Gert Berliner aus Berlin-Schöneberg

Der große amerikanische Fotograf Gert Berliner zu Gast in Berlin

„So lange wir noch hier sind, werden wir dir jeden 3ten Tag schreiben“ – datiert sind diese Zeilen vom 6.November 1941 und stammen von Paul und Sophie Berliner an ihren in Stockholm lebenden Sohn Gert. Diesen  Brief kann man sich auf der Seite des Jüdischen Museums ansehen, der allein beklemmend wirkt durch die deutlich sichtbare Zensur und dieser Eindruck wird verstärkt vor dem Hintergrund, dass zwei Wochen vorher die Judendeportationen in Berlin begannen (www.jmberlin.de/main/DE/03-Sammlung-und-Forschung/00-LPdetails/brief-familie-berliner-content.php).  Paul und Sophie standen wohl bereits auf einer der Transportlisten, wurden aber noch einmal zurückgestellt. Die letzte Mitteilung der Eltern an ihren Sohn ist vom Februar 1943. Lange blieb Gert im Ungewissen über das Schicksal seiner Eltern, seine Postkarte vom April 1944 nach Theresienstadt  kam zurück.  Sie waren bereits im Mai 1943 nach Ausschwitz deportiert und dort ermordet worden.

gert berlinerGert Berliner wurde in Berlin geboren, wuchs in Schöneberg auf und konnte Deutschland 1939 mit einem Kindertransport nach Schweden verlassen. 1947 wandert  Gert Berliner von Schweden in die USA aus.  Es dauerte Jahrzehnte, bis er seine Geburtsstadt wieder besuchte.

Gert Berliner ist Fotograf, Maler und Dokumentarfilmer. Vor allem in den sechziger Jahren veröffentlichten die großen US-Magazine wie die New York Times, Harpers Bazaar etc. seine Fotografien, in Berlin stellte er erst 1995 aus – im Kunsthaus Schöneberg, Fotografien der Konzentrations- und Vernichtungslager in Osteuropa.berliner

Letzte Woche eröffnete der 92-jährige fröhlich und charmante alte Herr wieder eine Ausstellung in Berlin: Seine Fotografien  NEW YORK – THE SIXTIES  werden in der Galerie argus fotokunst in der Marienstraße gezeigt und sind dort noch bis 28.Mai 2016 zu sehen.  Zusammen mit seiner Frau kam er extra dafür aus New York.

Zur Vernissage kamen viele alte und neue Freunde und auch zwei vernissageCousins, die Gert Berliner gerade vor zwei Tagen nach fast 70 Jahren wiedergetroffen hat, das letzte Mal hatten sie sich in Schweden gesehen. Man sah es ihm an, dass dieses Märchen, wie er es nannte, sein Herz erfreute.

Natürlich habe ich mich ein wenig kundig gemacht, bevor ich der Einladung zur Vernissage gefolgt bin. Der Blick auf seine Homepage steigert meine Vorfreude (http://gertberliner.com).  Als ich die argus Galerie  betrete, bin ich zuerst einmal erstaunt, denn die Bilder sind viel kleiner als ich sie mir vorgestellt habe (was meiner Faulheit zuzuschreiben ist, denn die Bilder haben Maßeangaben – wenn auch in inches, die ich einfach nicht auf einen Blick umgerechnet habe), aber sie sind von gleicher sixties in NYCIntensität. Gesteigert durch  die kluge Hängung ziehen sie mich einmal mehr in den Bann. Mein erster Blick gilt einem Block zu je fünf Bilder horizontal und je zwei vertikal. Gehende Menschen, jedes Bild ein einzelner Mensch in Bewegung – „All the lonely people“ heißt diese Serie. Seltsamerweise wird der Eindruck der Einsamkeit in einer großen Stadt wie New York bei mir überlagert durch die Faszination der guten Beobachtung. Allein die  Vielfalt der Bewegungen, die Vielfalt der Temperamente und Stimmungen, die diese zehn Bilder zeigen. Es ist kein depressiver Blick, es ist ein humorvoller Blick auf die Menschen.  Lange stehe ich davor und sie machen mich neugierig, weiter durch die Ausstellung zu gehen.  Immer sind es Menschen, die im Fokus seiner Bilder stehen. Menschen in der Metro, auf der Straße, in alltäglichen Situationen.

g.BerlinerDie Schwarz/weiß-Bilder haben unendlich viele warme Grautöne, sie sind alles nur nicht kühl oder kalt, sie sind lebendig und doch still, sie sind witzig und doch liebevoll – es sind Beobachtungen, denen man anmerkt, dass sie Schnappsschüsse sind. Solche Momentaufnahmen setzen ein enorm gutes „Auge“ voraus und einen liebevollen, neugierigen  Blick auf  Menschen.  „Die Menschen interessieren mich“ sagte Gert Berliner in seiner Ansprache – der sehr gut Deutsch versteht, aber dann doch an diesem Abend lieber Englisch spricht – und man glaubt es ihm ohne Zögern.

Diese Schnappschüsse, ergänzt sein Galerist Norbert Bunge, könnte Berliner u Bungeman heute so gar nicht mehr machen, denn man bräuchte von jedem Einzelnen eine Genehmigung, um nicht eine Klage wegen Verletzung der Persönlichkeitsrechte an den Hals zu bekommen  – und damit wären solche Bilder, die ja aus dem Moment, der Spontanität leben, nicht mehr möglich.  Was für ein Glück für uns heute,  dass wir all diese Regelungen in den Sixties noch nicht hatten –  es wären uns die wunderbaren Eindrücke von GB entgangen.

Den Besuch dieser (Verkaufs)Ausstellung sollten Sie unbedingt einplanen. Die Galerie argus fotokunst/Norbert Bunge  ist geöffnet  von Mittwoch bis Samstag, 14 – 18 Uhr, in der Marienstrasse  26 (unweit des S-Bahnhofs Friedrichstraße)  www.argus-fotokunst.de.

Bleiben Sie neugierig

go

Fotos (c) go

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