Berlin ab 50…

… und jünger

Nofretete und das Strickkränzchen

Strickkränzchen

Einmal im Monat, immer an einem Mittwoch, verabredete sich meine Mutter mit einigen anderen Damen zu einem Strick- und Häkeltreffen bei Kaffee, Klatsch und Kuchen in einer Lichterfelder Wohnung. Und sie bestand darauf, dass ich sie begleitete.
Im Winter saß man dicht am Kachelofen, Wollknäuel lagen auf dem Tisch, und die Hauskatze trug zu deren Verhedderung bei. Sie, die Katze, hatte für ihren Spiel- und Jagdtrieb die geeigneten Objekte gefunden, doch wie sollte ich hier meine jugendliche Entdeckerlust ausleben?

Um es offen zu sagen: Ich langweilte mich. Ich war ungefähr 11, und es waren die 1950-er Jahre. Also machte ich mich auf den Weg, die Umgebung zu erkunden und entdeckte dabei das Museum Dahlem in der Arnimallee, Museum_Dahlemuntergebracht in einem beschaulich gelegenen, schlossähnlichen Bau inmitten von Obstplantagen. Bei meinem ersten Besuch drückte ich noch zögernd die Klinke der schweren Holztür, um den menschenleeren Vorraum zu betreten. Mittwochs war der Eintritt frei, wie in fast allen Berliner Museen, Geld hätte ich sowieso keines gehabt, und so betrachtete ich es als eine glückliche Gelegenheit, einmal ein Museum von innen zu sehen.
Klinke_Mus_DahlemAuf den verwinkelten Gängen und in den Sälen begegnete ich kaum einem Menschen, abgesehen von den misstrauisch blickenden Wärtern, die sich wahrscheinlich wunderten, einen unbegleiteten Schuljungen zu sehen, der sich offensichtlich auf der Suche nach etwas ganz anderem in ein Museum verirrt hatte. So unrecht hatten sie ja nicht.
Die vielen Gemälde und Portraits an den Wänden langweilten mich, doch dann betrat ich einen Raum, in dessen Mitte sich eine Frauenbüste befand, angestrahlt und in einem Glaskasten: Nofretete, so las ich, ägyptische Königin, 1400 v. Chr.. Da war sie also, die Schönheit vom Nil. Ein Gesicht, so ebenmäßig wie es die Natur kaum hervorbringt, nur beeinträchtigt von einem blinden, linken Auge, das ihr jene verletzliche Würde verleiht, mit der sie den Betrachter in ihren Bann zieht. Nofretete und ich allein in einem Raum, wenn man von dem Museumsangestellten im Hintergrund einmal absieht. Wer von ihren heutigen Besuchern hätte jemals die Möglichkeit einer solchen Begegnung?
Ständig umlagert von Besuchern aus aller Welt steht sie heute in einer Rotunde des Neuen Museums in Berlin Mitte. Ob sie, Nofretete, sich noch an unsere stillen Momente erinnert, wenn ich sie heute ab und an besuche? Damals, vor 60 Jahren…
Ich ließ sie niemals aus bei meinen mittwöchigen Besuchen, hatte aber längst auch die anderen Abteilungen des Dahlemer Völkerkundemuseums entdeckt. Da gab es Opferschalen der mittelamerikanischen Azteken, in die sie die noch zuckenden Herzen legten, die sie ihren Menschenopfern entrissen hatten. Zu welch‘ Grausamkeiten Menschen fähig sind…
Ich sah die schlanken Auslegerboote der Südseebewohner aus ihrer längst untergegangenen Kultur. Menschen, die noch im Einklang mit der Natur lebten und ihr nur das abverlangten, was sie zum Leben brauchten. Im Konsumrausch unserer Tage kaum noch vorstellbar.

Die Südseeabteilung des Dahlemer Museums wird in den nächsten Tagen Humboldtforumgeschlossen. Ihre Exponate werden als erste in das neue, noch im Bau befindliche Humboldtforum umziehen, dem in Beton wiederentstehenden Hohenzollernschloss  (mehr zum Abschied von Dahlem von mw https://berlinab50.com/2015/12/18/abschied-von-dahlem).
Scharen von Touristen werden an den Booten der Südseeindianer vorbeiziehen, an den Masken afrikanischer Holzschnitzer und an den steinernen Kultfiguren der Inkas, Mayas und Azteken. Sie werden Fotos mit ihren Smartphones schießen und nach ihrer Heimkehr kaum noch wissen, in welcher europäischen Stadt die Aufnahmen entstanden sind. Intime Momente oder gar den einen oder anderen stillen Dialog mit einem der Kunstwerke wird es dann nicht mehr geben  –
man macht sich derzeit Gedanken darüber, wo man die Busse mit den Besucherströmen in Schlossnähe unterbringen will. In vier Jahren soll die Eröffnung sein.

Ferdinand

Fotos (c) Ferdinand

Nofrete-1960. (c) I.K.Hein

 

 

Dieses schöne Foto schickte uns Ingolf (siehe auch Kommentar) – er nahm „seine Nofretete“ 1960 mit seiner ersten Kamera im Völkerkunde Museum Dahlem auf.

2 Kommentare

  1. Ingolf

    Lieber Ferdinand, obwohl ich nachträglich leicht eifersüchtig bin, dass Nofrete zur damaligen Zeit einen weiteren „jungen Verehrer“ hatte, hat mich Ihr Artikel sehr erfreut. Nicht nur, weil er mit meinen damaligen Eindrücken identisch ist, sondern auch bestätigt, dass die nunmehr „berühmteste Berlinerin“ ein paar Jahre im ehem. Völkerkundemuseum (jetzt Ethnologisches Museum) in Dahlem untergebracht war – nicht so exponiert (und ziemlich ungesichert). Gestern kam nämlich wiedermal eine Sendung (mdr, lexitv – zu Besuch bei Nofrete), die sich intensiv mit ihrer Geschichte auseinandersetzte, ohne Dahlem zu erwähnen. Die Verantwortlichen schämen sich vielleicht ein bisschen, dass dieser unschätzbare Wert mit dem heutigen „Hype“ einmal so provisorisch etabliert war?! Nun, wir haben unsere Kindheitserinnerungen (und ich sogar ein Foto von damals – würde es gerne zu Ihrem Arikel dazustellen?). MfG, Ingolf

    • Lieber Ingolf-
      wir freuen uns, wenn Sie uns ihr Foto von Nofretete zur Verfügung stellen würden.
      schicken Sie uns eine mail an berlinab50gmailcom.
      vielen Dank im voraus
      go

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