Berlin ab 50…

… und jünger

OH TANNENBAUM….

oh tannenbaum 1 (1)

Können Sie sich noch an die Zeiten erinnern, als die Kinder in den Wochen vor Weihnachten staunend vor den Schaufenstern der Kaufhäuser standen, um Märchenfiguren anzuschauen? Die Spielwarengeschäfte hatten oft Modelleisenbahnen mit wunderbaren Landschaften aufgebaut. In diesen Miniaturwelten gab es alles, was auch in der realen Welt existierte, nicht nur Bahnhöfe, auch Feuerwachen, Türme und sogar Seilbahnen. Nach einigem Schauen konnten die Kinder darin sogar Ereignisse wie Hochzeiten, Unfälle und Brände entdecken.

Mit solchen Erinnerungen im Kopf zog ich mit meiner Enkelin (5) los, um auch ihr diese Fantasiewelt zu zeigen. Vorher war ich leichtsinnig genug gewesen, entsprechende Erwartungen in ihr zu wecken, und voller Vorfreude zogen wir los in die Steglitzer Schlossstraße, wo es genügend Einkaufscenter gibt, die sich die Gelegenheit, Kinder zu erfreuen, sicherlich nicht würden entgehen lassen. Natürlich mit dem Hintergedanken, den vorweihnachtlichen Umsatz von Spielzeug zu steigern – gar keine Frage.
Dabei hätte mir ein Gang durch die Tauentzienstraße, ein oder zwei Wochen zuvor, eine Warnung sein müssen. Bei der Passage der Schaufensterfront des KaDeWe war mir beiläufig aufgefallen, dass es dort keineswegs Märchenszenen, wie von Frau Holle oder Rotkäppchen und der Wolf zu sehen gab, statt dessen hyperschlanke Frauenfiguren mit glamourösen Kleidungsstücken, die keine Frau in der Öffentlichkeit tragen könnte, wollte sie nicht dauernd angestarrt werden. Bestenfalls Garderobe für ein Filmfestival, doch wer geht da schon hin, es sei denn als Zuschauer am Roten Teppich.

Beim Betreten des ersten Einkaufscenters mussten wir den obligatorischen Weihnachtsbaum erst einmal suchen. Verkitscht mit allerlei Figuren und mit erkennbar leeren Weihnachtspäckchen stand er da. Eine starre Figur des Weihnachtsmanns blickte ins Leere. Fast tat er mir leid, dort im Tiefgeschoss in einer Rotunde, doch echt war an ihm ja ohnehin nichts, und Mitleid wäre in einem solchen Fall reine Vergeudung. Also weiter ins nächste Center. Die liegen in Steglioh tannenbaum 1 (2)tz ja nur wenige hundert Meter voneinander entfernt. Ein riesiger Weihnachtsbaum beherrscht dort den Lichthof, der sich über fünf Etagen emporstreckt. Bei der Frage meiner Enkelin, ob das ein echter Baum sei, musste ich sie leider enttäuschen. Flunkern wäre ohnehin zwecklos, sie würde es bemerken und meine Glaubwürdigkeit als Großvater ist mir wichtig. Nein, dieser Baum bestand aus einem Drahtgestell, bestückt mit künstlichem Immergrün, sein üppiger Schmuck aus aufgeblasenen Kunststoffkugeln, wahrscheinlich mit ähnlichen Automaten hergestellt wie jenen, die Blisterverpackungen produzieren.
Wo denn nun die Märchenfiguren seien, wurde ich gefragt. Ich schämte mich ein wenig für meine Versprechungen und lenkte ab auf die gläsernen Fahrstühle, die direkt neben dem künstlichen Weihnachtsbaum geschäftig auf- und ab eilten. Ob wir damit einmal fahren wollten, formulierte ich geistesgegenwärtig meine Gegenfrage. Ja, erwiderte sie zögernd, doch dann retteten die drei Lifte die Situation. Ganze fünf mal fuhren wir hinauf bis unter das Glasdach und wieder hinunter, direkt am künstlichen Weihnachtsbaum entlang mit einer Perspektive, wie sie sonst nur der Vogelwelt offensteht. Sophie war begeistert und drückte immer wieder die Köpfe 5 und E.

Begeisterung schafft bekanntermaßen Hunger und so verließen das Center auf der Suche nach einer Pizzeria, was etwas schwieriger war, als zunächst angenommen. Bei Pizza und Apfelsaftschorle sagte sie „schön hier“ und lächelte den Kellner an, der der „Jungen Dame“ einen Strohhalm brachte und sie mit gespieltem Diensteifer fragte ob alles recht sei .
Gekauft hatten wir in den Centern nichts, so stellte ich mit einer gewissen Genugtuung fest. Recht so. Wenn sie mein Geld wollen, dann müssen sie schon ein wenig mehr für die Kinder tun als nur künstliche Weihnachtsbäume aufzustellen.
PB

Fotos (c) PB

2 Kommentare

  1. Mit großem Missbehagen drückte ich auf den „gefällt mir“ Knopf. Das Beschriebene gefällt mir durchaus nicht, aber das sie darüber geschrieben schon. Gerade das KaDeWe war doch berühmt für die dekorierten Schaufenster in der Weihnachtszeit. Auch wo ich wohne, in der Nähe von Sydney, ist diese alte Tradition aus dem Gebrauch gekommen. Und auch hier wurde der neue Brauch verurteilt. Aber die Kaufhäuser benutzen immer mehr den Rechenschieber (oder den Elektronenrechner) und merken das es sich nicht mehr lohnt. Vor Jahren las ich schon, dass man keine Dekorateure mehr ausbildet und somit gibt es auch keine Person mehr die überhaubt noch eine Märchenfigur an die rechte Stelle stellen kann. Aber wer glaubt schon noch an Märchen wenn man „Star Wars“ im Kino sehen kann.

  2. A.M.

    Wenn einem Großvater, der das Großvater sein schon seit 5 Jahren geübt haben könnte, seine Enkelin in die Schlossstraße schleppt, um ihr Weihnachtsstimmung und alte heile Welt zu vermitteln, dem ist vielleicht einiges an Wirklichkeit entgangen. Dafür dann die die bösen Kaufhaus-Manager anzuprangern, ist ein bisschen wohlfeil. Wenn es der Masse nicht gefallen und sie es laut artikulieren würde, würde sich sicher etwas ändern. Irgendwann. Sie wissen ja, „ein steter Tropfen höhlt den Stein“.
    M.R.
    P.S. Und dabei gab es in diesem Blog so schöne Anregungen …..

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: