Berlin ab 50…

… und jünger

Noch einmal das „große Rad“ drehen!

Noch einmal das große Abenteuer wagen! Die große Münze werfen,  nicht die kleine!

Geht das noch? Lassen sich Zeit und Alter überlisten?

Eigentlich müsste ich daran glauben. Denn ist es nicht so,  das die heute 70-Jährigen, wozu auch ich seit einer Weile gehöre, sich fühlen wie die 60-Jährigen?  Die ihrerseits gefühlt allenfalls 50 sind. Wenn ich sehe, was unsere Generation noch auf die Beine stellen kann, wie sie sich selbst darstellt und wenn ich in den vielen wissenschaftlichen Studien der letzten Zeit lese, wie sich das Lebensgefühl verändert hat, dann scheinen sich großartige Möglichkeiten anzubahnen.

Allerdings: Das scheint nicht die einzige Veränderung zu sein: Man könnte den Eindruck haben – ich habe ihn -, dass die jungen Leute immer älter werden. Das klingt paradox, aber ist es nicht so, dass man viel häufiger als früher hört und liest, dass ab 30 schon die Sorge beginnt, alt zu werden?  Die jungen Frauen suchen gerade zu nach Falten, die es sofort zu bekämpfen gilt; die jungen Männer bleiben bei Kapuzenpulli und Schlabberjeans: ein anderes Outfit könnte sie ja alt aussehen lassen!

Früher zu meiner Zeit (wie das klingt? Ich hätte nie gedacht, dass ich einen solchen Satz jemals sagen, geschweige denn aufschreiben würde!) haben wir mit 30, 35 noch keinen Gedanken ans Alter verschwendet – es schien so endlos weit entfernt zu  sein. Die Gegenwart – das war es, was interessiert. Damals galt wirklich noch das Motto, mit dem L’Oreal zurzeit Werbung macht: „Alt? Werden wir später.“

Aber ich merke, ich schweife ab. Es geht ja um mich, die ich nun wirklich alt bin, und um meinen Traum vom „großen Rad“.

Die „kleinen Münzen“, die habe ich schon geworfen: Ich jogge regelmäßig und eine ziemliche Strecke bei Wind und Wetter (Wind gibt’s in Berlin reichlich); Ich trainiere meine Muskeln im Fitness-Studio (die einzige Konzession ist, dass ich in keines der angesagten Studios gehe, sondern in ein einfaches, schlichtes, bei dem ich das Durchschnittsalter nicht sehr verändere), ich spiele Golf, lese mehrere Tageszeitungen, besuche Ausstellungen, bin neugierig!,  arbeite auch ein bisschen ehrenamtlich.

Klingt mustergültig, nicht wahr? Und auch  ein bisschen nach „schaut her, wie ich mein Alter bewältige“.

Trotzdem habe ich das Gefühl, dass ich immer noch nach einem „Mehr“ suche. Sind es wirklich nur die „kleinen Münzen“, die mir bleiben – so nett und schön sie auch sind? Bin ich für eine echte Herausforderung schon zu alt? Eine, die alle Sinne fordert, bei der Unvorhergesehenes vorhersehbar ist?  Ist es wirklich mein Schicksal,  meine letzte Etappe „altersgemäß“ zu verbringen. Maßvoll, das Restrisiko vermeidend? Wobei – das ist natürlich wahr – das heutige Altersgemäße ein anderes ist, ein lebendigeres als das der Generationen vorher.

Und  ist es nicht so, dass ich viel zu viel auf die Zeit danach, soll heißen, auf die Zeit nach dem Arbeitsleben verschoben habe? Weil es damals nie so richtig passte? Karriere oder das, was ich dafür hielt, die Familie, das Sparen – man ahnte ja schon, dass es mit der Rente nicht mehr so gut laufen würde! -, Eltern, die eben auch mehr Zeit benötigten. Und vor allem die Vorstellung: Alle Zeit der Welt zu haben! Welch für ein Übermut, wie fahrlässig auch!

Jetzt ist das Zeitgefühl ein ganz anderes. Die Dringlichkeit wird spürbarer, die Zeit steht nicht mehr beliebig zur Verfügung. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Aber dann ein inneres Zurückweichen: Wenn ich so  denke, denke ich ja eigentlich auch das Ende mit! Aber genau das will ich ja eigentlich nicht. Paradox, ich weiß es selbst.

Die große Münze – was wäre sie? Die schon in jungen und mittleren Lebensjahren erträumte Reise mit dem Orientexpress. Für die ich damals auch schon den kongenialen Partner hatte: einen alten Freund, auch an Jahren älter, der lange in China gelebt hat. Aus dem Traum konnte schon damals nichts werden, aber es war trotzdem schön. Jetzt ist der alte Freund schon lange tot und eine Reise ohne ihn wäre ohnehin nicht die Erfüllung des richtigen Traums.

Eine Wanderung durch die Wüste. Die Fahrt mit der transsibirischen Eisenbahn in der großen Variante.  Eine Reise mit dem Wohnmobil quer durch Amerika (den Traum von früher allerdings würde ich jetzt nicht mehr verwirklichen wollen – unabhängig vom Alter).

Ein zu großes Rad? Vielleicht ja. Vielleicht aber hänge ich inzwischen auch tatsächlich zu sehr an dem Leben jetzt, das sich so einfach dahin lebt. Was ich letzten Endes wohl so ausleben möchte. Auch mit der Sehnsucht nach Etwas, was immer ein Traum bleiben wird.

I.B.F.

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