Berlin ab 50…

… und jünger

Schultheiss-Brauerei in der Schönhauser Alle

Die Geschichte von Aufstieg und Fall, Schattendasein und Wiederentdeckung mit Happy-End

bln_Schultheiss_Brauerei,_Schönhauser_Allee36-39_1918Das Vorzeigebeispiel einer gelungenen Wiederbelebung einer Industriebrache mitten in  Berlin ist die Abteilung I der Schultheiss Brauerei, die „Kulturbrauerei“,  die mit einer Million Besucher und 2.500 Veranstaltungen im Jahr in den letzten Jahre zu einer der angesagten Szene- Adressen in Berlin geworden ist.

1842 kaufte der Apotheker  August Heinrich Prell   nach Angaben des Vereins für Brauereigeschichte Berlins e.V. (http://www.ggb-berlin.de/frameset.html)  ein 2, 5 Hektar großes  Areal außerhalb des alten Berlins an der heutigen Schönhauser Allee, um untergäriges Bieres nach bayrischer Art zu brauen und dieses in der angegliederten Schankstube auszuschenken.

Bereits nach 10 Jahren verkaufte er die Brauerei an den Kaufmann Jobst Schultheiss, bln_Schultheiss,_Schultheiss_Bock,_Starkbier,_Schönhauser_Alleeder der Brauerei seinen Namen gab. 1864 wurde Adolf  Roesicke Besitzer der Brauerei, der vorher viel Geld mit einer Weißnäherei (Wäschefirma) verdient hatte. Es war „Gründerzeit“ in Deutschland, in der oftmals dann der „Gründerkrach“ mit Pleite folgte. Anders hier: Unter Roesickes Sohn Richard, der mit der kaufmännischen Leitung beauftragt war, expandierte die Brauerei. Der Hauptsitz wurde zwischen heutiger Sredzkistrasse und Knaakstrasse durch Zukauf großer Grundstücke an der Schönhauser Alle  36-38 angelegt. Frisches Geld kam über die Gründung einer Aktiengesellschaft 1871 in die Kasse.

Mit dem Erwerb  einer Großkühlanlage der Firma Linde 1882/83  konnten die bisherigen Eiskeller (untergäriges Bier!) in Lagerkeller umgewandelt werden, durch die Einführung von Flaschenbier stieg die Produktion. Die Anzahl Hektoliter gebrauten Bieres wuchs von Jahr zu Jahr, waren es noch 10.000 hl um 1860,  so stieg der Ausstoß auf 850.000 hl im Jahr 1900. Durch weitere Zukäufe wuchs das  kulturbrauereiBrauereigelände auf 25.000 m²  und die Abteilung I (die heutige Kulturbrauerei) wurde 1887 nach einem Entwurf  des Berliner Architekten und Hofbaurat Franz Schwechten (von ihm stammt u.a. der Entwurf der Kaiser Wilhelm Gedächtniskirche und des Anhalter Bahnhofs) als  repräsentativer Industriebau nach dem Vorbild  einer mittelalterlichen Burganlage  errichtet. Wie bei vielen Industriebauten aus dieser Zeit in Berlin (AEG, Siemens und Borsig) waren aufwendige Gestaltungen in gediegenem Ziegelwerk mit Schmuck  zur Selbstdarstellung  der wirtschaftlichen Potenz des Unternehmens üblich und durch die niedrigen Löhne auch realisierbar (Heute ist die Arbeitskraft teuer und das Material billig, man sieht es an den Industriebauten).

1892 erfolgte die Eröffnung des Brauereiausschanks und 1896 entwarf Schultheiss1Karl Klimsch (Bruder des Malers Paul und des Bildhauer Fritz Klimsch) das noch heute genutzte Logo der Schultheiss-Brauerei unter Anspielung auf den „Schultheiß“ als mittelalterlichen städtischen Ratsbeamten. Durch Zukäufe wie die Tivolibrauerei Kreuzberg als Abteilung II (1899, heute das „Victoria- Quartier “) und die Groterjan-Malzbierbrauerei (1920) in der Milastrasse wuchs die Brauerei weiter.

