Berlin ab 50…

… und jünger

Aufgespießt: Die europäische Einheitskerze

adventskranz 2015„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch!“ (Hölderlins Hymne „Patmos“ , 1802)

So pünktlich wie der Nikolaus und hoffentlich auch Christkind/ Weihnachtsmann am kommenden Weihnachtsabend, kamen in diesem Jahr von wohlmeinenden und dem Gefahrenschutz verpflichteten allseits bekannten -und deshalb hier nicht zu benennenden – Organisationen die üblichen weihnachtlichen Gefahrenwarnungen, die unsere Vorfreude doch etwas dämpfen sollen.

Wurde in den letzten Jahren vor den Gefahren des Zimts in Lebkuchen und Zimtsternen gewarnt, auf die Rückstände von Pestiziden in natürlichen Weihnachtsbäumen (allerdings ohne Angabe der gemessenen Konzentrationen!) dringend hingewiesen, so gilt es dieses Jahr dem schlagzeilenträchtigen Benzol im Stollen („im Spurenbereich“) und den aromatischen Mineralölen in Adventskalendern. Dabei stellen die Untersuchungen keine grundsätzlich neue Belastungssituation dar. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat einen Gehalt von 0,022 Milligramm aromatischer Kohlenwasserstoffe je Schokoladenteilchen bei maximaler gemessener Belastung errechnet. Die Stoffe stammen aus der Verpackung (Druckfarben aus recyceltem Papier). Daraus ergibt sich unter der Annahme des Verzehrs von einem Schokoladenteilchen pro Tag (und so sollte es bei Adventskalendern sein) nur ein sehr geringer zusätzlicher Anteil zu der von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA 2012) abgeschätzten täglichen Aufnahme von aromatischen Mineralölkohlenwasserstoffen über die Nahrung. Der Anteil an der Hintergrundbelastung ist zwar gering, dennoch sind aromatische Kohlenwasserstoffe in Lebensmitteln unerwünscht, weil von einem krebserregenden Potenzial der Substanzen ausgegangen werden muss. An der Minimierung der Gehalte an diesen Stoffen wird seit längerem gearbeitet, auch eine Verordnung, in der der Übergang dieser Substanzen in Lebensmittel geregelt werden soll, ist vorgesehen.

Deutlich wird aus diesen Zahlen aber auch, dass die Fortschritte in der Analytik das Gefühl vermitteln, durch die Verschiebung der Nachweisgrenzen fast in den molekularen Bereich überall und zu jeder Zeit „gefährlichen Stoffen“ ausgesetzt zu sein. Wie sind Messungen von häufig in der Umwelt vorkommenden chemischen Stoffen – die nicht alle „menschengemacht“ sind – für unsere Gesundheit zu bewerten, die Gehalte in Größenordnungen von Nanogramm (10 hoch minus 9 ) oder Picogramm (10 hoch minus 12) nachweisen? Was für eine schnelle Schlagzeile gut ist und den Medien Aufmerksamkeit verspricht, muss nicht mit einer tatsächlichen Gefahr für Leib und Leben korrespondieren.

Wo aber ist nun das versprochene „Rettende“? Einem anderen 1-Weihnachten1Gefahrenherd – der meines Erachtens unzweifelhaft im menschlichen Versagen zu suchen ist – geht jetzt die EU-Kommission mit ihrer gesamten Regulierungserfahrung aus Jahrzehnten endlich an: sie will den unmündigen Verbraucher vor den Gefahren durch brennende Kerzen schützen! Noch gibt es die neue Verordnung nicht, aber ein Entwurf wurde erarbeitet, über den noch zu entscheiden sein wird. Konkret geht es um „Sicherheitsanforderungen, denen europäische Normen für Kerzen, Kerzenhalter, Kerzenbehälter und Kerzenzubehör“ genügen müssen. Wobei allerdings die CO2-Bilanz (Carbon Footprint) besonders von Kirchenkerzen bisher nicht berücksichtigt wurde: Bürger, empört euch.

Aber nun kommt sie 2016 doch: die europäische Einheitskerze, nicht gekrümmt und perfekt sicherheitstechnisch gestaltet. Wie aus vertraulichen Quellen zu erfahren ist, soll die notwendige Sicherheitseinweisung beim Erwerb einer Kerze in noch einzurichtenden „Kerzenabgabestellen“ gegen Unterschrift (ab 18 Jahre) erfolgen.

Und die Welt wird wieder ein Stück sicherer!

Oder halten sie es etwa eher mit Immanuel Kant: „ Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“?

Einen schönen Vierten Advent wünscht

Ihr mw

 

Foto (c) go

2 Kommentare

  1. Wenn man mal so an der Einheit in der Flüchtlingsfrage arbeiten würde. Das Leben is nun mal lebensgefährlich. Es ist heutzutage schwer sich „seines Verstandes zu bedienen“ da zu viele Informationen auf uns einarbeiten. Wünsche Euch Allen ein schönes Weihnachtsfest.

    • I.B.F.

      Das ist wohl wahr. Allerdings gilt auch das für die gesamte EU – und darüber hinaus!
      Auch Ihnen als wohl fast längster Anhänger des Blogs und sicher auch der am weitesten entfernte eine gute Zeit über die Feiertage. „Warm“ ist es auch in Berlin – von Weihnachten und Schnee keine Spur. Außer gestressten Menschen, wie jedes Jahr, und allerlei Dekorationen. Bleiben Sie dem Blog treu?!
      I.B.F.

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