Berlin ab 50…

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Düppel Center – das „Displaced-Persons“-Lager

In der aktuellen Diskussion über Flüchtlinge und ihre UnterbringungPotsdamer Chaussee 87 in Berlin ist eine kurze, fast vergessene Nachkriegsepisode in Zehlendorf recht ergreifend. Der Ort des Geschehens liegt südlich und östlich des Hauses Potsdamer Chaussee 87 in Schlachtensee. Das einsame Gebäude, bis 1940 die Gastwirtschaft „Mutter Mochow“ unmittelbar an der damaligen Reichsstraße 1, fällt jedem Vorbeieilenden auf: Es ragt in die Straßenflucht, steht eigentlich auf dem Fußgängerweg und ist zudem auffällig hell-rot angestrichen.
Am Haus informiert eine schlichte Berliner Gedenktafel in knappen Worten über die unfassbare Geschichte: „Dieses Haus gehörte von 1946 bis 1948 zum Düppel Center, das die US-Armee hier für die Überlebenden der Shoa als Durchgangslager errichten ließ. Für Zehntausende war dies ein Ort der Hoffnung und des Neubeginns, bis das Lager 1948 unter Druck der Berlin-Blockade aufgelöst werden musste.“
Berliner Gedenktafel am Haus Potsdamer Chaussee 87In diesem Lager lebten sogenannte „Displaced Persons“. Der englische Begriff „displaced“ wird für Personen und Sachen verwendet, die sich an einem Ort befinden, an die sie nicht hingehören. Die Alliierten bezeichneten seit Juni 1944 jene Zivilisten als „displaced“, die sowohl in den von Nazi-Deutschland besetzten Gebieten als auch im ursprünglichen Deutschen Reich von den alliierten Truppen befreit wurden. Dazu gehörten hauptsächlich Zwangsarbeiter und aus den Konzentrationslagern befreite Häftlinge. Die Alliierten benutzten den Ausdruck „Displaced Persons“, um diese Menschen ganz bewusst zu unterscheiden von Deutschen und Angehörigen aus mit dem Deutschen Reich verbündeten Staaten.

Wenige Monate nach Kriegsende im Mai 1945 waren Zehntausende Juden auf der Flucht. Sie verließen ihre Heimat und flohen aus Osteuropa, meistens aus Polen, nach Westen in das zerstörte Deutschland. Darunter waren auch 83 000 jüdische Überlebende von ehemals über drei Millionen aus Polen, die im Nachkriegspolen nicht mehr willkommen waren. Ihre jüdischen Gemeinden waren aufgelöst, Synagogen zerstört und Friedhöfe verwüstet, oft die meisten ihrer Angehörigen ermordet.
Mit der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht Anfang Mai 1945 war zwar der Krieg auf europäischem Boden zu Ende, aber noch lange nicht das millionenfache Leiden. Unter den Heimatlosen und -vertriebenen, die sich auf eine Völkerwanderung mit unbekanntem Ziel begaben, waren auch mindestens sieben Millionen „Displaced Persons“.

Einer ihrer Fluchtwege führte über Stettin nach Berlin. Die ersten Durchgangslager für diese Personengruppe entstanden im sowjetischen Sektor Berlins in der Rykestraße für etwa 180 Personen und im französischen Sektor in der Iranischen Straße für 160 Flüchtlinge. Bald reichten diese Flüchtlingslager aber nicht mehr aus und in Wittenau wurde das erste Lager für „Displaced Persons“ eröffnet. Dort fanden rund 500 Menschen Platz.
Der Flüchtlingsstrom schwoll nach 1945 an und die politischen Unstimmigkeiten unter den vier Besatzungsmächten nahmen zu. Bald war ein gemeinsames Handeln der Alliierten nicht mehr möglich. Am 4. Januar 1946 eskalierte die Lage. Die sowjetische Militärregierung verkündete, dass binnen 48 Stunden alle in der sowjetischen Besatzungszone in Lagern lebende 2500 Juden nach Prenzlau in die Uckermark gebracht werden sollten. Die Angst der jüdischen Überlebenden, wieder zurück nach Osten in ihre ehemalige Heimat verbracht zu werden, war besonders groß. So machten sich die meisten Richtung amerikanische Besatzungszone auf, in der sie auf eine bessere Versorgung und Behandlung hofften.
Nach anfänglichem Widerstand der US-Amerikaner, sich nunmehr um so viele Juden kümmern zu müssen, eröffnete die UN-Flüchtlingsorganisation UNRRA am 12. Januar 1946 ein Lager für Displaced Persons unter dem offiziellen Namen „Düppel Center“ an der Potsdamer Chaussee. Die 78. US-Infanterie Division hatte zuvor das Lager in Zehlendorf geräumt und stellte elf Baracken für die jüdischen Flüchtlinge zur Verfügung. Es war das größte Lager für diese Personen in Berlin. Im Sommer 1946 wurde in Mariendorf, ebenfalls im amerikanischen Sektor von Berlin, ein weiteres Lager errichtet.
Zeitweise lebten mehr als 5000 Menschen im Düppel Center. Es war für die dort in der Enge Lebenden, die in der Mehrzahl keine Überlebenden aus den Konzentrationslagern waren, ein Ort der Hoffnung und ein neues Zuhause nach all dem Schrecken, den sie erlebt hatten.
Das Lager war bestens organisiert. An der Spitze stand ein gewähltes Zentralkomitee, das sich um die Verwaltung des Lagers kümmerte. Es wurde Jiddisch gesprochen, koscher gekocht und gebetet wie in Polen. Es wurde geheiratet, Kinder wurden geboren und die Jungs am achten Tag beschnitten. Zeitweise lebten bis zu 850 Kinder im Lager. Es gab Schulen, Sportvereine, ein jiddisches Theater, eine eigene Gerichtsbarkeit und eine eigene Polizei. Deutschen war der Zutritt verboten. Man fürchtete Zusammenstöße zwischen jüdischen Opfern und deutschen Tätern.
Doch bald wurde das Durchgangslager zu einer Sackgasse. Die Briten hatten den Weg nach Palästina versperrt, die USA vergaben nur noch vereinzelt Einreise-Visa. Mit der Berlin-Blockade verschärfte sich zudem die Lage. Wegen der sowjetischen Landblockade musste West-Berlin durch die Luft versorgt werden. Um die Zahl der in der blockierten Stadt zu Versorgenden zu reduzieren, sollten alle „Displaced Persons“ sofort evakuiert werden. Wer nicht wollte, musste auf alle Zuwendungen verzichten.
Der amerikanische Militärgouverneur Lucius D. Clay stimmte letztlich der Schließung des Lagers zu. Die Evakuierungen erfolgten im Juli 1948. Insgesamt 5536 jüdische Personen wurden vom Flughafen Tempelhof in leeren „Rosinenbombern“ gen Westen ausgeflogen. Einige blieben in Berlin, denn sie hatten sich hier mittlerweile eine Existenz aufgebaut.
Von dem Zehlendorfer Lager an der Potsdamer Chaussee ist nichts Haltestelleübrig geblieben. Nur die Gedenktafel am Haus und eine Informationstafel an der Bushaltestelle Kurstraße (Richtung Innenstadt) erinnert die Wartenden an die zweieinhalbjährige Geschichte des Düppel Centers.

Diesem Text liegt der ausführlichere Beitrag „Flucht ins Ungewisse – Das Displaced-Persons-Lager Düppel Center“ von Matthias Aettner im Zehlendorf Jahrbuch 2016 zugrunde.
Lothar Beckmann

Fotos (c)  Lothar Beckmann

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