Berlin ab 50…

… und jünger

Was ich denke, wenn ich über das neue Jahr nachdenke

Feuerwerk

Auch für überzeugte „Gegenwartsmenschen“, die normalerweise nicht über das Gestern und schon gar nicht über das Morgen nachdenken, ist der Jahreswechsel etwas Besonderes. Es beginnt ein neues Jahr – das alte ist abgeschlossen, und nur noch Teil unserer Erinnerung. Der Kalender für 2015 ist zugeklappt. Wir schlagen einen neuen auf, jungfräulich, 366 unbeschriebene Blätter (2016 ist ein Schaltjahr!). Wir beginnen neu!

Ist es wirklich so? Können wir aus Überzeugung mit Hermann Hesse sagen: „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft zu leben“*.

Ich kann nur für mich sprechen. Mir fällt es zunehmend schwer, an diesen Zauber zu glauben. Vielmehr habe ich das Gefühl, dass das neue Jahr nur eine Fortsetzung des alten sein wird. Die weltweiten Krisen, die nicht einzudämmen sind, und deren Opfer, in welcher Weise auch immer, die kaum mehr in Zahlen zu fassen sind – sie werden auch das neue Jahr bestimmen. Sie gehen nahtlos in das neue Jahr über und lassen kein Gefühl des „Anfangs“, des Neubeginns zu. Es geht einfach immer weiter, weiter und weiter. All die kleinen Anfänge, die Hoffnung geben könnten, werden, kaum dass sie in der Welt sind, zunichte gemacht.
Das neue Jahr wird daran nichts ändern.

Darüber hinaus: All die Kriege und bestialischen Morde geschehen im Namen der Religionen. Es scheint, als hätten sie ihre friedensstiftende Kraft verloren. Eher im Gegenteil: Sie werden missbraucht, um zu unterdrücken, auszuradieren, zu vertreiben. Das ist für mich, für uns alle ein todtrauriger Befund.
Wer oder was kann in dieser Situation einen wirklichen Anfang verheißen? Einen, der einen Zauber über die Welt legt.

Ich bin mutlos geworden. Dabei wären Optimismus und Zuversicht so dringend nötig. Denn nur sie können bewirken, dass wir immer wieder nach Auswege suchen, Experimente wagen und quer denken. So hat es bislang in vielen Krisen der vergangenen Jahrhunderte funktioniert.

Wenn es gelänge, wieder Optimismus zu verbreiten, Lebensfreude zu vermitteln, Hoffnungen aufzubauen, die Angst zu verlieren – dann kann das ein Anfang sein, mit dem ein Zauber einhergeht.

Nun sollten Sie nicht meinen, dass ich im Ernst glaube, die ganze Welt ertragen zu müssen. So ist es nicht. Mein kleiner Kosmos ist wohl das, was man intakt nennen kann. Aber stärker als früher habe ich das Gefühl, dass die große Welt auch in die kleine eindringt. Dass die Abschottung nicht mehr funktioniert und vor allem auch nicht hilfreich ist. Denn alles, was um uns und immer näher um uns herum passiert, muss uns aufrütteln.

Ich glaube, früher war es leichter, optimistisch in die Welt zu schauen. Mit „früher“ meine ich vor allem die Jugend- und „Mittelalter“-Zeit. Damals schien jedes neue Jahr eine Verheißung zu sein. Aber die Vorstellung – nein, es ist mehr, es ist Wissen -, dass ich mit über 70 wohl kaum mehr die Chance habe, eine Welt zu erleben, in der jeder seinen Platz hat, in der Aggression und schädlicher Missionseifer nachlassen, nimmt mir den Glauben an das Glück meiner späten Jahre. Nicht immer „kommt das Beste zum Schluss“.
Die Zeitspanne, die jenseits der 70 bleibt, ist zu kurz; die Vergangenheit ist länger als die Zukunft noch sein wird. Alte Freunde sind verstorben, neue lassen sich nicht mehr so leicht finden. Neugierig zu bleiben fällt schwer, auch wenn es der richtige Rat ist: Ich wüsste zu gern, worauf es sich lohnt, neugierig zu sein?

Ich spreche nur für mich und vielleicht habe ich diesen „Altersblues“ nur für eine kurze Weile. Bis das neue Jahr sich eingelebt hat und es wieder eine Ahnung gibt von Frühling und Sommer.

Ich wünsche es mir. Aber vor allem wünsche ich Ihnen, dass solche Gedanken Ihnen fern sind. Weil Sie an das Leben glauben, an die Lernfähigkeit der Menschen und daran, dass sich alles schaffen lässt, wenn wir nur wissen, was wir schaffen wollen.

Bleiben Sie mir gewogen – auch das wünsche ich mir.

I.B.F.

*Zeilen aus dem Gedicht „Stufen“, geschrieben 1941, nach langer Krankheit. Diese Zeilen greift Hesse auch noch einmal in „Glasperlenspiel“ (1943) auf.

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