Berlin ab 50…

… und jünger

Großmütter sind „Spitze“ …

… hätte wohl Hans Rosenthal gesagt (erinnern Sie sich noch? Ist schon eine Weile her! )  Und er hätte recht. Ohne Großmütter würde die Welt nicht funktionieren.

Damals als meine Großmutter noch lebte – sie ist schon sehr lange tot -, habe 20160120_144800_resizedich nur emotional empfunden, dass ohne Oma mein Kinderleben ein gutes Stück ärmer gewesen wäre. Es gibt Szenen und Momente mit ihr, die ich nie vergessen werde. Alltäglichkeiten, gar nichts Besonderes, aber gerade diese beruhigenden und verlässlichen Bilder haben sich festgesetzt. Oma beim Backen von Zuckerkuchen, der dann fürs Finish zum Bäcker gebracht wurde – so war das damals. Oma beim Einwecken, Oma beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel. Mit Oma im Zirkus – das war der Höhepunkt des Jahres, mehr noch als Weihnachten. Und Oma am Bahnhof: wenn wir für die Sommerferien zu Oma und Opa fuhren, aber eben auch wenn wir zurück mussten. Bei wem mehr Tränen geflossen sind – ich weiß es nicht. Oma hatte immer Zeit, nie schlechte Laune, sie war eine Quelle der Wärme. Ein Kinderleben ohne Oma (und auch Opa) – das war für mich unvorstellbar.

Nun bin ich selbst so alt, nein, sogar schon älter als meine Großmutter wurde.
Und vieles ist anders geworden. Eines aber nicht: Großmütter und -väter aber haben ihren Stellenwert nicht verloren, auch wenn sich ihr Bild verändert hat. Die „jungen“ Großmütter, die jetzt später als früher in das „Oma“-Leben aufrücken, werden oftmals für Mütter gehalten; sie sehen dank Fitness, Diäten, modischer Anpassung an ihre Töchter um einige Jahre jünger aus. Wie heißt es doch? 60-Jährige sind die neuen 40-Jährigen.

Geblieben aber ist: Sie lieben ihr Omasein, sie genießen ihre Enkelkinder und holen teilweise nach, was sie bei ihren eigenen Kindern versäumt und vermisst haben. Ohne Großmütter sähe die Geburtenrate ziemlich anders aus – junge Eltern wagen den Schritt zum Kind häufig im Wissen (oder Vertrauen) darauf, dass Oma und Opa (eigentlich geht es nur um die Oma. Pardon, liebe Großväter) verfügbar sind und dies noch mit großer Freude.

Inzwischen habe ich viel über die Rolle der Großmütter (und auch der -väter, dazu später) gelesen, Wissenschaftliches bzw. Evolutionstechnisches. Alles hoch interessant, aber das Gefühl, das meine Großmutter mir vermittelte, ist „erzählender“ als alle Theorie.

Trotzdem ist es interessant, was die Wissenschaftler (in diesem Fall die Anthropologen) herausgefunden haben. Zum Beispiel: Die Verbindung der Enkel oder Enkelin zur Großmutter ist eine andere ist als die zum Großvater (gilt auch für meine Oma und mich!).
Und – auch das ist für mich hoch interessant: Diese enge Beziehung bezieht sich hauptsächlich auf die Großmütter mütterlicherseits. Die Eltern, auch die Mutter, von der Seite des Vaters der Kinder spielen keine so besondere Rolle. Die Wissenschaftler haben durch Studien eine Form der Hierarchie herausgefunden: Die Eltern mütterlicherseits sehen oder sprechen ihre Enkelkinder sehr viel öfter als die Eltern des Vaters: Drei Viertel der Großmütter sehen die Enkelkinder ihrer Tochter mehrmals im Monat; zum Nachwuchs ihres Sohnes haben nur etwas über 40 Prozent einmal im Monat Kontakt. Bei den Großvätern sehen die Zahlen noch schlechter aus.

20160120_144731_resized_1Was nun ist die Erklärung für all diese Phänomene? Es ist die „Großmutter-Hypothese“! Diese Hypothese ist nicht für alle leicht verdaulich, für manche sogar frauenfeindlich. Sie sagt aus, dass Großmütter evolutionstechnisch eine große Ausnahme sind. Fast alle Säugetiere sterben nach Ende ihrer Fruchtbarkeit und zwar recht kurz danach, weil sie keine Funktion mehr haben.

