Berlin ab 50…

… und jünger

Eine verschenkte Chance

Das neue Kunstgewerbemuseum – mein Ärgernis

Seitkunstgewerbemuseum November 2014 will ich mir das „neue“ Kunstgewerbemuseum ansehen, also das neue, über drei Jahre lang Umgebaute. Endlich habe ich es nun geschafft – und war gnadenlos enttäuscht.
Meinen Rundgang beginne ich mit der umgebauten Abteilung MODE – und werde umfangen von schwarzen Wänden, dunklen Gängen. Mein Blick konzentrierte sich auf die Exponate, die wirklich schön sind. Allerdings ist der Umfang der ausgestellten Kleider so gering – wenn man zum Beispiel das Modemuseum Schloss Meyenburg /Blog Beitrag im Mai 2015 / vergleicht -, dass es recht provinziell anmutet. Immer wieder gibt es Durchblicke in die große Halle des Museums – der Brutalismus der Architektur lässt einen sofort wieder zurück ins Dunkel treten.

Dieser Teil ist schnell durchschritten, als nächstes will ich mir die umgebaute Design-Abteilung ansehen – im Untergeschoß. Ein großer heller Raum kunstgewerbeempfängt mich mit Exponaten, die wie verloren herumstehen. Mein Blick schweift darüber, die Atmosphäre ist die eines halb geräumten Möbellagers, irgendwo ein paar kleine Kammern mit einigen Ausstellungsstücken. Auf mich wirkt es lieblos nebeneinander gestellt, das Konzept erschließt sich mir nicht und so rutscht mein Interesse an den einzelnen Stücken wie Stühlen, Sitzsäcken, Tischchen, Schreibmaschinen automatisch Richtung Null. Die Beschriftung besteht wie auch schon vor der „Auffrischung“ aus kleinen Zettelchen irgendwo in Bückhöhe geklebt und ich frage mich, warum ausgerechnete diese Einrichtung den Umbau überlebt haben. Es gibt doch inzwischen ganz andere Möglichkeiten, dem Besucher Informationen zu geben.

Dann komme ich ins modemuseum„Stühlelager“ – mit aneinandergereihten Stühlen aus mehreren Jahrzehnten. Aber auch da habe ich schon Interessanteres zum Beispiel im Bauhaus-Archiv oder im Bröhan-Museum entdeckt.
Leicht verärgert durchzuckt mich die Frage, warum braucht Berlin eigentlich dieses Museum? Was bringt es, was mehr ist als in den gerade genannten. Die Gesamtsicht, die es vermitteln könnte, erschließt sich dem Besucher weder sachlich noch fachlich noch sinnlich.

Da ich aber geneigt bin, lieber ein Museum mehr als eins zu wenig für wichtig zu halten, schiebe ich ihn weg, den Gedanken, und gehe zum „Welfenschatz“ – einmalig und sonst nirgendwo zu finden. Also ein „Alleinstellungsmerkmal dieses Museums“. Inzwischen bereits etwas eingestimmt auf die Art und Weise, wie dieses Museum seine Exponate dem Zuschauer näherbringt (oder eben auch nicht), bin ich noch nicht mal erstaunt, dass die Darbietung irgendwie im Raum steht, verloren, vergessen, unwichtig. In diesem architektonischen Gebilde von modemuseum2Treppen und Gängen, Beton- und Eisenverstrebungen stehen einige Vitrinen, manche gar nicht beleuchtet (vielleicht ein Zufall), aber alle lieblos aufgebaut, mit winzigen Nummernschildchen, zu denen ich die dazugehörigen kleinen Informations-Zettel suchen muss. Es gibt Extrablätter, für manche Exponate, aber für den Welfenschatz – natürlich – nicht. Ist dem Museum entgangen, dass sich Museumspräsentationen weiterentwickelt haben, oder fehlt es an Fantasie und / oder Geld?

Mich stimmt es traurig, dass nicht einmal die Glanzstücke des Museums interessierten Besucher entsprechend präsentiert werden.
Diesem Teil des Museums sieht man seine Entwurfs-Zeit deutlich an – allerdings wirkt es wie stehengeblieben, einfroren und verstaubt.  1966  wurde Rolf Gutbrod, zu dieser Zeit galt er als  einer der führenden deutschen Architekten, mit dem Bau des Kulturforums beauftragt. Der Neubau des Kunstgewerbemuseums konnte 1985 bezogen werden und seitdem scheint das 1867 als „Deutsches Gewerbe Museum zu Berlin“ gegründete Kunstgewerbemuseum (und damit das Älteste seiner Art in Deutschland) einen Dornröschenschlaf zu halten. Der Prinz, der zwischen 2012 und 2014 versuchte, das Dornröschen wach zu küssen, scheiterte offensichtlich.

Trotzdem, bleiben Sie neugierig – meistens lohnt es sich, auch wenn dieser kleine Museumseindruck vom Gegenteil zeugt.
go

Fotos (c) go

 

2 Kommentare

  1. PB

    Das Kunstgewerbemuseum ist wirklich alles andere als ein architektonisches Glanzstück im Kulturforum. Die Architektur des „béton brut“, aus dem sich etwas fälschlich der Begriff Brutalismus gebildet hat, war zur Zeit der Einweihung Mitte der 1980-er Jahre schon überholt. „Sichtbeton“, so eine etwas neutralere Bezeichnung, dominierte in der Architektur eher in den 1960-er Jahren, aus denen der eigentliche Entwurf des Museums auch stammt. Gutbrods Kunstgewerbemuseum rechtfertigt den Begriff des Brutalismus durchaus, denn man wird im Innern regelrecht niedergedrückt von so viel Betonmassen. Dass es anders geht, hat Scharoun in der benachbarten Philharmonie bewiesen, wo es zwar auch Sichtbeton gibt, der hier garantiert niemanden erdrückt – ganz im Gegenteil.
    Andere „schrecklich-schöne“ Beispiele für architektonischen Brutalismus in Berlin sind der Mäusebunker in Lichterfelde und der U-Bahnhof Schloßstraße (U9) samt Bierpinsel.

  2. I.B.F.

    Brutalismus
    In einem Beitrag in der FAS vom27.3.2016, geschrieben von Niklas Maak, bin ich wieder auf den Begriff „Brutalismus“ gestoßen. Das hat natürlich vor dem Hintergrund des obigen Kommentars von PB mein Interesse geweckt.
    Der Beitrag zeigt die andere Seite dieser Architekturrichtung, die offenbar einen interessanten und keineswegs nur negativen Hintergrund hat und Resultate erbracht hat, die wohl weltweit staunen lassen. Maak zeigt ein Beispiel auf: den Mariendom in Neviges (im Bergischen Land). Architekt ist Gottfried Böhm, der 1968 als erster Deutscher mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet wurde (einer der berühmtesten Architekturpreise)
    Ein Kirchenbau, der Architekten aus der ganzen Welt entzückt.
    Ich selbst kann das natürlich nicht beurteilen, aber ich denke, es ist interessant zu wissen, dass der Brutalismus mehr als nur Hässlichkeiten, wie oben von PB geschildert, hervorgebracht hat.
    I.B.F.

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