Berlin ab 50…

… und jünger

Schlendern durch Berlin

Berlin ist voll von Straßen, die nicht nur aus Modeketten und Passagen bestehen. Straßen mit kleinen, individuellen Läden, Cafés und Restaurants. Diese Straßen möchte ich erkunden und hier vorstellen. Heute, die Oranienstrasse in Kreuzberg

Oranienstrasse. Mittwochnachmittag Anfang März.IMG_7022
Leider ist das Wetter noch nicht so schön, so dass die im Sommer sehr belebte und lebendige Oranienstr. nicht ihren vollen Glanz versprühen kann. Aber auch ein Winterbummel hebt die Stimmung. Ich beginne am südlichen Teil der Oranienstrasse. Und bin erst mal erstaunt, dass es vermehrt 3-geschossige, ja manchmal sogar 2-geschossige Häuser gibt. Langsam schlendere ich drauflos und bin schon gleich über die Vielfalt der Geschäfte erfreut. Vom Türkischen Reisebüro zur Apotheke, dann ein Naturkosmetikladen, gegenüber die Weinhandlung Suff am Heinrichplatz das Hanfhaus. Die „Rote Harfe“ gibt es schon seit Urzeiten und scheint immer noch zu laufen. Viele Imbissläden von der Pizza über Sushi, natürlich Döner und Falafel, hin zu Mexikanisch. Eine türkische Bäckerei fällt mir ins Auge, aber auch ein Laden für Waffeln und Crepes. Für den schnellen Hunger ist hier bestens gesorgt. Aber auch die Einzelhandels-geschäfte bieten eine wunderbare Buntheit. Italienische Feinkost, Fahrradladen, Papeterie, Friseur, Comics, Wolle und Strümpfe, man wird in ganz vielen Bereichen fündig. Die Bekleidungsgeschäfte, die ich sehe, reichen von natürlichem Leinen, über indische Folklore hin zu gut tragbarer und auch trendiger Mode. In den Läden, die ich besucht habe, hätte ich gut einkaufen können, wenn das mein heutiges Ziel gewesen wäre. Mir gefallen die vielen verschiedenen Schaufensterdekorationen, manche etwas retro. Ein ganz tolles Schaufenster hat eine große Schaufläche, in der modische Kleidung ausgestellt wird. Zum Verkaufsraum ist die Fläche durch hübsch verzierte Glasfenster abgetrennt, eine wirkliche Rarität. Überhaupt gibt es an den Fassaden viele architektonische Details zu bewundern.

In den Läden sind die VerkäuferInnen freundlich bis gelangweilt. In einem sehr hübschen Laden mit neuen und antiken Dekorations- und Küchenutensilien werde ich gar nicht beachtet. Das Gespräch der Verkäuferinnen wird unbeirrt fortgesetzt, mit der Frage, ob sie im Laden essen dürfen oder nicht. Es wird nicht gegrüßt, weder beim Hereinkommen noch beim Verlassen des Geschäfts. Auch das ist Kreuzberg.

Auf der Straße herrscht eine wunderbare Verschiedenheit an Menschen: Jung und alt, trendy und hip, viele unterschiedliche Sprachen höre ich, manchen Menschen sieht man den Touristen auch wirklich sofort an. Andere scheinen perfekt nach Kreuzberg zu gehören, wie der junge Mann mit den aufgetürmten Dreadlocks oder der wasserstoffblond gefärbte junge Mann mit dem Nietengürtel um den Bauch und der zerrissenen Jeans. Ein Mann mit langen blonden Haaren trägt Rock und Absatzschuhe, auch er passt wunderbar hier her, genau wie die jungen türkischen Mütter, die ihre Kinderwagen vor sich her schieben und sich dabei lebhaft unterhalten.

Langsam bekomme ich Hunger und suche mir ein Cafe. Die Auswahl ist riesig und ich lande schließlich in der ehemaligen Blindenanstalt. Die liebevoll gestalteten Designprodukte im Schaufenster haben mich sofort angesprochen. Beim Eintreten empfängt mich ein großer, hoher Raum. Das Geschäft ist aufgeteilt in Cafe und Verkaufsraum. Im Cafe gibt es 6 Tische, die alten Stühle sind mit Korbgeflecht restauriert. Alles wirkt gleichzeitig modern und doch etwas aus der Zeit gefallen. Im großen Ausstellungsschrank an der Rückwand werden Bürsten, hübsch beklebte Schachteln und kleines Holzspielzeug ausgestellt. Die Dinge werden in einer angegliederten Manufaktur von Menschen mit Behinderungen hergestellt. Das kleine Cafe ist gut besucht. Ein orientalisch aussehendes älteres Paar unterhält sich gedämpft am Nebentisch. Auch im Cafe arbeiten Menschen mit Behinderungen. Mein Kellner zählt bei Nachfrage ganz langsam und konzentriert die Teesorten auf. Wunderbar, so habe ich Zeit für meine Entscheidung. Alle sind sehr freundlich. Die Suppe, die ich bestelle, ist reichhaltig und gut gewürzt. Am Ende kaufe ich eine Kleinigkeit und gehe sehr zufrieden weiter.

Zum Abschluss möchte ich noch einen Chai latte trinken. Schräg gegenüber wirbt ein asiatisches Cafe mit meinem Lieblingsgetränk. Nun, denke ich, sei mutig und wage etwas Ungewöhnliches. Es gibt einen vorderen kleinen Schankraum mit 2-3 Sitzgruppen und einen langgestreckten Raum, den man über drei Stufen erreicht. Der Raum wirkt auf mich nicht so gemütlich und einladend, also setzte ich mich nach unten. Dort sitzen schon verschiedene internationale Gäste an zusammengesuchten Stühlen und Nierentischen. Die ganze Einrichtung wirkt auf mich etwas exotisch, nicht homogen, Designerlampen von der Decke, 50er Jahre Lampen an den Wänden, chinesische Wandschirme in den Ecken. Ich bestelle meinen Chai Tee, der sehr würzig schmeckt, leider aber etwas teuer ist. In der Essensauslage werden exotisch aussehende Snacks angeboten. Der Besuch der Toilette am Ende wird der Höhepunkt des Abenteuers. Scheinbar wird renoviert und so wirkt der Waschraum etwas durcheinander. Ein Kabelstrang läuft durch den ganzen Raum, verhindert leider auch, dass man die Toilettentür ganz schließen kann. Alles wirkt leicht angestaubt und schmuddelig. Nun ja, auch das kann passieren, wenn man das Abenteuer sucht.
Alles in Allem war es ein wunderbarer Bummel und ich freue mich schon auf mein Wiederkommen im Frühling, wenn dann auch die Tische vor den Cafés besetzt sein werden und noch mehr Menschen durch die Straße flanieren.

Schön, wenn Sie mit mir mitkommen.

Ihre AvS

2 Kommentare

  1. M.R.

    An die Flaneurin (ich unterstelle einmal, dass Sie weiblich sind)!
    Ihre potenziellen „Follower“ würden vermutlich dankbar sein, wenn Sie „Ross und Reiter“ genannt hätten. Dann wäre es einfach gewesen, Ihnen zu folgen und genau dort zu schauen, wo Sie gewesen sind. Um zu vergleichen, ob sich die Geschmäcker gleichen oder nicht. Wäre doch spannend! Und Fotos – Ihr Bericht bietet sich doch geradezu an, nicht wahr?
    M.R.

    • Vielen Dank für den guten Hinweis – AvS wird es sich sicher zu Herzen nehmen!

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