Berlin ab 50…

… und jünger

Charlottenburg in Kremmen

sommerfeld6Ein unerwarteter Anblick bietet sich dem Wanderer in Sommerfeld nördlich von Berlin: eine Fachwerksiedlung mit architektonischem Schmuck, die einem schweizerischen Dorf entstammen könnte, mitten in den Brandenburger Wäldern: die Sana Kliniken Sommerfeld.

Das Gelände wurde unter der Bezeichnung „Waldhaus Charlottenburg“ 1912–1914 als Lungenheilstätte der bis 1920 selbstständigen -und reichen – Stadt Charlottenburg bei Berlin im Osthavellandland errichtet. Heute gehört es zur Stadt Kremmen. Die ansteckenden Tuberkulose-Kranken sommerfeld 2sollten zum einen isoliert und zum anderen Luft und Sonne als Therapie genießen. Als architektonische Form für die weitläufige Lungenheilstätte wählten die Architekten Richard Emig und Christian Heinrich Seeling (Stadtbaurat von Charlottenburg) die Gestalt einer dörflichen Alpenidylle, wohl auch deshalb, weil das „Waldhaus“ den oft sozial schwachen Lungenkranken die teuren Spezialkliniken in Schweizer Höhenlagen ersetzen sollte.

Die Tuberkulose war Ende des 19.Jahrhunderts als ansteckende Krankheit erkannt, Robert Koch erhielt für die Entdeckung des sommerfeld 3Tuberkulose-Erregers 1905 den Nobel-Preis. Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts war die bevorzugte Therapie die Luftkur, bei der die Patienten mehrere Stunden täglich an der freien Luft liegen mussten. Die Krankheit, auf die noch 1880 jeder zweite Todesfall der 15 – 40jährigen in Deutschland zurückzuführen war, war eine „Armenkrankheit“, die damals nur durch Hygiene und Lungenchirurgie bekämpft werden konnte. Durch die – nie statistsommerfeld 4isch abgesicherte – Vorstellung eines heilsamen Höhenklimas erhielten die „Lungenheilstätten“ in den Bergen eine große Popularität. Der „Zauberberg“ von Thomas Mann berichtet ja aus solch einer Klinik und im Gegensatz zu vielen Mediziner-Kollegen, die sich an der Darstellung der Ärzte wie „Hofrat Behrens“ stießen, fand der Gründungsdirektor von Sommerfeld, Dr. Hellmuth Ulrici, den Roman gelungen und trat darüber mit Thomas Mann in einen Briefwechsel.sommerfeld5

Eine wirksame Tuberkulose-Therapie entwickelte sich erst in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts mit der Entdeckung des Antibiotikums Streptomycin. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlebten die Lungenheilstätten durch die zahlreiche Tuberkulosefälle noch einmal eine Renaissance, bis durch die verbesserte Diagnostik und medikamentöse Therapie die „Luftheilstätten“ überflüssig wurden.

Die 1964 nach Hellmuth Ulrici benannte Klinik hatte in den Jahren ab 1970 eine fallende Auslastung als Lungenklinik. Deshalb wurde 1987 die Heilstätte durch die „Klinik für operative Orthopädie“ zu einer Fachklinik für Erkrankungen des Bewegungsapparates erweitert. 199sommerfeld75 wurde das gesamte Gelände unter Denkmalschutz gestellt. Auf Grund der Krankenhausplanung in Brandenburg wurde die im Gelände noch befindliche „Klinik für Pneumologie“ im Jahr 2004 geschlossen. Mit der Übernahme der Kliniken durch die Sana Kliniken Berlin-Brandenburg GmbH entwickelte sich Sommerfeld zu einem hochspezialisierten Zentrum für Erkrankungen des Bewegungssystems. Das daneben bestehende Angebot zur Lungenrehabilitation ist das einzige im Land Brandenburg. Mit der zunehmenden Resistenz der Mykobakterien (Erreger der Krankheit) gegen Antibiotika und oft sommerfeld 1überhaupt fehlenden Diagnose und Therapiemöglichkeiten in armen Ländern und Krisengebieten treten wieder vermehrt TBC-Erkrankungen auf, auch in Deutschland.

Was aber machten bis 1920 die TBC-Kranken aus Berlin, die nicht das Privileg hatten, in Charlottenburg zu wohnen? Sie wurden in den ab 1898 von der Landesversicherungsanstalt Berlin errichteten Arbeiter-Lungenheilstätte „Beelitz-Heilstätten“ südlich-westlich von Berlin versorgt. Dieses denkmalgeschützte Ensemble von 60 Gebäuden auf einer Gesamtfläche von ca. 200 ha verfällt heute zum größten Teil, da Investoren fehlen.

Es gibt viel zu entdecken im Berliner Umland – bleiben sie neugierig!

mw

Fotos  (c) mw

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