Bei uns Menschen ist das anders: Wechseljahre und Menopause lösen die Reproduktionszeit ab. Die Forscher haben für diese Ausnahme ((es gibt noch zwei weitere) nach einer Begründung gesucht, denn bekanntlich geschieht in der Evolution nichts ohne Grund. Das Ergebnis ihrer Forschungen (sie haben dafür u.a. auf sehr frühe Daten zurückgegriffen): Frauen, die sich selbst nicht mehr fortpflanzen können, konnten sich um ihre Enkelkinder kümmern: Sie beschützten sie, sammelten für sie Nahrung, ihre Mütter konnten sehr viel schneller weitere Kinder bekommen, die Überlebensrate der Enkelgeneration nahm zu. Ohne Großmütter hätte das alles nicht funktioniert. Deshalb das Interesse der Evolution am Weiterleben der Menschenfrauen! (Viele Frauen werden sich jetzt ein bisschen erbost fragen, ob das nun das Ergebnis aller Emanzipationsbemühungen ist!?)

Die Forscher haben im Übrigen auch festgestellt, dass das Fehlen von Enkelkindern die Lebensqualität negativ beeinflussen kann. Bei einem Viertel der „enkellosen“ 70- bis 85-Jährigen werden häufiger Depressionen festgestellt als bei denjenigen, die Enkel haben.

Im Übrigen gibt es natürlich auch eine Erklärung, warum diese Großmutter-Hypothese nur auf Großmütter mütterlicherseits zutrifft: Nur sie können sicher sein, dass die Kinder auch tatsächlich (genetisch) ihre Enkelkinder sind. Kommt mir ein bisschen schräg vor. Ihnen auch? Allerdings: Dass sich Mütter gern in die Angelegenheiten der Schwiegertochter mischen und oftmals kritisch sehen, wie sie ihren Sohn und ihre Enkelkinder managt, ist wohl ein unleugbarer Fakt – wie viele Ehedramen sind daraus schon entstanden?

Wenn Sie ganz andere Erfahrungen haben, dann ist das schlicht und einfach dem Umstand geschuldet, dass das Leben immer Ausnahmen bereit hält. Forscher werden das vermutlich selbst bestätigen.

Bleiben Sie mir gewogen?

I.B.F.

Quellen: Süddeutsche Zeitung, 8.9.2015 und 19./20.12.2015
DJI Bulletin 2/2009, Heft 86; Wikipedia
Fotos (c) I.B.F.

3 Kommentare

  1. Ich kann das nach vollziehen. Meine Oma starb zwar als ich erst drei war und ich kann mich gut an sie erinnern. Aber dann kam ihre Schwester in unser Leben und übernahm die Rolle der Großmütter. Sie wurde der gute Engel in unserem Leben. Sie bleibt unvergessen.

  2. I.B.F.

    Was passiert, wenn’s passiert?
    Passiert ist mir ein unverzeihlicher Fehler: Ich habe in der Erstfassung den Namen von Hans Rosenthal falsch geschrieben. So etwas darf natürlich nicht passieren. Vor allem nicht mit Namen. Und schon gar nicht mit dem von Hans Rosenthal!
    Und ich habe es noch nicht einmal gemerkt! Ein Blogkollege hat darauf aufmerksam gemacht – so sind sie, die netten Kollegen.
    I.B.F.

  3. PB

    Die verschwommenen Fotos zu diesem Beitrag sind fast symbolhaft für die Erinnerungen, die wir an unsere Großeltern heute noch haben… leider.
    Es reizt mich, den Forschungsergebnissen der Anthropologen einige persönliche Erfahrungen hinzuzufügen, die sicherlich viele von uns Älteren betreffen: Meine Großeltern mütterlicherseits hatten noch 13 Enkelkinder, ich davon die Nummer 10. Nur diese Großmutter, die im Alter von 79 Jahren starb, hat noch alle 13 kennengelernt, einige nur flüchtig, wie auch mich. Die andere Großmutter und beide Großväter hatten die Welt längst schon verlassen, als die meisten ihrer Enkel auf die Welt kamen. Die Lebenserwartung war damals viel niedriger.
    Ich dagegen habe nur ein Enkelkind und dabei wird es voraussichtlich auch bleiben. Die jetzt Fünfjährige ist der Mittelpunkt der Familie und sie hat das Glück, beide Großelternpaare zu erleben. Darüber, ob es unter ihnen eine Rangfolge gibt und wie man sie bemessen kann, wage ich keine Hypothese.

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