IMG_20160323_1122291914 wurden 1,75 Millionen Hektoliter produziert. Damit war die Brauerei zu diesem Zeitpunkt die größte Brauerei Deutschlands. Neben anderen, auch außerhalb Berlins  liegenden Produktionsstandorten, gehörte auch die heute als Ruine in der Schnellerstrasse  in Schöneweide befindliche Abteilung IV dazu, die 1888 als Borussia –Brauerei gegründet und bereits 1898 von Schultheiss aufgekauft wurde.

1920 erfolgte die Fusion mit der Actien-Brauerei-Gesellschaft Friedrichshöhe (vormals Patzenhofer, 1855 gegründet durch den Bayern  Georg Patzenhofer) zur Schultheiss-Patzenhofer- Brauerei. Der Jurist Dr. Walter Sobernheim (1869-1945 NY), baute ab 1920 als Generaldirektor die Schultheiss-Patzenhofer -Brauerei zu einer der größten Brauereien Deutschland und zu einer der weltweit führenden beim Lagerbier aus. Er war einer  der bekanntesten Industriellen seiner Zeit und musste 1933 wegen seiner jüdischen Abstammung Deutschland verlassen (siehe hier im Blog: https://berlinab50.com/2015/04/12/die-sobernheims-von-schwanenwerder/).

Ab 1938 hieß die Brauerei  „ Schultheiss- Brauerei AG“ und war  mit 4,5 Mio. hl die größte Lagerbierbrauerei der Welt. In der Abteilung I (der Schönhauser Alle/Sredzkistrasse ) wurde noch bis 1967 gebraut, dann wurde der Betrieb stillgelegt und u.a. ein Teil der Gebäude als Möbellager genutzt.

1974 wurde das Areal zwar unter Denkmalschutz gestellt, aber nicht saniert und  verfiel. 1990 übernahm die Treuhand das Gelände und unter  dem Weblink: http://www.kulturbrauerei.de/gelaende/geschichte/ kann die wechselvolle Geschichte von Aufbruch nach 1990, Verkaufsversuchen, ersten Mietern, Insolvenzen, Sanierung zwischen 1998 und 2000 und glücklichem Ende nachvollzogen werden. Auf 40.000 Quadratmeter Gewerbefläche haben heute auf dem Gelände der Abteilung I verschiedenste  Kultureinrichtungen, Dienstleister und Gewerbe ihre Heimat gefunden. Dazu zählen so stadtbekannte Einrichtungen wie der „frannz“- Club, der Soda-Club, kulturbrauerei (2)das Kino in der Kulturbrauerei, das Museum in der Kulturbrauerei (Alltag in der DDR, als Außenstelle der Bonner Stiftung „Haus der Geschichte“), das Theater „Ramba Zamba“, das „Panda-Thater“ und die Literaturwerkstatt Berlin. Viele Restaurants, Sportschulen und außergewöhnliche Geschäfte (z.B. Fischers Lagerhaus mit Möbeln und Wohnaccessoires aus Asien) gibt es außerdem. Stadtbekannte Veranstaltungen wie Weihnachtsmärkte, Theater- und Musikfestivals und  der Street Food- Sonntagsmarkt locken Berliner und Touristen gleichermaßen.  Glückwunsch und Dankeschön an die Projektentwickler von der TLG!  (Tochtergesellschaft der Treuhand, die  2012 privatisiert wurde).

BRAUEREI SCHULTHEISS (1)

„Im Bier liegt das größte Glück“

Eine Brache, die noch auf ihre Wiederbelebung wartet, stellen wir in der nächsten Folge vor: die  ehemalige „Actien-Brauerei-Gesellschaft Friedrichshöhe (vormals Patzenhofer) in der Landsberger Alle/Richard Sorge –Straße (seit 1920 zu Schultheiss gehörend).

mw

Fotos (c) Hotel-Pension Kastanienhof und (c) mw

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: