Andererseits aber ist das Älterwerden nicht wegzuleugnen und der Verlag will ja auch bewusst ein „Seniorenheft“ vorlegen. (Aber es eben nicht so nennen.)

Nach den bisherigen zwei Ausgaben (die aktuelle die zweite Ausgabe ist Ende Novemwir inhaltber erschienen, die erste Nummer im Juli 2015) bin ich enttäuscht. Oder anders: Meine Befürchtungen haben sich bestätigt. Dieser Spagat ist nicht hinzubekommen. Vermutlich von keiner der Zeitschriften, die nach Marketinggeboten konzipiert werden. Denn wenn sie wirklich das Alter, das Älterwerden ernst nehmen wollten, müssten sie sehr viel radikaler, härter an der Sache sein, nachdenklicher, ehrlicher.
Wellness, Lifestyle, Mode – das alles sind Themen, die im Alter nun wirklich keine so große Bedeutung mehr haben bzw. bei denen „Wir“ ausgelernt haben sollten. Was sollen “Wir“ mit Modestrecken anfangen, die lediglich traumhafte mehr oder weniger alterslose Frauen mit jungen Männern zeigen? Entweder haben wir inzwischen unseren Modestil gefunden oder uns ist nicht mehr zu helfen. „Rosenwurz“ und Co – was soll mir das jetzt im Alter noch Großartiges sagen? Porträts von Menschen, die die Macherinnen für – ja, für was eigentlich? – halten?
Und vor allem: Habe bzw. kann ich das nicht längst alles auch in Brigitte Woman oder wo auch immer in anderen Zeitschriften lesen? Aber ganz gewiss!
Brigitte „Wir“ bietet mir nichts, wofür ich Lesezeit und Geld opfern würde – kann sein, dass Sie ganz anderer Meinung sind und sagen: Genau das habe ich vermisst.
Konzipiert hat die Zeitschrift im Übrigen Karin Weber-Duve, die selbst 67 Jahre alt ist und eine Fachfrau. Gerade von ihr habe ich mehr erwartet.
Zum Schluss noch die Daten: Erscheinen vierteljährlich. Einzelpreis: 4,60 Euro, Abo: 18,00 Euro plus einem Heft kostenlos.

Das war’s von mir. Und wenn Sie mit meinem Urteil nicht einverstanden sind, schreiben Sie es – und bleiben Sie mir dennoch gewogen.

I.B.F.

Fotos (c) I.B.F.

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