Berlin ab 50…

… und jünger

Tenor rettet Leben

Berliner Erfinder: Ein Tenor revolutionierte die Bühnen-Schminke 

Die schöne Ausstellung im Ephraim Palais (endet leider am 31.1.2016) über „IA-Duft – Schwarzlose & Das Berliner Parfüm“ berichtet auch vom Erfinder der bleifreien Theaterschminke, dem Wahlberliner und Mäzen Ludwig Johann Leichner. Warum die Erfindung so segensreich für die Theaterwelt war, möchte ich kurz berichten.

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Basisches Bleicarbonat, auch als Bleiweiß bezeichnet, ist seit dem Altertum ein bedeutendes Weißpigment. Das Wissen um die Gefährlichkeit von Bleiverbindungen ist so alt wie seine Verwendung als Rohrmaterial für Wasserleitungen im alten Rom und als Farbe. Trotzdem wurde es medizinisch – wenn auch nur äußerlich – bis in die 50er Jahre verwendet (z.B. Pflaster). Interessant ist, dass bereits 1790 im Herzogtum Württemberg Blei für Wasserrohre verboten wurde. In Berlin soll es dagegen heute noch vereinzelt Wasserohre aus Blei beim Endabnehmer geben, das öffentliche Verteilungsnetz ist aber grundsätzlich bleifrei.

leichner UK

Leichner Schminke by Charles K.Fox London, 2016

Von der Antike bis ins 19. Jahrhundert wurde Bleiweiß der Theater-Schminke zugesetzt, um die Haut aufzuhellen – obwohl bereits im 12. Jahrhundert bekannt war, dass die Verwendung von Bleiweiß als Schminkmittel über einen längeren Zeitraum Gesundheitsprobleme verursacht. Dem 1836 in Mainz geborenen Chemiker und Tenor Ludwig Leichner ist es zu verdanken, dass sich das änderte. Sein Pharmaziestudium in Wien brach er zugunsten einer Gesangskarriere ab , nahm allerdings Anfang der 1870er Jahre ein Studium der Chemie beim Erfinder der Anilinfarben August Wilhelm von Hofmann in Berlin auf und gründet danach – auch aufgrund von Todesfällen bei Kollegen, die dem Gebrauch der bleihaltigen Theaterschminke zugeschrieben wurden – 1873 die „Poudre und Schminkenfabrik Leichner“. Seine auf der Grundlage bleifreier Pigmente entwickelten Produkte fehlen bis heute auf keinem Theater-Schminktisch und in keinem Maskenbildner-Koffer.

Leichner

Leichners Familiengrab

Leichner erhielt für diese Erfindung auf der Gewerbeausstellung 1879 in Berlin sowie der Weltausstellung in Paris hohe Auszeichnungen. Die Firma war fortan auf dem Gebiet der Theater- und dekorativen Kosmetik führend und bot vielen Berlinern Arbeit. Ein neuer Industriezweig war geboren. 1897 wurde er zum Königlich Preußischen Kommerzienrat ernannt. Sein Grab befindet sich auf dem Dahlemer Annen-Friedhof. Bis 1998 wurden die Schminken in Dahlem (nach Kriegsverlust der Produktionsstätte in Mitte) produziert, danach bis zur Schließung der Firma am Paul-Linke Ufer in Kreuzberg. 2003 rettete der Leichner- Kunde POLYCO GmbH aus Süddeutschland Firmenarchiv und Produktionsmittel und stellt nun in Handarbeit Leichner- Kosmetik für Maskenbildner wie Fett-Schminke, Mastix, Moulagen, Unfall-Simulations-Artikel oder die bekannte Leichner Spezial-Creme sowie Patti-Cold und Abschminke in Beimerstetten/Baden-Württemberg her.

Wo findet Bleiweiß noch Verwendung? Für Kunstmalfarben wurde es bevorzugt in der deckweißÖlmalerei verwendet. Bis in die 30er Jahre wurde es auch in Anstrichfarbe für öffentliche Räume verwendet, bis dann die Zusammenhänge mit Störungen der Entwicklung des Nervensystems bei Kindern so offensichtlich waren, dass man die Verwendung verbot. Bleiweiß ist lichtbeständig, hat eine sehr hohe Deckkraft und – abhängig vom Bindemittel – einen schönen Glanz. Der Ersatz durch das ungefährliche Titanweiß führt allerdings durch die unterschiedliche Reflexion von Lichtwellen zu einem anderen Weiß-Ton. Titan reflektiert bis in den ultravioletten Bereich hin fast völlig, deshalb wirkt es kalt. Auch Buntmischungen mit Titanweiß ergeben kalte Töne. Dagegen sinkt die Reflexion von Bleiweiß bereits im sichtbaren (blauen) Bereich, dadurch besitzt Bleiweiß einen Gelbstich, der eine warme Ausstrahlung hat. Auch Zinkweiß hat Nachteile, es deckt nicht so gut in Ölfarben. Heute ist die Anwendung von Bleiweiß aufgrund seiner Giftigkeit auch in Künstlerfarben verboten, nur für Restaurierungszwecke darf es noch verwendet werden und wird daher nur unter strengen Auflagen verkauft.

Abschließend noch kurz ein Wort zur Giftigkeit: Für die Toxizität von Blei ist keine Wirkungsschwelle vorhanden, d. h. es ist keine Aufnahmemenge für Blei abzuleiten, die bei dauerhafter Belastung als unbedenklich gilt. Bleiverbindungen behindern besonders bei Kindern die Entwicklung des Nervensystems im Hinblick auf Verhalten, Aufmerksamkeit und Intelligenzleistungen. Auch sind sie nierentoxisch und verursachen Herz-Kreislauf-Effekte wie Blutdruckerhöhung.gorkis schreibtisch
Vor Bleistiften braucht man allerdings keine Angst zu haben, die enthalten Graphit-Ton-Mischungen, die man früher für Bleiverbindungen hielt. Dagegen sollten Sie mit Bleimunition geschossenes Wildbret höchstens einmal monatlich, Schwangere und Kinder sollten es eher gar nicht verzehren.

Parfum BerlinUnd mein Tipp: Und lassen Sie sich den Duft des „Berliner Parfüm“ nicht entgehen!

Ihr mw

Fotos (c) mw

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