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Hitzewallungen & Hypnose

JohanniskrautWenn das Klimakterium naht, drohen „heiße Zeiten“, Schlafstörungen und so manches mehr. Und dann wird  herumexperimentiert – mal mit Hormonen, mal mit Johanniskraut oder mit  Soja-Präparaten (da  japanische Frauen nicht unter den genannten Symptomen leiden, sagt die Werbung). Nun gibt es eine interessante neue EBM-Studie.

„Evidenzbasierte Medizin“, abgekürzt „EBM“, ist eine relativ junge – in Nordamerika und England entwickelte – Wissenschaftsdisziplin, bei der Arzt in die Behandlung seiner Patienten die aktuellen Ergebnissen externer klinischer Forschung (sog. „Evidenz“ klinischer Studien und deren statistische Aufarbeitung) integriert. Da sich so sein medizinische Wissen ständig weiter entwickelt, kann er damit sein bisher angewandtes therapeutisches oder diagnostisches Verfahren bei jedem einzelnen Patienten überprüfen. Das „Deutsche Netzwerk Evidenzbasierte Medizin“ beschreibt es so: „Evidenzbasierte Medizin fördert den bewussten, ausdrücklichen und abwägenden Gebrauch der jeweils besten empirischen Evidenz für Entscheidungen in der Versorgung einzelner Kranker, von Gruppen von Kranken und ganzen Bevölkerungen.“ Sollte eigentlich selbstverständlich sein, meint der Patient, aber es bedeutet für Ärzte ständige Weiterbildung und Auditierungen im Alltag – und das kostet vor allem viel Zeit.

Nun zur angekündigten neuen Studie, die in der Deutschen Apotheker Zeitung vom 21.Januar 2016 zitiert wird: Die nordamerikanische Menopausen-Gesellschaft NAMS hat im November 2015 die Ergebnisse einer nach evidenzbasierten Grundsätzen durchgeführten Untersuchung über unterschiedliche Therapiekonzepte zu Hitzewallungen im Klimakterium veröffentlicht.

Die neuen Einsichten zusammengefasst lauten:IMG_6693
– Die effektivste Therapie ist die Hormonersatztherapie mit Estrogen/Gestagen-Kombinationen bei unter 60jährigen Frauen, natürlich unter individueller Abwägung von Nutzen und Risiken.
– Lebensstiländerungen (Verzicht auf Alkohol, Gewürze, heiße Speisen, mehr Sport) und auch Yoga und Akkupunktur sowie der Besuch beim Chiropraktiker bringen nichts.
– Pflanzliche Präparate mit Phytoestrogenen, also mit Wirkstoffen, die eine struktureller Ähnlichkeit zu Sexualhormonen aufweisen, werden hinsichtlich ihrer Wirksamkeit eher kritisch bewertet. Sie schaden aber wenigstens nicht und verbessern die Stimmungslage der Betroffenen. Es geht hier z.B. um Cimcifuga/Trauben- & Silberkerzen-Auszüge , Hypericum/Johanniskraut-Auszug, Agnus castus/Mönchspfeffer-Auszüge.
– Ob Soja-Isoflavone (Soja-Präparate) Hitzewallungen reduzieren oder nicht, ist unklar. Die Datenlage ist zu inkonsistent. Die noch vor einigen Jahren vermutete Schädlichkeit der Einnahme wurde widerlegt.
– Und abHypnoseschließend: Klinische Hypnose wird als empfehlenswert beschrieben!

Wenn sie, liebe Bloggerinnen, mir jetzt sagen, mir hat aber die eine oder andere o.g. Therapie geholfen, dann kann ich nur mit dem beliebten Spruch der Alternativmedizin antworten “Wer heilt hat Recht” oder im Sinne der EBM fragen, ob sie wirklich „geheilt“ wurden, ob die “Heilung” ursächlich und belegbar auf eine bestimmte Therapie zurückgeführt werden kann. Denn Placebowirkungen werden bei der EBM mit „einkalkuliert“ und solange die „Therapie“ nicht schädlich ist – warum nicht.

Evidenzbasiert bedeutet in der ärztlichen Praxis, dass Patienten mit Methoden untersucht oder behandelt werden, für die ein gesicherter Nachweis der Wirksamkeit vorliegt und die in medizinischen Leitlinien ihren Niederschlag gefunden haben. Bei unterschiedlichen Studienresultaten werden die Ergebnisse gegeneinander gewichtet und nicht immer ist eine abschließende Empfehlung möglich. Ob sie dem behandelnden Arzt immer seine therapeutische Entscheidung erleichtern, ob er sich immer die Zeit nehmen kann, wird die Zukunft weisen. Schließlich ist diese Wissenschaftsdisziplin noch jung. Aber wünschenswert wär es.

Wenn sie sich weiter darüber informieren wollen: http://www.cochrane.de/de/ebm

Bleiben Sie neugierig, auch wenn Sie die „heißen Zeiten“ schon überstanden haben sollten.

mw/go

Fotos (c)mw

 

Ein Kommentar

  1. M.R.

    EbM und Wechseljahre
    Ich bin keine Medizinerin – das schon einmal vorweg. Trotzdem überrascht mich einiges in diesem Beitrag Die EbM ist m.E. so unkritisch nicht zu sehen, es gibt eine Reihe von Kritikern unter den Wissenschaftlern, die etwas daran auszusetzen haben. Richtig aber ist, dass es ein (!) wichtiger Schritt ist. Entscheidend ist wohl der Punkt, welche Studien (doppelblind, randomisiert = nach dem Zufallsprinzip ausgesuchte Studiengruppen, prospektiv) überhaupt einbezogen werden. Aber ich denke, vertiefende Einzelheiten sind hier nicht am Platze, zumal ich, wie gesagt, dazu auch nicht berufen bin.
    Aber: Die Mittel für die Wechseljahre! Es ist m.E. nicht richtig, zu sagen, dass z.B. Sport und Yoga nicht helfen. Die Hitzewallungen an sich mögen nicht zurück gehen, aber es lässt sich leichter damit umgehen, weil sie auch u.U. weniger werden. Die Lebensqualität vor allem steigt – nachweislich. Sie können auch Schlafstörungen lindern. Ausdauersportarten sind besonders hilfreich.
    Östrogen/Gestagen-Kombinationen sind dann nicht notwendig, wenn die Gebärmutter entfernt wurde. In dem Fall reichen – so meine Informationen – Östrogene. Aber all dies ist ganz sicher ein Fall für die ärztliche Beratung mit Schwerpunkt Wechseljahrsbeschwerden.
    Zu den Pflanzlichen Mitteln: Bei keinem der Mittel ist ausreichend gesichert, dass die Mittel bei langjähriger Anwendung nicht doch schaden. Das gilt auch für Soja-Insoflavone. Und die Vermutungen, was bei Langzeitanwendung alles als Nebenwirkung auftauchen kann, sind m.E. recht heftig.
    Das ist meine persönliche Meinung und mein Informationsstand. Vielleicht sind die Hinweise zusätzlich nützlich.
    M.R.

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