Berlin ab 50…

… und jünger

Eine kurze Szene nur …

Eine kurze Szene nur …

… aber ich kann sie nicht so einfach aus meinem Gedächtnis streichen.
Sie empört mich immer noch und ich frage mich inzwischen, ob ich nicht übertreibe.
Deshalb möchte ich sie Ihnen erzählen und vielleicht erfahren, ob meine Empörung übertrieben ist.

Die Szene geht so: Ich jogge – wie so häufig – die Uhlandstraße entlang bis zur Kreuzung Düsseldorfer Straße und dort links in die Düsseldorfer Straße hinein.
An der Ecke ist ein Lebensmittelgeschäft. Vor diesem Geschäft steht seit vielen Wochen bzw. Monaten eine junge Frau mit einem „Motz“-Heft in der Hand. Vermutlich eine Roma. Sie spricht niemanden an, weder Passanten noch diejenigen, die aus dem Geschäft kommen. Dass sie ernsthaft die „Motz“-Zeitschrift verkaufen will, glaube ich nicht – es sieht immer nach ein und demselben Heft aus. Ob sie Deutsch spricht oder versteht, auch das weiß ich nicht. Das ist aber auch für die Szene nicht wichtig. Sie steht im Winter wie im Sommer – es ist ein wenig so, als ginge sie ihrer Arbeit nach.
So weit meine Beobachtungen, wenn ich an ihr vorüber laufe. Und das ist ziemlich oft.

An diesem Tag, über den ich schreibe, passierte das, was mich so aufbringt: Eine Frau, um die 65 oder 70 Jahre gut und geschmackvoll gekleidet und mit einer Ausstrahlung, die ich spontan als „sich selbst gewiss“ nennen würde (Sie kennen sicher auch solche Menschen, die einfach zu wissen scheinen, dass sie sind, wer sie sind), kommt aus dem Geschäft und wirft der jungen Frau aus etwa zwei bis drei Meter Entfernung in hohem Bogen eine Münze zu. Ohne ein Wort zu sagen! Aber nicht ohne einen zufriedenen Blick, dass die junge Frau die Münze aufgefangen hat. Dann ging sie ihres Weges.
Der Bezirk ist ohne Zweifel einer der wohlhabenden, was die Bewohner betrifft. Man sollte also meinen, dass sie über Anstand, Form und Mitmenschlichkeit verfügen (sicher, es gibt hier wie dort die berühmten Ausnahmen). Und dann diese Geste!

Ich bin nach Hause gegangen. Das Bild hat mich verfolgt. Es war so, als würfe man einem Hund einen Ball zu, um ihn zu trainieren, ihn zu fangen. Um zufrieden festzustellen, dass er das Kunststück beherrscht.
Muss man das auch mit Menschen machen? Selbst wenn die kleine Spende gut gemeint ist – gehört nicht auch dazu, sie mit Würde und Achtung zu übergeben, ihn anzuschauen? Der, der vor uns steht, ist ein Mensch. Ist das so schwer zu akzeptieren?

Eine andere Geschichte fällt mir dazu ein, die mich betrifft: In unserer Nähe gibt es ein Krankenheim für psychisch Kranke. Einige sind häufig unterwegs zum Einkaufen oder sich die Zeit zu vertreiben. Eine der Kranken, deren Alter ich nicht einschätzen kann (vielleicht um die 30 oder 40), spricht auch Vorübergehende an, um sie um Geld zu bitten. Ich hatte bislang immer einen Euro bei der Hand, um ihn ihr zu geben. Sehr schnell war es so, dass sie auf mich zukam, sobald sie mich sah und nach Geld fragte. Was ja in Ordnung ist – für mich zumindest. Bis mir mein Mann eines Tages sagte, dass sie mich nicht um einen Euro bittet, sondern um zwei, möglichst um noch mehr (ich selbst kann nicht hören). Das hatte ich nicht erwartet. Und ich frage mich, wie ich damit umgehen soll. Ist es angemessen (keine sehr gute Vokabel), ist es zu fordernd? Ist es nicht vielleicht verständlich, dass sie um eine größere Summe bittet? Wie verhalte ich mich?
Sprechen kann ich nicht mit ihr – ich würde ihre Antwort nicht hören.

Was denken Sie darüber? Über die Szene und über mein kleines „Problem“.
Dass Sie mir gewogen bleiben – das hoffe ich.

I.B.F.

 

 

 

2 Kommentare

  1. PB

    Liebe I.B.F,
    Sie fragen am Ende Ihres Beitrags nach der Meinung Ihrer Leser, hier wäre meine: Zwischen den beiden Frauen, der Kundin und der Motz-Verkäuferin, besteht eine stille Bekanntschaft, die möglicherweise darauf beruht, dass die junge Frau schon häufiger Geld von der „betuchten“ Kundin erhalten hat. Daraus entwickelte sich irgendwann ein Ritual des Zuwerfens. Wie sollte die Kundin wissen, dass die andere geschickt eine Münze aus der Luft fangen kann, zudem noch mit einer Hand, denn in der anderen hält sie ja die Zeitschrift. Wahrscheinlich kennen sich bie beiden längst, machen ein harmloses Spiel. Darauf deutet auch der „zufriedene Blick“ hin, darüber, dass die junge Frau die Münze aufgefangen hat.

  2. I.B.F.

    Hoffen wir, dass es so ist. Der Anschein spricht dagegen, was Sie nicht wissen können: Die junge Frau hat beide Hände frei, weil sie die Zeitschrift vor ihrer Brust befestigt hat. Aber das ist nebensächlich. Das andere: Der Blick der jungen Frau – das konnte ich sehen – war mehr als verdutzt. Und das Dritte: Das „Ritual“ dürfte dann ja wohl von der „Wohltäterin“ ausgegangen sein. Muss man ein solches Ritual einführen? Ich meine nicht.
    I.B.F.

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